Jane Goodall © National Geographic
DWDL.de-Gespräch mit Jane Goodall

"Ohne Hoffnung machst du die Welt zu keinem besseren Ort"

 

1960 begann Jane Goodall mit der Verhaltensforschung bei Schimpansen in Tansania. Seitdem avancieret sie zu einer der bekanntesten Umweltaktivistinnen der Welt. DWDL.de hat sich mit ihr über ihr neuestes National Geographic Projekt "Hoffnung" unterhalten.

von Kevin Hennings
22.04.2020 - 16:38 Uhr

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Frau Goodall, in ihrer neuen National Geographic Dokumentation geht es um Hoffnung. Wissenschaftler verwenden selten das Wort "Hoffnung". Warum ist Ihnen Hoffnung in der Wissenschaft wichtig? 

Hoffnung ist in meinen Augen für alles und jeden wichtig, für dich und für jeden Wissenschaftler, der tagtäglich zur Arbeit geht. Wenn keine Hoffnung in dir steckt, wie kann es dir dann wichtig sein, wie du etwas machst? Wenn du der Meinung bist, dass deine Arbeit die Welt zum Besseren verändern kann, dann hast du Hoffnung in dir. Ohne wirst du die Welt zu keinem besseren Ort machen können. Ohne Hoffnung würde jeder von uns lediglich essen, trinken und kein Problem damit haben, wenn er am nächsten Tag tot umfallen würde.

Sie verstehen sich als Hoffnungsträgerin?

Je mehr gute Nachrichten die Leute hören, desto eher werden sie ihren Beitrag leisten und versuchen, selbst etwas zu bewirken. Diese Aufgabe erfülle ich mit Freude. 

Momentan sind die Nachrichten vor allem mit negativen Nachrichten gefüllt. Welche positiven Nachrichten haben Sie in petto, die möglicherweise nicht jedem bekannt sind?

Ich weiß nicht, was jeder weiß. Jeder ist die ganze Zeit in den sozialen Medien unterwegs, daher weiß wahrscheinlich jeder alles, was vor sich geht. Aber was ich liebe, ist die Art und Weise, wie Gemeinschaften zusammengekommen sind. Ich habe eine sehr bewegende Geschichte über zwei sehr, sehr gewalttätige Banden in einem der Townships um Johannesburg gelesen. Es gab viele Bandenmorde, und jetzt sind die beiden Anführer, zwei große, harte Jungs, zusammengekommen, um ihre Gemeinschaften zu beschützen und zu ernähren. Und jeder hofft, dass sich dieser Waffenstillstand vielleicht verlängert. Dann gibt es all die Leute, die Spenden tätigen, die ihre Telefonnummer für diejenigen veröffentlichen, die einsam sind und sich unterhalten wollen, die anbieten, mit Hunden von Menschen spazieren zu gehen, die aufgrund dieser Krankheit das Haus nicht verlassen dürfen. Diese Art von Dingen. Es gibt viel Engagement und Fürsorge in der Welt, und das ist etwas, woran wir vielleicht festhalten können, wenn diese Epidemie vorbei ist.

"Ich hoffe, dass immer mehr Menschen verstehen, dass diese Pandemie das Ergebnis unserer Zerstörung der natürlichen Welt ist."

Es gibt die Redensart, dass man in jeder Krise eine Chance finden kann. Wie sieht die Chance aus, wenn Covid-19 die Krise ist?

Die Chance, die Hoffnung ist, dass das Coronavirus die Art und Weise verändert, wie wir über die Welt denken, in der wir leben. Es gibt viele Menschen, die in Städten aufgewachsen sind und für die Umweltverschmutzung etwas vollkommen normales ist. Aber jetzt, wo der Himmel immer klarer wird und viele, viele Menschen nicht mehr in die verschmutzte Umgebung zurückkehren möchten, die vor dem Coronavirus existierte, werden Regierungen unter Druck gesetzt, etwas dagegen zu unternehmen. Es könnte neue Gesetze geben. 

 

Sie erwähnen damit explizit Gesetze für den Umweltschutz. Persönlich treten Sie aber auch konkret für die Tierwelt ein. Was muss sich da ändern?

Ich hoffe, dass immer mehr Menschen verstehen, dass diese Pandemie das Ergebnis unserer Zerstörung der natürlichen Welt ist. Tiere, die normalerweise in der Wildnis leben, wurden durch ignorantes Menschenhandeln in engen Kontakt mit unserer Spezies gebracht. Die Jagd, der Handel, das Essen von Tieren und die Verwendung von Tieren für die Medizin auf asiatischen Märkten sind mit die Ursache dieser Krise. All diese Dinge bringen uns in Gefahr und werden uns einem großen Risiko für andere solche zoologischen Krankheiten aussetzen, die in Zukunft kommen könnten. 

Jane Goodall

Seit nunmehr 60 Jahren geht Jane Goodall ihrer Berufung nach.

Ihre Hauptleidenschaft sind Schimpansen - eine Spezies, die seit Jahren vor dem Aussterben steht. Wie wollten Sie mit der Dokumentation neue Hoffnungen schüren?

Alle Menschen in Afrika, die mit wilden Schimpansen arbeiten, haben sich auf einen Konsens geeinigt: diejenigen, die keine Maske und Schutzkleidung haben, dürfen nicht in ihre Nähe. Der Tourismus wurde in allen Nationalparks und Reservaten gestoppt, in denen es Schimpansen und Affen gibt, weil diese Primaten definitiv Krankheiten von uns bekommen können. Und wir arbeiten natürlich auch daran, die gefangenen Schimpansen, die Waisenkinder, wieder aufzupäppeln, damit sie zukünftig in der freien Natur überleben. Wir geben also unser Bestes und wenn Covid-19 die Schimpansen tatsächlich nicht infiziert, haben wir allerhand positive Dinge, mit denen wir arbeiten können

Was ist das Faszinierendste, was Sie in während ihrer Arbeit mit Schimpansen gelernt haben?

Der größte Augenöffner war, festzustellen, wie unglaublich ähnlich sie uns sind. Sie küssen und umarmen sich, halten Händchen, teilen Essen, betteln. Sie fechten aber auch Kämpfe aus, frönen der Gewalt, gar primitiven Kriegen. Schimpansen sind nicht nur biologisch gesehen unser engster Verwandter. Früher dachte man, nur Menschen würden Werkzeuge herstellen und benutzen und nur Menschen würden Persönlichkeiten und Emotionen besitzen. Mittlerweile haben wir bewiesen, dass dem nicht so ist.

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