Michael Kloft © Lars Krux Photography 2020
Chef der "Spiegel"-Pay-TV-Sender im Interview

Michael Kloft: "Unser Archiv ist unser großes Glück"

 

Zum Start der neuen Staffel von "Babylon Berlin" steuert Spiegel Geschichte eine Dokumentation bei. DWDL.de sprach mit Geschäftsführer Michael Kloft über das Projekt, die Transformation des Bezahlfernsehens und Glaubwürdigkeit.

von Alexander Krei
23.01.2020 - 07:07 Uhr

Herr Kloft, bei Spiegel Geschichte zeigen Sie heute die neue Staffel der Dokumentation "Sündenbabel Berlin", die das echte Babylon Berlin" erzählen will. Was war Ihr Ziel?

Ich habe im Vorfeld immer gesagt, ich möchte gerne Sex, Drugs und Charleston in unserer Dokumentation haben. (lacht) Das wurde wunderbar umgesetzt.

Wie sehr unterscheidet sich die Realität denn von der Fiktion der Serie?

Die Romane von Volker Kutscher sind äußerst gut recherchiert, und je mehr ich durch die Recherchen von Nathalie Boegel, die unsere Dokumentationen gemacht hat, erfahre, desto mehr wird mir bewusst, dass die Serie schon sehr nah dran ist an den Begebenheiten der damaligen Zeit. Meine Kollegin ist diesmal noch tiefer in die Archive der Polizei gestiegen, hat sich Gerichtsakten durchgelesen und die Fälle des berühmten Kommissars Gennat angesehen, der die Mördersuche in Berlin einst revolutionierte. In der aktuellen Staffel von "Babylon Berlin" geht es aber auch um den Stummfilm und das Kino der damaligen Zeit – auch hier lassen sich in unserem Film Parallelen erkennen. 


Die Doku läuft einen Tag vor der Premiere der neuen "Babylon Berlin"-Staffel, dürfte also auch im Interesse von Sky sein. Gab es diesbezüglich bei der Entstehung eine Zusammenarbeit?

Die beiden Projekte sind unabhängig voneinander entstanden. Aber natürlich haben wir uns im Vorfeld ausgetauscht. Mit Marcus Ammon von Sky verbindet mich eine gute Zusammenarbeit, spätestens seitdem wir rund um "Das Boot" eine dreiteilige Doku über den U-Boot-Krieg gemacht haben. Dass wir jetzt erneut eine Dokumentation zu "Babylon Berlin" produzieren, hat die Kollegen gefreut – mich wiederum freut es, dass es auch eine Cross-Promo geben wird.

Gleichzeitig entdecken auch internationale Streamingdienste zunehmend das Doku-Genre für sich. Bereitet Ihnen das keine Sorgen?

Einen 24/7-Sender wie Spiegel Geschichte können Sie nicht ohne internationale Produktionen betreiben, aber die deutschen Dokumentationen bilden das Rückgrat. Gerade Themen rund um die deutsche Geschichte werden sehr stark bei uns nachgefragt, zunehmend auch auf Abruf. Da spielt es uns in die Karten, dass wir uns bei Spiegel TV – und damit schon lange vor dem Start von Spiegel Geschichte – mit diesem Genre auseinandersetzen. Deshalb sollten wir auch mit Blick auf neue Player selbstbewusst sein. 

Gleichzeitig arbeiten Sie mit der BBC oder dem ZDF zusammen. Wie wichtig sind diese Partner?

Um einen Film machen zu können, der nicht ganz billig ist, benötigen Sie perspektivisch eine Free-TV-Ausstrahlung. Wir zögern das oft über vereinbarte Holdbacks mit Sky hinweg, weil unsere Filme bei Sky als wichtigster Partner im Vordergrund stehen sollen. Im Falle der ersten Staffel von "Sündenbabel Berlin" interessierte sich das ZDF nach der Ausstrahlung von "Babylon Berlin" für die Thematik, sodass wir unsere Dokumentation an ZDFinfo verkaufen konnten, wo ja ohnehin schon viele unserer Filme mit großem Erfolg zu sehen sind.  

Wie viele neue Eigenproduktionen können Sie sich für Ihre Pay-TV-Sender leisten?

