Arabella Kiesbauer © imago images / K.Piles
DWDL.de-Interview mit Arabella Kiesbauer

"Der Rassismus hat sich gewandelt, aber anders als gehofft"

 

In Deutschland war sie lange nicht mehr zu sehen, aber in Österreich ist Arabella Kiesbauer schwer beschäftigt, moderiert ab morgen auch "The Masked Singer Austria" bei Puls 4. Ein Gespräch über Haltung, Rassismus und Wünsche an die Branche.

von Thomas Lückerath
13.03.2020 - 16:20 Uhr

Frau Kiesbauer, wir haben Sie schon lange nicht mehr im deutschen Fernsehen gesehen. Wie geht es Ihnen?
 
Mir geht es gut, vielen Dank. Ich bin trotzdem sehr fleißig. Ich bin wöchentlich in meiner Puls 24 Talkshow mit spannenden Gästen und Themen im Einsatz. Außerdem freue mich sehr auf „The Masked Singer Austria“, das ich Samstag moderiere. Danach beginnt die 17. Staffel von “Bauer sucht Frau” auf ATV, es geht also ziemlich rund. Die restliche Zeit  genieße ich das Leben mit meiner Familie. Letzteres ist mir in den letzten Jahren sehr wichtig geworden. Es gab schon Angebote aus Deutschland, aber ich mache nichts, was ich selbst nicht gut finde. Das ist wahrscheinlich mit ein Grund, warum ich seit über 30 Jahren erfolgreich Fernsehen mache. Wenn man in meiner Vita zurückschaut, kann man schon sagen, dass ich ein gutes Händchen für Formate bewiesen habe.


 
Stichwort Haltung. Sie haben sich 2004 von ProSieben getrennt, weil sie nicht für geskripteten Talk zur Verfügung standen. Wie schwer war es damals die Karriere zu riskieren, um bei der eigenen Haltung zu bleiben?

Das war gar nicht schwer. Ich war schon immer ein Bauchmensch und wenn ich das Gefühl habe, dass eine Entscheidung die Richtige ist, dann handle ich dementsprechend. Mir gefiel es nicht, wie sich die Fernsehlandschaft damals entwickelt hat, weshalb ich Konsequenzen gezogen habe.
 
Damals waren Sie für alle stets die Arabella, so wie einst ihr Talk bei ProSieben hieß. Wie fühlt es sich an, wenn man wieder seinen Nachnamen zurückgewinnt?
 
Das ist eine sehr intelligente Frage, die mir tatsächlich noch nie gestellt wurde. (überlegt) So schlimm war es aber nie. Dadurch, dass mich besonders in Österreich viele Fernsehzuschauer über viele Jahre hinweg begleitet haben, bleibe ich auch gerne die Arabella. Es ist schön, wenn ich beispielsweise in Wien unterwegs bin und mir Menschen zulächeln, weil ich so oft bei ihnen „zu Gast“ war und sie mich erkennen. Da kann man schon mal das Gefühl haben, dass ich mit zur Familie gehöre.  Auf der anderen Seite: Ich wurde vor ein paar Jahren in Österreich mit dem Goldenen Verdienstzeichen u.a. für mein Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit ausgezeichnet und wurde im Ministerium vom Portier als Frau Professorin Kiesbauer empfangen. Ich habe ihm dann erklärt, dass er nicht übertreiben soll. Nach der Verleihung kam er dann noch einmal auf mich zu und meinte: „Aber das mit dem Professorentitel kriegen wir auch noch hin!" Schmeichelhaft, dass er das denkt. (lacht)

Arabella Kiesbauer
Ihre gute Laune ist auf fast allen Fotos präsent, bei Rassismus hört der Spaß aber auf. (Foto: imago images / Skata)

Wir wollen über Rassismus sprechen. Deswegen komme ich von der heute erfolgreichen Arabella Kiesbauer zu den Anfängen zurück. Wie offen haben Sie die Medienbranche wahrgenommen als sie angefangen haben?
 
