Rolf Hellgardt / Oliver Wirtz © Marco J. Drews / Riverside
Interview mit Rolf Hellgardt und Oliver Wirtz

Nur live ist live: "Die Anarchie im Fernsehen ist zurück"

 

Am Freitagabend startet bei RTL "Alles auf Freundschaft - Die Mälzer & Sasha Show". Die Produzenten Rolf Hellgardt und Oliver Wirtz sprechen im DWDL.de-Interview über das Konzept, den Faktor "live" und die Entwicklung der Branche.

von Thomas Lückerath
31.01.2020 - 10:16 Uhr

Ein Wettbewerb in verschiedenen Disziplinen mit Prominenten, die gegen normale Zuschauer antreten - das klingt erstmal nicht neu. Kommt „Alles auf Freundschaft“ da nicht etwas zu spät?

Rolf Hellgardt: Da würde ich gern widersprechen, weil das von uns selbst entwickelte Format einen besonderen Kern hat. Die Idee zur Sendung ist aus der langen Freundschaft zwischen Tim und Sasha entstanden, von der sicher noch nicht so viele in Deutschland überhaupt wissen, dass die beiden so gut miteinander befreundet sind. Sie waren gegenseitig Trauzeugen, Tim ist Patenonkel von Sashas Sohn. Es ging uns anfangs gar nicht darum, eine Gameshow zu entwickeln. Wir haben gemeinsam überlegt, was man aus dieser tollen Freundschaft machen kann, weil die beiden damals bei der „Dalli, Dalli“-Neuauflage „Das ist spitze“ in der ARD mitgemacht und einfach Bombe waren. Tim wollten wir eigentlich mit einem anderen Koch paaren aber er meinte dann „Find ich scheiße“ und schlug Sasha vor. Und da haben wir erstmal mitbekommen, dass die beiden beste Freunde sind.

Oliver Wirtz: Und die beiden sind eben zwei leidenschaftliche Zocker. Ich habe Tim mal bei einer Poker-Show angemeldet, obwohl er Poker gar nicht beherrschte. Er hat sich dann in einer Woche alles draufgeschafft und die Show gewonnen. Der hat vorher noch nie gepokert in seinem Leben. Aber er zockt halt gerne.



Wie genau sieht denn jetzt das Spielprinzip aus?

Rolf Hellgardt: Das Besondere an dem Spielprinzip ist ja, dass es zwei Ebenen hat. Wir spielen um hunderttausend Euro, beide Freundespaare starten mit je 50.000 Euro und bekommen ein Spiel angekündigt. Sie müssen dann erst einmal entscheiden, wie sicher sie sich eines möglichen Sieges sind und wie viel ihres Geldes sie auf den Sieg in dieser Runde setzen. Da wird gezockt und danach gilt es dann das Spiel auch zu gewinnen. Das hat vor dem eigentlichen Spiel viel mit Psychologie zu tun, mit der Selbsteinschätzung der beiden Freundespaare.

Oliver Wirtz: So erfährt man über die Show hinweg immer nochmal neue Aspekte der Freundschaften. Immer wieder wird man sich unweigerlich fragen, wie es bei einem selbst und der besten Freundin oder dem besten Freund aussehen würde.

Rolf Hellgardt: Es gibt ja viele Gameshows, die auf Zynismus setzen, also auf erbitterten Wettbewerb. Wir wollen aber Freundschaften feiern. Da gibt es auch Ehrgeiz, aber mit Spaß dahinter. Und wir wollen auch die zwei Freunde, die gegen Tim und Sasha antreten, auf Augenhöhe darstellen. Hier spielen nicht Normalos gegen Prominente, sondern beste Freunde gegeneinander, die nur dann gewinnen können, wenn sie sich aufeinander verlassen können. Und ich hoffe, dass das Publikum zuhause sich auch in den Dynamiken der beiden Freundespaare wiedererkennt.

Klingt jetzt ein bisschen nach harmonischem Gruppenkuscheln, aber es geht ja letztlich auch um 100.000 Euro, die entweder das Kandidaten-Duo gewinnen kann oder eben Tim Mälzer und Sasha. Was machen die mit dem Gewinn?

Rolf Hellgardt: Wir haben eine Lösung gefunden, die für die jetzige Event-Programmierung einmal am Freitagabend und gleich wieder am Sonntagabend besonders gut funktioniert. Sollten Tim und Sasha am Freitagabend gewinnen, müssen sie ihre gewonnenen 100.000 Euro innerhalb von 24 Stunden unter die Leute bringen. Ob sie in die nächste Kneipe gehen und Lokalrunden davon schmeißen, im Supermarkt Familien den Einkauf bezahlen möchten oder einer Charity Geld überreichen wollen - das bleibt ihnen überlassen. Wir werden es natürlich begleiten und Sonntag in der Sendung auflösen. Aber erstmal müssten sie die Show gewinnen.

Oliver Wirtz: Die Sendung am Sonntag wird übrigens eine neue Show mit neuen Gegnern für Tim und Sasha. Das ist keine Fortsetzung vom Freitag, abgesehen von der möglichen Auflösung ihrer Gewinnverteilung. Vor dem schwierigen Sendeplatz am Sonntag haben wir natürlich großen Respekt. Es gilt am Freitagabend das Interesse für das Format zu wecken.