Wir machen alleine bei Spiegel TV rund 30 bis 40 Produktionen pro Jahr, dazu kommen von unserem Partner Autentic noch einmal ähnlich viele Koproduktionen. Es ist unser großes Glück, dass wir uns auf ein großes Archiv stützen können. So können wir Reihen machen wie jene zur Wendezeit, die gerade in Arbeit ist. Gott sei Dank ist bei uns schon sehr früh entschieden worden, das Rohmaterial unserer damaligen Berichterstattung aufzuheben. 

Wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, die beiden linearen Sender heute überhaupt noch zu betreiben, wo es doch vielfältige Möglichkeiten gibt, die Dokumentationen abzurufen?

Die Zahlen zeigen, dass die Transformation viel langsamer geht als das die Experten noch vor zwei, drei Jahren vorhergesagt haben. Damals hielt manch einer das lineare Pay-TV bereits für tot. Ganz so schnell geht es dann doch nicht. Ich bin guten Mutes, dass die lineare Nachfrage nach guten Dokumentationen auch in den nächsten Jahren noch hoch sein wird – im Übrigen auch bei den jüngeren Zuschauern. 

Es scheint ohnehin ein weit verbreitetes Vorurteil zu sein, dass sich nur ältere Zuschauer für Dokus interessieren. 

Das ist tatsächlich eine gerne verbreitete Unwahrheit der letzten Jahre. Vor 20 Jahren, als noch die Filme von Guido Knopp im ZDF liefen, konnte man den Eindruck gewinnen, er schauen nur diejenigen zu, die den Krieg noch selbst erlebt haben. Aber das hat sich gewandelt. Da hilft auch eine gewisse Machart, ein jüngeres Publikum zwischen 29 und 49 Jahren für diese Themen zu interessieren. Das lässt sich anhand von ZDFinfo sehr gut erkennen. Der Sender ist auch deshalb erfolgreich, weil sich das Programm gewandelt hat und dort Themen stattfinden, die nicht ausschließlich die Älteren interessieren. Und das sage ich nicht, weil dort auch viele Filme von Spiegel TV laufen. (lacht) 

Wie sehr hat sich die Machart in den letzten Jahren verändert?

Die Qualität des Bildes ist entscheidend. Natürlich ist früher Material nicht in HD gedreht worden, aber wir tasten originales Filmmaterial in HD ab – so wie jetzt auch bei "Sündenbabel Berlin". Das macht einen Unterschied und das wird auch von den Zuschauern verlangt. 

Welche Rolle spielt die Glaubwürdigkeit einer Marke, die die Dokumentationen transportiert?

Ohne Glaubwürdigkeit geht es nicht. Man muss sie sich über Jahre hinweg erarbeiten. Wir sehen uns ganz in der Tradition des Hauses "Spiegel", auch wenn dessen Glaubwürdigkeit in den letzten ein, zwei Jahren etwas angekratzt wurde. Unser Anspruch ist es, Geschichten so zu erzählen, dass wir sehr nah an den Quellen und der wissenschaftlichen Forschung sind, ohne akademisch zu wirken. Letztlich müssen Dokumentationen so erzählt werden, dass sie sich die Zuschauer gerne anschauen. Aber die Fakten müssen stimmen. 

Was, wenn sich das Gegenüber von Fakten nicht überzeugen lässt?

Man muss in der Lage sein, die Fakten nachprüfen zu können – selbst wenn es die abstrusesten Gegenmeinungen gibt. Wenn Zuschaueranfragen kommen, werden diese selbstverständlich beantwortet. Gegen Verschwörungstheorien kann ich allerdings nur wenig ausrichten.

Zum Schluss ein kurzer Ausblick: Welche Pläne haben Sie für 2020?

Bei Spiegel Geschichte beschäftigen wir uns ausführlich mit dem Themengebiet 75 Jahre Kriegsende, allerdings interessiert uns auch die jüngere Zeitgeschichte. Jüngst hatten wir das Glück des Tüchtigen: Als die Nachricht von der Tötung des Generals Soleimani kam, konnten wir am nächsten Tag eine BBC-Dokumentation über Irans Schattengeneral ins Programm nehmen. Mit Blick auf Spiegel TV Wissen setzen wir weiterhin auf Alltagsreportagen. Kein Sender in diesem Bereich hat so viel deutsches Programm wie wir. Daran wollen wir auch in Zukunft festhalten. 

Herr Kloft, vielen Dank für das Gespräch.

Spiegel Geschichte zeigt "Sündenbabel Berlin" am Donnerstag um 21:45 Uhr.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Ist Sesselsportler, von Bundesliga bis Darts-WM.

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