Dazu müssen wir aber noch ein bisschen weiter zurückreisen als zur ProSieben-Talkshow. Mit 18 war ich in Österreich beim öffentlich-rechtlichen ORF. Da war ich ziemlich allein. Da gab es kaum anders aussehende Moderatoren. Da musste ich mich an vielen Fronten beweisen: Zum einen als Frau wahrgenommen, noch dazu als junge Frau ernstgenommen und als junge schwarze Frau akzeptiert zu werden. Das war schon damals so, dass ich gegen Windmühlen angehen musste.

Sie sagen „Schon damals so“. Hat sich der Rassismus nicht verändert?
 
Ich bin ja prinzipiell ein optimistischer Mensch, beim Thema Rassismus aber vor allem realistisch. Auch, weil ich ihn jeden Tag als schwarze Frau erleben muss oder durch Menschen, die an mich herantreten mit ihren Geschichten. Und da muss ich sagen, dass sich gefühlt nicht all zu viel getan hat. Und in den vergangenen Jahren fühlt es sich so an als würden wir sogar manchen Schritt zurück machen.
 
Sie meinen das gesellschaftspolitische Klima?
 
Ja, deswegen engagiere ich mich, gehe auf Menschen zu und werde aktiv. Seitdem ich Kinder habe, möchte ich die Welt alleine schon wegen ihnen zu einer besseren machen. Rassismus ist nach wie vor da, auch wenn das der durchschnittliche Weiße nicht mitbekommt. Diejenigen mit Migrationshintergrund erleben ihn leider immer wieder.

Hat sich der Rassismus verändert? Ich frage offen aus dem naiven Wunschdenken, dass sich doch etwas verändert haben muss in den letzten 30 Jahren…
 
Ja, der Rassismus hat sich gewandelt aber anders als gehofft. Als ich angefangen habe, in meinen frühen ProSieben-Jahren gab es das Attentat, aber viele rassistische Briefe und Kommentare darüber hinaus, die anoynm übermittelt wurden. Mittlerweile steht der Name samt Adresse auf dem Absender. Es hat sich eine Art Selbstbewusstsein entwickelt, dass man Dinge offen sagen kann, die ich nicht für möglich gehalten hätte.
 
Da spielt das Internet vermutlich auch eine entscheidende Rolle…
 
In den sozialen Medien scheint es ja sowieso sehr verlockend zu sein, seinen Senf abzusondern ohne nachzudenken. Das hat natürlich auch eine gewisse Demokratie in sich. Führt aber auch dazu, dass im Netz ein ganz besonderer Hass ausgelebt wird.
 
Durch Social Media entstehen bekanntlich Filterblasen, die nur die eigene Sicht der Dinge verstärken. Das führt inzwischen auch im öffentlichen Diskurs zu verhärteten Fronten. Wie sollen Argumente überzeugen, wenn man Gespräche verweigert?
 
Und ich bin eine große Verfechterin des Redens. Reden ist Leben. Man sagt ja auch, dass man nicht nur beim Essen zusammenkommt, sondern auch bei einem guten Gespräch. Die richtigen Argumente müssen gewinnen, aber ich sage ihnen auch: Beim Thema Diversity habe auch ich Probleme damit, mich mit Personen extremer Ansichten an einen Tisch zu setzen.

"Das prozentuale Verhältnis von Menschen mit Migrationshintergrund in der Gesellschaft und in der Branche ist leider immer noch sehr unausgewogen"

Die Grenze des Sagbaren hat sich leider verschoben, wie Sie schon sagten. Ab einem gewissen Spektrum macht es also keinen Sinn, noch ein Gespräch zu suchen?
 
Für mich geht das nicht, genau. Das können und müssen dann andere Journalisten übernehmen, die damit keine Berührungsängste haben. Aus persönlichen Gründen würde ich das nicht mehr wollen, auch wegen der Briefbombe, die ich vor 25 Jahren bekommen habe. Das hat mich natürlich bis heute geprägt. Man sagt ja, dass auch einen schreckliche Dinge etwas Positives bewirken können. Letztendlich habe ich durch dieses Attentat noch gezielter an meinem Engagement gegen Rassismus festgehalten. Ich habe angefangen, an Schulen Vorträge zu halten und jungen Leuten zu zeigen, was Rassismus bedeutet. Das hat mir Stärke zurückgegeben.
 
Ist Rassismus Ihrer Ansicht nach eine Frage des Alters?
 
Nein, das geht durch alle Schichten und Altersgruppen.
 