Rolf Hellgadt: Der Freitagabend ist sozusagen ein sehr langer Trailer für den Sonntagabend (lacht). Nein, aber im Ernst: Wir sind mit unserem „Quiz Champion“ im ZDF ja auch eine zeitlang zweimal pro Woche gelaufen und konnten da feststellen, dass die Sendung unter der Woche unserer Samstagabend-Ausstrahlung geholfen hat. Glücklicherweise ist der „Quiz Champion“ stark genug, dass er auch einzeln funktioniert. Aber es gibt natürlich den Effekt, dass über die gelaufene Sendung gesprochen wurde und das auf die nächste zeitnahe Ausstrahlung einzahlt.

Die Show kommt am Freitag- und Sonntagabend live. War das von Anfang an klar, dass das live wird?

Oliver Wirtz: Tim hat mir ganz klar gesagt: Ich mache so etwas nur, wenn es live ist. Er möchte sicher sein, dass da nichts nachträglich verfremdet wird. Das verlangt vom Sender natürlich das Vertrauen, dass das was wir uns ausdenken in der Gesamtsumme ungeschnitten unterhaltsam wird. Kai Sturm teilte diesen Wunsch aber auf Anhieb und war sofort dafür, diese Show live zu machen. Und dabei kann ich sagen: Selbst bei einem geschnittenen Format wie „Kitchen Impossible“ war Kai zu Vox-Zeiten immer ein Verfechter davon, im Zweifel alles drin zu lassen und echt zu bleiben. Durch „Kitchen Impossible“ hat Tim dann auch erst wieder die richtige Lust auf Fernsehen gepackt. Deswegen haben wir mit dieser Showidee auch einige Zeit warten müssen. In seiner ARD-Zeit hat Tim viel gemacht, wobei er aber auch angesichts des öffentlich-rechtlichen Umfeldes sehr viele unterschiedliche Interessen berücksichtigen musste. So waren danach seine Erwartungshaltungen klar definiert und dank „Kitchen Impossible“ kam die Erkenntnis zurück: Wenn er zu 100% sein kann, wie er will, dann funktioniert es am besten.

Liefe die Show im US-Fernsehen würde also vermutlich regelmäßig gepiept werden, nehme ich an…

Oliver Wirtz: Aber wir sind ja hier bei uns und Tim muss kein Blatt vor den Mund nehmen. Da gibts dann sicher auch Zuschauerinnen oder Zuschauer, denen das nicht gefallen wird. Aber Tim hat seinen Frieden damit geschlossen, zu polarisieren und außerdem haben wir ja neben Sasha auch Steffen Hallaschka als Moderator und Freund der beiden zum Ausgleich dabei.

Rolf Hellgardt: Glücklicherweise sind wir in einer Phase, in der die Sender wieder mehr live wagen, eben auch in Abgrenzung zu Streamingportalen. Und wir haben das Fernsehen so derart perfektioniert und damit aber auch längst weitgehend von Überraschungen befreit, dass jetzt wieder die Lust aufkommt, es mit einer Live-Show drauf ankommen zu lassen. Das gilt auch für Tim und Sasha, die beide nicht wissen was passiert. Der Reiz live dabei zu sein besteht doch darin, nicht zu 100 Prozent sicher sein zu können, dass auch alles läuft. Die Anarchie im Fernsehen ist zurück.

Oliver Wirtz: Viele Entscheider haben sich lieber einmal mehr absichern wollen und haben Formate bevorzugt, die von irgendwo herkamen und dort gut liefen. Wenn es dann in Deutschland nicht lief, konnte man die Schuld mit Blick auf Erfolge woanders abweisen. Und der Glaube, alles kontrollieren zu können, wenn es aufgezeichnet wird, hemmt oft. „Let’s dance“, wo ich ja einen Protagonisten betreue (Jorge Gonzalez, Anm. d. Red.), gab es einmal ein aufgezeichnetes Special und am Set merkte man gleich eine ganz andere Stimmung als bei den üblichen Live-Shows. Entertainment dieser Art ist live einfach unerreicht, was auch für die Regie zum Beispiel eine Herausforderung ist: Jeden Moment gibt es nur einmal. Nichts kann nochmal gemacht werden. Mit Mark Achterberg haben wir auch einen Regisseur, der sich genau auf diese Herausforderung freut.

Und RTL hat einfach machen lassen?

Rolf Hellgardt: RTL ist gewillt, ins Risiko zu gehen. Den Rückhalt, eine solche Entschlussfreudigkeit und eine Klarheit in der Entwicklung dieser Show auf Seiten des Senders habe ich selten so erlebt wie in diesem Fall bei RTL. Auch bei der Entscheidung Steffen Hallaschka moderieren zu lassen. Eine solche Live-Show hat er bisher ja auch noch nicht moderiert, aber bringt die nötige Nähe zu Tim und Sasha mit, dass er auch weiß wie er sie effektiv zurechtweisen kann, falls nötig. Gleichzeitig kennt er den Umgang mit nicht-prominenten Gästen sehr gut aus „Stern TV“.

Oliver Wirtz: Wir haben die Idee - kein fertiges Konzept, wirklich nur die Idee - vergangenen April Kai Sturm präsentiert, der gerade von Vox rübergewechselt war zu RTL. Und wir bekamen umgehend das Feedback: Arbeitet das bitte aus, das finden wir toll. Und das obwohl Sasha kein RTL-Gesicht ist und Tim eigentlich bei Vox zuhause ist. Und acht Monate später geht die fertig entwickelte Live-Show in Event-Programmierung on air. Das find ich schon eine ziemlich ordentliche Geschwindigkeit.

Herr Hellgardt, Herr Wirtz, herzlichen Dank für das Gespräch

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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