Thomas Schreiber © NDR/@ESC-kompakt.de/Peter Rensmann
ARD-Unterhaltungskoordinator

Thomas Schreiber übt scharfe Kritik an ESC-Entscheidungen

 

Zusammen mit Stefan Raab hat ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber der EBU ein Konzept für einen alternativen ESC am 16. Mai vorgelegt. Das wurde abgelehnt. Was ihn an den jetzigen ESC-Plänen stört? Was er zu Raabs Plänen sagt?

von Thomas Lückerath
31.03.2020 - 16:00 Uhr

Herr Schreiber, für den 16. Mai plant Stefan Raab jetzt den „Free European Song Contest“. Ist das Ihrer Meinung nach ein Affront oder eine schöne Idee?

Es ist eine schöne Idee, leider am falschen Sendetag, weil am 16. Mai auch ohne den ESC ein großes europaweites Ereignis stattfinden wird: „Europe Shine a Light“. So soll das Sende-Konzept heißen, unter dem sich hoffentlich 40 europäische Länder und Australien am 16. Mai ab 21 Uhr versammeln wollen. Das wird kein Eurovision Song Contest mit Voting sein, aber es soll Europa an diesem einen Abend zusammenbringen, es soll die Fans nicht alleine lassen und ganz besonders den Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform geben. Ob die Plattform groß genug sein wird, darüber werden wir noch diskutieren müssen. Das Erste wird „Europe Shine a Light“ live senden.



Dabei wurde der ESC zunächst erklärtermaßen ersatzlos abgesagt. Wie lange hat es gedauert, sich auf diesen Ersatz-Event zu verständigen?

In einer idealen Welt hätte man den ESC 2020 in Rotterdam abgesagt, im gleichen Zug auch schon angekündigt, wer wann und wo den ESC 2021 ausrichtet und ebenso direkt mitgeteilt, was am 16. Mai 2020 stattfindet. Der zeitliche Druck auf diesen drei unterschiedlichen Entscheidungen war aber so groß, dass das am selben Tag nicht möglich war. Das hätten wir uns alle wahrscheinlich anders gewünscht. Am Tag nach der Absage habe ich ein Alternativ-Konzept für einen Eurovision Song Contest 2020 an die EBU und die holländischen Kollegen geschickt, übrigens im Namen von Stefan Raab und mir. Nach diesem Konzept hätten 41 Länder teilgenommen. Es hätte eine, allen Regeln der Gesundheitsvorsorge entsprechende, verbindende Moderation gegeben, aber jedes Land hätte seinen Akt selbst auf eine Bühne bringen können. Da, wo es möglich gewesen wäre, hätte es ein TV-Studio sein können, das hätte aber auch einfach nur ein Künstler hinter einem Klavier sein können, der sich per Skype, Zoom oder Facetime zuschaltet. Hauptsache, es wird live gesungen. Jeder setzt es so sympathisch um wie möglich und die teuerste Lösung muss nicht die sympathischste sein.

Aber das ist augenscheinlich nicht zu Stande gekommen, so dass Stefan Raab jetzt stattdessen selbst den „Free European Song Contest“ veranstalten will.

Dafür hat es in Europa keine Mehrheit gegeben, richtig. Die holländischen Kollegen haben parallel auch an einem Konzept gearbeitet und das wird jetzt umgesetzt. Ich finde es schwierig, wenn sich Deutschland als eines der großen Länder in Europa einer europäischen Idee entziehen würde, deswegen sind wir mit dabei und unterstützen das jetzt, auch wenn wir uns im Detail das ein oder andere anders, also mehr Raum für die einzelnen Künstler, gewünscht hätten. Aber in diesen Zeiten gilt es, zusammen zu halten. Dass es in Deutschland nun bei Pro7 parallel eine weitere Musiksendung gibt, ist ja dem Markt und seinem freien Spiel der Kräfte geschuldet. Was ich daran gut finde - auch wenn ich mir hätte vorstellen können, dass Herr Raab bei uns mitmacht - ist die Tatsache, dass Musikern eine Plattform gegeben wird, die sehr unter der jetzigen Situation und fehlender Präsenz leiden.

Stichwort Musiker: Sie hatten für den ESC 2020 Ben Dolic ins Rennen geschickt. Wie tröstet man seinen Künstler, wenn die EBU dann auch noch beschließt, dass er mit dem Song 2021 nicht mehr beim ESC antreten darf?

Trösten kann man da nicht, wenn dieser ganz besondere Tag, auf den wir alle so unendlich hohe Hoffnungen gesetzt hat, ausfällt. Ich denke, es liegt in unserer Verantwortung, den Künstlern, die beim ESC 2020 antreten sollten, jetzt eine den Umständen und Möglichkeiten entsprechend möglichst große Bühne zu geben. Deswegen werden wir am 16. Mai auch um 20.15 Uhr eine eigene 45-minütige Show „Countdown – nicht von der Reeperbahn“ machen, um unter anderem Ben Dolic mit unserem Song „Violent Thing“ noch einmal groß zu feiern, wenn auch kleiner, als es in Rotterdam der Fall gewesen wäre. Aber wir arbeiten daran, den Auftritt in der Art zu präsentieren, wie wir ihn auch Europa hätten zeigen wollen, natürlich auf kleinerer Bühne als in Rotterdam.

Aber entsprechend der Regel für 2021 wird er, wie alle anderen europäischen Acts, mit seinem Song nie beim ESC antreten können?

Diese Regel für 2021 war eine Entscheidung der sogenannten Reference Group der EBU zwei Tage nach der Absage, zu einem Zeitpunkt, zu dem es keinen Host Broadcaster als ausrichtenden Sender für 2021 gab und auch noch keinen Sendetermin. Das hat erstmal ein engagiertes Investment in vielen europäischen Ländern zerstört, in der Addition sicher Millionen, ohne die Garantie zu haben, dass es 2021 einen Eurovision Song Contest geben wird. Es gab vorher auch keine Konsultation der anderen Länder. Das finde ich inhaltlich falsch, von den wirtschaftlichen Konsequenzen verantwortungslos und von der Kommunikation her unprofessionell.

Das sind sehr klare Worte.

Ja, niemand kann derzeit die Auswirkungen der Corona-Krise abschätzen, aber ganz Europa soll mit den Vorbereitungen für neue nationale Vorentscheide starten. Das wird nicht allen Ländern wirtschaftlich möglich sein, und ich befürchte, kleinere Länder trifft das ganz besonders.

Eine letzte Frage noch: Welchen Tipp würden Sie Stefan Raab mit auf den Weg geben bei dem Versuch, einen europäischen Wettbewerb auf die Beine zu stellen?

Ich habe bislang nicht die Erfahrung gemacht, dass Stefan - bevor er etwas macht - bei anderen nach Tipps fragt. Ich vertraue da seiner intellektuellen, emotionalen und sozialen Kompetenz.

Herr Schreiber, herzlichen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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