Jörg Graf © RTL
DWDL.de-Interview mit dem RTL-Geschäftsführer

Jörg Graf: "Wir wollen das partnerschaftlich bewältigen"

 

Die Corona-Krise hat auch Auswirkungen auf das TV-Produktionsgeschäft. RTL-Geschäftsführer Jörg Graf im DWDL.de-Interview über Drehgenehmigungen, verzögerte Produktionen und Rückholung von Crews aus dem Ausland.

von Thomas Lückerath
16.03.2020 - 17:25 Uhr

Herr Graf, in diesen Wochen haben alle mit besonderen Umständen zu kämpfen. Wie muss ich mir ihr zurückliegendes Wochenende und den ersten Arbeitstag im Mobile Office vorstellen?

Ich habe am Wochenende viel telefoniert, SMS und E-Mails ausgetauscht. Die gute Nachricht ist, dass unsere Zusammenarbeit auch im Mobile Office fantastisch funktioniert. Sowohl die internen Kolleginnen und Kollegen als auch viele Künstler, Mitwirkende und Produzenten verhalten sich wirklich extrem professionell und der Austausch läuft sehr gut.

Welche konkreten Programmänderungen wurden heute beschlossen?

Wir haben ja bereits heute die Änderungen zu Marco Schreyl, dem "Extra Spezial" heute Abend und dem umfassenden RTL Themenabend am Mittwoch unter dem Motto: "Gemeinsam gegen Corona" rausgegeben. Wir prüfen zudem täglich weiter den Stand bei unseren laufenden Auftragsproduktionen.

Gibt es angesichts der andauernden Situation für die kommenden Wochen auch Änderungen bei den täglichen Informationsprogrammen?

Sehr hilfreich ist, dass RTL bereits im regulären Programmschema jeden Tag viele Stunden Informationsprogramme sendet. Angefangen bei "Guten Morgen Deutschland" über "Punkt 12", die Magazine in der Access Prime Time über das Flaggschiff "RTL aktuell" bis hin zum "Nachtjournal". Die Kolleginnen und Kollegen leisten derzeit einen unglaublichen Job, weil wir selbstverständlich on top und flexibel mit Sondersendungen informieren. Ob Programmplanung, Redaktion, Technik oder viele andere Bereiche. Alle arbeiten unermüdlich und mit vollem Engagement. 

Konkret dürfte gestern das Veranstaltungsverbot der Stadt Köln Fragen aufgeworfen haben: Können Ihre Shows, etwa "Let's dance" oder "Deutschland sucht den Superstar", weitergeführt werden?

Wir gehen davon aus, dass diese Shows nicht betroffen sind, weil wir bereits frühzeitig und vorsorglich beispielsweise auf Publikum verzichtet haben. Und jetzt auch auf Familie und Freunde. Wir agieren so verantwortungsvoll wie möglich und sind dabei natürlich im engen Austausch mit Studiodienstleistern und Behörden. Das gilt im Übrigen für alle Produktionen der Mediengruppe RTL. 

Wie sieht es mit fiktionalen Projekten und anderen Produktionen on location aus? Es heißt, die Stadt Köln würde Drehgenehmigungen zurückziehen und vorerst keine mehr erteilen...

In der Tat haben wir bei Produktionen, die im öffentlichen Raum stattfinden, eine andere Situation. Wir gehen davon aus, dass es bei einigen fiktionalen Serien, die nicht im Studio stattfinden, zu Verzögerung in der Produktion kommt. Das klären wir gerade fallweise. 

Haben Produktionsverzögerungen Auswirkungen auf das tägliche Programm? Beispielsweise auch bei ihren Soaps?

Anders als bei Shows mit Publikum handelt es sich bei diesen Produktionen um ein geschlossenes Team, das im Studio produziert. Dies unterscheidet sich ja nicht von anderen Branchen. Auch dort kommen täglich Menschen zusammen um ihrer Arbeit nachzugehen. Wichtig ist aus unserer Sicht, dass alle Vorkehrungen zur Sicherheit alle Mitwirkenden gewahrt sind und etwaige Maßnahmen dann schnell und entschlossen getroffen werden, wenn beispielsweise Krankheitsfälle tatsächlich auftreten sollten.

