Christian Franckenstein © imago images / Future Image
DWDL.de-Interview mit dem Bavaria Film-CEO

Franckensteins Appell zur Rettung der Produktionslandschaft

 

Wie viele Produktionsfirmen sorgt sich auch Bavaria Film und CEO Christian Franckenstein um die Zukunft der TV- und Filmproduktion in Zeiten einer Pandemie. Im DWDL.de-Interview stellt er jetzt der Branche und Politik eine Idee zur Diskussion.

von Thomas Lückerath
26.04.2020 - 13:30 Uhr

Herr Franckenstein, die Bavaria Film hat gerade erfolgreich ein neues „Tatort“-Paar auf Sendung gebracht, bei Sky ist die zweite Staffel von „Das Boot“ gestartet. Kann man sich angesichts der Umstände derzeit über sowas freuen?

Klar freuen wir uns sehr über mehr als zehn Millionen Zuschauer für den von unserer Tochtergesellschaft ProSaar produzierten Saarland-„Tatort“ mit den beiden neuen Kommissaren Daniel Sträßer und Vladimir Burlakov. Auch die Premiere der zweiten Staffel der Produktion „Das Boot“ bei Sky ist vor allem bei der Bavaria Fiction ein Grund zu großer Freude. Ebenso kann in Geschäftsbereichen wie dem Rechte- und Lizenzgeschäft oder in den Studios glücklicherweise, teils natürlich mit Einschränkungen, weitergearbeitet werden. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass in unserem Primärgeschäft, der Fiction-Produktion, gerade fast Stillstand herrscht. Fast, weil wir vergangenen Montag mit dem Dreh unserer Daily „Sturm der Liebe“ unter Sicherstellung des maximalen Gesundheitsschutzes unserer Mitarbeitenden wieder begonnen haben. Aber letztlich kann ich ungeschminkt sagen: Die Corona-Krise ist auch für die Bavaria Film Gruppe sehr schmerzhaft.



Ihr Schwerpunkt liegt im Fiktionalen, wo sich Nähe beim Schauspiel kaum verhindern lässt. Ein Umstand, den auch zahlreiche Schauspielerinnen und Schauspieler beklagt haben. Wie lässt sich hier eine Rückkehr ans Set organisieren?

Wir sind eine Branche, die auf Nähe angewiesen ist, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Insofern sind wir in Bezug auf unsere täglichen Arbeitsbedingungen besonders hart betroffen. Bei den non-fiktionalen Produktionen freue ich mich, dass viele Produktionen nach Umsetzung diverser Maßnahmen - also Umsetzung aller Hygienevorschriften, Aufzeichnung ohne Publikum, Reduzierung der Crews und Wahrung von Abstand - fortgeführt werden können. Die große Herausforderung ist sicherlich: Wie bekommen wir die fiktionale Produktion für Film und Fernsehen wieder ans Laufen - jetzt, wo die akute Phase der letzten sechs Wochen sehr partnerschaftlich mit allen Beteiligten inklusive ver.di und den Vertretungen der Filmschaffenden gemeistert worden ist. Wir müssen nun gemeinsam eine verlässliche und vertretbare Basis für das Wiederhochfahren einer Branche diskutieren, in der zehntausende Menschen beschäftigt sind, und die Millionen Menschen in einer sicher weiter anhaltenden Krise Unterhaltung und Zerstreuung liefert. Unterhaltung hat genauso wie Information - und das meine ich sehr ernst - einen stabilisierenden Faktor für die Gesellschaft. Deswegen sind wir angehalten, mit Sendern und Förderern Bedingungen zu definieren, unter denen wir arbeiten können.

Wie sieht es denn aktuell bei der Bavaria Film aus? Produzieren Sie gerade?

Im non-fiktionalen Bereich produziert unsere Tochtergesellschaft Bavaria Entertainment Shows wie „Da kommst Du nie drauf“ mit Johannes B. Kerner oder Magazine wie „Rundum gesund“. Im fiktionalen Bereich haben wir vergangenen Montag die Dreharbeiten zu „Sturm der Liebe“ wieder aufgenommen. Ich bin sehr begeistert von der Disziplin und der Bereitschaft von Cast und Crew, völlig andere Produktionsbedingungen zu akzeptieren. Wir haben mit unserem Betriebsarzt und externer Expertise einen umfassenden Gesundheitsmaßnahmen-Katalog entwickelt, der aber nicht nur auf geduldigem Papier formuliert, sondern nun am Set im Arbeitsalltag auch gelebt wird. Aber wir alle müssen damit rechnen, dass es weiter außergewöhnliche Unterbrechungsrisiken gibt. Sei es, weil sich Auflagen der Behörden ändern, oder weil wir einen Infektionsfall im Team haben. Wenn wir die Branche wieder verantwortungsvoll hochfahren wollen, brauchen wir eine Lösung für dieses Risiko. Und ich denke dabei nicht nur an große Unternehmen wie uns: Kleinere Produktionshäuser, die vielleicht nur einen Film im Jahr realisieren, können sich keinen zweiten Shutdown leisten.