Würden Sie denn sagen, dass die Fernsehbranche seit damals offener und diverser geworden?
 
Als ich in Deutschland angefangen habe, haben sich die Medien unfassbar auf die Hautfarbe gestürzt. Das hat mich ziemlich überrascht, da das nicht mal in Österreich öffentlich besprochen wurde. Mittlerweile gibt es sicherlich sichtbar mehr Menschen mit Migrationshintergrund im Fernsehen. Wir sind dennoch noch lange nicht da, wo wir hin müssen. Das prozentuale Verhältnis von Menschen mit Migrationshintergrund in der Gesellschaft und in der Branche ist leider immer noch sehr unausgewogen.
 
Sie sprechen von einem Unterschied damals zwischen Österreich und Deutschland. Gibt es den Ihrer Meinung nach immer noch bei dem Thema?
 
Vielleicht ist das kulturell bedingt. Gerade, weil Österreich einst eine Monarchie war und im Osten ganz viele slawische Völker zusammengekommen sind. Da geht man mit anderen Nationen dann doch etwas anders um. Wien besteht ja aus Tschechen, Ungarn, Slawen und anderen Nationen, die anfangs einfach miteinander auskommen mussten, weil sie hier zusammengewürfelt wurden. Vielleicht kommt das größere Verständnis füreinander daher.
 
Sie haben damals normale Menschen vor die Kamera geholt. Glauben Sie - angesichts aktueller Versuche - dass das heute auch noch funktioniert?

Das ist heute einfach nicht in der Form nötig. Damals hatte meine Sendung die zum damaligen Zeitpunkt sehr wichtige Funktion, dass sich Menschen wie du und ich öffentlich austauschen konnten. Das waren nicht immer gesellschaftliche wichtige Themen, aber doch schon immer wieder mal. Die Talkshow war eine Plattform für Sorgen und Nöte. Heute erledigt das das Internet
 
Nur halt ohne Schiedsrichterin…
 
Natürlich war ich als Moderatorin eine moralische Instanz. Das wäre im Internet auf jeden Fall von Nöten. Aber trotzdem ist die Nachfrage immer noch da und das ist auch ein Grund, weshalb ich gerne in meiner Puls 24-Talkshow mit spannenden Gästen zu unterschiedlichsten Themen spreche.

Arabella Kiesbauer
Ohne Studio-Publikum, aber mit Arabella Kiesbauer: "The Masked Singer Austria" startet am Samstag. (Foto: Puls 4/ Ernst Kainerstorfer)

Lassen Sie uns noch kurz über „The Masked Singer Austria“ auf Puls 4 sprechen. Warum moderieren Sie und singen nicht unter einer der Masken?
 
(lacht) Um Gottes Willen, aber sie werden lachen. Als ich gefragt wurde, ob ich mitmachen möchte, habe ich kurz innegehalten und sicherheitshalber nachgefragt, ob sie auch die Moderation meinen. Mit dem Singen habe ich es nicht so, da sage ich: Schuster, bleib bei deinen Leisten.
 
Also moderieren Sie und dürfen sich nicht verplappern, wer unter den Masken steckt….
 
Ich weiß das doch gar nicht.
 
Ach, ihr deutscher Kollege Matthias Opdenhövel ist da im Bilde.
 
Wie der das geschafft hat! Anscheinend bin ich nicht vertrauenswürdig genug (lacht). Ich muss aber auch gestehen, dass das die Show für mich noch spannender und aufregender macht, wenn ich live mit dem Rateteam und den Zuschauern miträtseln kann.
 
Wenn Sie abschließend noch einen Wunsch an die Branche richten könnten, wenn es um das Thema Diversity geht. Was würden Sie sich konkret für die nächsten 12 Monaten wünschen?
 
Einen anderen Ansatz, bei Themen, die von Leuten mit Migrationshintergrund handeln. Wir brauchen in den Redaktionen Vielfalt. Nicht nur bei Migrationsthemen. Sie haben als schwuler Mann ja auch noch einmal einen anderen Blickwinkel auf alles rund um Homosexualität. Je vielfältiger Medien entstehen, desto realistischer decken sie die Welt ab.
 
Frau Professorin Kiesbauer, herzlichen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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