Armin Wolf © imago images / Eibner Europa
Armin Wolf im DWDL.de-Interview

"Im Alltag ohne Isolation geht es mitunter deutlich rauer zu"

 

Zwei Wochen lang hat sich ORF-Journalist Armin Wolf mit vielen anderen Mitarbeitern im Sender einsperren lassen, um dort den Sendebetrieb aufrechtzuerhalten. Im Interview spricht er über Herausforderungen, neue Arbeitsabläufe und das Ende der Isolation.

von Timo Niemeier
07.04.2020 - 13:00 Uhr

Herr Wolf, seit rund zwei Wochen befinden sich 242 ORF-Mitarbeiter in ganz Österreich in Isolation, um einen sicheren Sendebetrieb zu gewährleisten. Sie sind auf dem Wiener Küniglberg im ORF-Zentrum auch mit dabei - wie groß ist der Lagerkoller inzwischen?

Erstaunlich gering. Was mich durchaus überrascht. Ich bin hier im größten Isolationsbereich für die nationalen TV-Nachrichten, wir sind etwas über 60 Menschen, aber die Stimmung ist ausgezeichnet und der Teamgeist toll. Ich habe hier noch nie ein ungutes Wort gehört. Im Alltag ohne Isolation geht es mitunter deutlich rauer zu.

Warum haben Sie sich freiwillig für die Isolation gemeldet?

Als feststand, dass es dazu kommt, war klar, dass ich mich melde. Ich bin seit vielen Jahren der Hauptmoderator der ZiB2, da wäre es doch sehr seltsam, würde ich von draußen zuschauen, wie hier herinnen die Sendung entsteht.

Wie kann man sich das Arbeiten und Leben in ORF-Isolation vorstellen? Wie viel haben Sie gearbeitet, wie viel war Freizeit?

Freizeit gab es sehr wenig. Zum einen, weil wir jeden Tag eine verlängerte Sendung hatten, die sehr aufwändig vorzubereiten ist. Ich habe auch jeden Tag hunderte Mails von Zusehern bekommen, mit ihren Fragen, Anregungen und zahllosen mehr oder weniger guten Ideen und Hypothesen zur Corona-Situation. Und es gibt hier herinnen neben der Arbeit auch nicht sehr viel zu tun.

Wie haben Sie die wenige Freizeit verbracht?

Freizeit hatte ich immer nur nach der Sendung am späten Abend. Da habe ich meistens mit Kollegen aus der Technik noch eine Stunde Tischtennis gespielt.

Was ist die größte Herausforderung in der Isolation?

Die täglich identische Routine ohne jede Abwechslung. Und dass es keine Pause gab. Ich moderiere normalerweise nicht zwei Wochen durchgehend jeden Tag um 22:00 Uhr eine verlängerte Sendung mit mehreren Live-Gästen. Das war physisch echt anstrengend.

"Die gesamte ZiB2-Redaktion unterhält sich seit Wochen nur mehr via Skype-Konferenz, niemand trifft sich physisch - und ich hoffe, dass nichts davon die Krise überlebt."
Armin Wolf

Die Isolation war zunächst für zwei Wochen angedacht, diese Zeit ist am Dienstag vorbei. Wie geht es nun weiter? 

Ich werde, wie geplant, am Dienstag nach der Sendung ausziehen und mein Kollege Martin Thür übernimmt ab Mittwoch die ZiB2. Sollte die Isolation so lange dauern, dass er abgelöst werden muss, würde ich wieder einziehen.

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz hat bereits angekündigt, dass es genügend neue freiwillige ORF-Mitarbeiter gibt, die 14 Tage lang in Isolation arbeiten würden. Wie lange ließe sich so ein Schicht-Isolationsbetrieb aufrechterhalten?

Ich weiß es nicht. Ich wäre bereit, nach der Schicht von Martin Thür wieder für zwei Wochen in die Sperrzone einzuziehen, hoffe aber doch, dass das nicht längerfristig unser Dienstplan wird. 

Der ORF ist der einzige große TV-Sender im deutschsprachigen Raum, der seine Mitarbeiter in Isolation schickt. Wieso ist das so und was können Sie den Kollegen für den Fall der Fälle raten? 

Warum das so ist, müssten Sie den Generaldirektor fragen, es war seine Entscheidung. Raten würde ich jedenfalls, die eigenen Kopfpolster mitzubringen. Meiner hier herinnen bestand zu etwa 150% aus Polyester und war dünn wie ein Tageszeitung vom Montag.

Bett von Armin WolfKein Luxus, aber immerhin ein eigenes Zimmer. Armin Wolf hat in den letzten zwei Wochen in seinem Büro genächtigt.

Das Coronavirus hat Anfang des Jahres zunächst in China gewütet, später dann auch in Österreich und Europa. Wann haben Sie die Tragweite des Virus begriffen?

Als ich - ziemlich früh und eher zufällig - mit meinem Kollegen Raimund Löw gesprochen habe, dem ehemaligen ORF-China-Korrespondenten, den ich seit über 30 Jahren als extrem rationalen und analytischen Menschen und super kompetenten Journalisten kenne. Ich hielt das damals noch für eine ziemliche Hysterie. Aber Raimund Löw ist wirklich das Gegenteil eines Hysterikers. Als er mir erklärt hat, für welch große Geschichte er das hält, dachte ich mir: Achtung, da muss deutlich mehr dran sein, als ich noch sehe.

Welche neuen Prozesse haben sich bei Ihnen im Team entwickelt und welche davon werden die Krise überleben?

Wir haben die letzten Wochen völlig dezentralisiert gearbeitet, aus der Isolationszone, aus dem Home Office, im ORF nach Stockwerken strikt getrennt und aus verschiedenen Außenstudios. Die gesamte ZiB2-Redaktion unterhält sich seit Wochen nur mehr via Skype-Konferenz, niemand trifft sich physisch - und ich hoffe, dass nichts davon die Krise überlebt. Ich finde das furchtbar. Ich bin ein ganz großer Fan von redaktionellem Journalismus, der auch davon lebt, dass man in Sitzungen mit klugen, lebenden Kolleg*innen diskutiert und streitet und abwägt und lacht und vor allem gemeinsam klüger wird. Das alles funktioniert via Skype nicht so gut.

Mal abgesehen von der Tatsache, dass der Sendebetrieb gewährleistet ist, was hat die Isolation noch Gutes?

Dass sich hier viele tolle Kolleg*innen aus den unterschiedlichsten Bereichen des ORF kennengelernt haben, die üblicherweise - wenn überhaupt - maximal mal miteinander telefonieren. Und die mitternächtlichen Tischtennis-Turniere nach der Sendung.

Worauf freuen Sie sich am meisten nach der Isolation?

Auf meine Frau und meine Familie, die mir hier wirklich sehr abgehen. Facetime ist wirklich nix gegen face to face.

Herr Wolf, vielen Dank für das Gespräch!

(Dieses Interview haben wir schriftlich geführt)

Über den Autor

Timo Niemeier schreibt mit kleiner Unterbrechung seit 2014 für DWDL.de, er lebt in Wien und ist damit der Alpen-Beauftragte. Mag seichte Unterhaltung ebenso wie anspruchsvolle High-End-Serien, kann sich aber auch in Geschäftsberichten verlieren.

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