Rechnen Sie damit, nennenswert Produktionen abzubrechen oder auszusetzen zu müssen?

Wir reagieren wie alle derzeit auf eine sich ständig veränderte Lage.

Für den 8. April ist bislang noch Ihr großer Live-TV-Event "Die Passion" geplant. Es dürfte schwer werden, daran festzuhalten oder?                                                                                                    

Auch hier klären wir gerade. Es ist wichtig, dass hier nicht leichtfertig Produktionen an- oder abgesagt werden oder Gerüchte aufkommen. Wir sind hier auch auf die Rücksprache mit Behörden und Produzenten angewiesen, weil die Verantwortung von gesundheitlichen bis wirtschaftlichen Themen reicht. Uns hilft es allen nicht, wenn jetzt Pressedienste auf möglichst schnelle Meldung pochen. Wir wägen im Augenblick so schnell wie möglich ab, entscheiden klar und kommunizieren dann.

Wenn angesichts der ernsten Lage mancher Kritiker die Sorge ums TV-Programm als irrelevant bezeichnet, was würden Sie entgegnen?

Wir sehen derzeit, dass sowohl die Informationsprogramme als auch die Unterhaltungsprogramm von unseren Zuschauern gewünscht und stark genutzt werden. Ich halte es für absolut wichtig und richtig, den Menschen bei der enormen Menge an Information auch einmal eine Atempause zu geben. Kein Mensch kann über Wochen und 24 Stunden am Tag diese Fülle bewältigen und verarbeiten. Zudem müssen wir auch an die Menschen denken, die unsere Informationsangebote produzieren. Auch diese Kolleginnen und Kollegen brauchen Unterbrechungen der Info-Programme, in denen sie weiter recherchieren und neue Sendungen vorbereiten können.

RTL und TVNow produzieren gerade auch im Ausland, "Are you the one?" wird in Südafrika gedreht, "Paradise Hotel" in Mexiko. Mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sorgen sich um die Heimreise. Wie sieht es dort aus?

Bei den angesprochenen Produktionen in Südafrika und Mexiko ist es so, dass beide Produktionen heute erfolgreich abgeschlossen und die Mitarbeiter morgen auf dem sichersten verfügbaren Weg nach Hause geflogen werden.

Generell steht davon abgeleitet die Frage im Raum: Gibt RTL den Produzenten mehr Spielraum bei den schwieriger gewordenen Produktionsbedingungen? Gibt es da eine Botschaft von RTL in den Markt?

Zunächst möchten wir uns bei allen Produzenten und Mitwirkenden für die fantastische Zusammenarbeit auch in Krisenzeiten sehr bedanken. Ich selbst habe heute telefonisch Kontakt zu vielen Mitwirkenden gehabt. Mein Eindruck ist, dass alle sehr professionell und besonnen mit der Situation umgehen. Von vielen Talenten vor der Kamera erreichen mich zunehmend Angebote, uns mit Video-Botschaften oder im laufenden Programm zu unterstützen. Das ist wirklich beeindruckend und ich danke alle Kolleginnen und Kollegen auch dafür. Unser Anliegen ist, diese völlig außerordentliche Situation gemeinsam und partnerschaftlich zu bewältigen. Wir wollen das pragmatisch angehen und selbstverständlich haben wir Verständnis, wenn nicht alle Abläufe so reibungslos und fehlerfrei klappen wie wir es sonst gewohnt sind. 

Die Änderungen und mögliche Verzögerungen werden was kosten. Eine Frage zum Finanziellen: Jetzt ist die Fernsehnutzung einerseits ja durchaus hoch, aber spürt RTL die Corona-Krise schon bei den Werbebuchungen?

Bislang reagieren auch unsere Werbepartner besonnen. Natürlich sind einige Branchen stärker betroffen als andere. Wichtig für uns alle ist, dass wir den Wirtschaftskreislauf und den Konsum so stabil wie möglich halten. Hier sind alle Beteiligten in der Verantwortung. Wir bei RTL tun alles um die Menschen auch in schwierigen Zeiten bestmöglich zu informieren und zu unterhalten.

Herr Graf, herzlichen Dank für Ihre Zeit.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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