Das ist also der Ruf nach Unterstützung?

Wir Produzenten tun alles in unserer Macht stehende, vor allem beim Gesundheitsschutz. Ich würde mir im Übrigen wünschen, dass die Mehrkosten hier auch kalkulationsfähig wären, sie also unseren Auftraggebern als Teil der Produktionskosten in Rechnung gestellt werden könnten. Insbesondere aber für das derzeit nicht versicherbare Ausfallrisiko durch eine Pandemie wie Covid-19 brauchen wir eine Lösung. Wir haben uns dazu Gedanken gemacht, und ich würde gerne eine Idee zur Diskussion stellen, die ich in den vergangenen Tagen schon mit einigen Experten auf Vernünftigkeit geprüft habe. Ich habe dabei großen Zuspruch erfahren. Der automatische und über Jahre gelernte Reflex des deutschen Auftragsproduzenten ist natürlich immer zuerst: Das muss der Sender übernehmen. Das bleibt sicher der erste Schritt, und ich begrüße die Bekenntnisse vieler Sender, sich an den Mehrkosten zu beteiligen. Zu einer seriösen Betrachtung der Situation gehört aber auch die Erkenntnis: Die zur Verfügung gestellten zusätzlichen Budgets der Sender werden irgendwann erschöpft sein, auch weil niemand weiß, wie lange wir unter erschwerten Bedingungen produzieren müssen und es eine gemeinschaftliche Lösung braucht.

Wie könnte die aussehen?

Wir müssen es schaffen, dass die Versicherungswirtschaft das Pandemie-Ausfallrisiko in den Versicherungsschutz integriert. Das ist derzeit nicht der Fall. Dafür müsste der Versicherungslandschaft als Sicherheit ein Schutzschirm - getragen von staatlichen Institutionen wie etwa der KfW oder in Bayern der LfA - garantiert werden, der sicherstellen könnte, beispielsweise 80 Prozent eines möglichen Schadens rückzuversichern. Die Erstversicherer wären in dem Fall mit 20 Prozent am Schaden selbst beteiligt, der über übliche Prämienzahlungen durch den Produzenten gedeckt wird. Und diese Versicherungsprämie müsste ebenfalls als kalkulationsfähige Kosten den Sendern bzw. Auftraggebern in Rechnung gestellt werden können. Statt im Einzelfall jeweils enorme Mehrkosten stemmen zu müssen, könnte man mit einer staatlich abgesicherten Versicherung, also einer Art Rückversicherung, des Pandemie-Ausfallrisikos die Kosten auf eine minimale Erhöhung aller Produktionsbudgets umlegen. Mit der Bereitschaft staatlicher Institutionen zur Rückversicherung und dem Willen der Auftraggeber, Versicherungsbeiträge gegen Pandemie-Ausfallrisiko als Teil der Produktionskosten zu tragen, wäre die dringend benötigte Planbarkeit gegeben. Und je mehr Sender und Produktionsfirmen sich beteiligen würden, desto geringer würde die Versicherungsprämie für jede einzelne Produktion.

"Es braucht also unverzüglich einen runden Tisch, der unsererseits sicherlich seitens der Produzentenallianz besetzt werden würde."

Wie würde das in einer Beispielrechnung aussehen?

Das Volumen fiktionaler Programme in Deutschland lag in den guten letzten Jahren schätzungsweise bei 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro. Nehmen wir krisenbedingt ein jährliches Produktionsvolumen von nur 1 Milliarde Euro an und ein Covid-19-Risikoeintritt von fünf Prozent, dann kämen wir auf eine Schadenssumme von 50 Millionen Euro. Hiervon trüge die staatliche Rückversicherung 40 Millionen Euro und der Erstversicherer 10 Millionen Euro. Wenn letzterer diesen Schaden zu 1:1 in den Prämien abbilden würde, würden sich die Produktionskosten um eben diese 10 Millionen Euro erhöhen, mit anderen Worten um 1 Prozent bezogen auf das Produktionsvolumen. Ein, wie ich finde, machbarer Kalkulationsfaktor für alle Beteiligten.

Eine interessante Idee, aber kann die in der jetzigen Situation noch helfen? Eine Brandschutzversicherung abzuschließen, während das Haus brennt, ist eher schwierig oder nicht?

Wir reden über Bedingungen, wie wir einen möglichst großen Teil der fiktionalen Produktionswirtschaft wieder verlässlich hochfahren und künftige, ja nicht ausschließbare Unterbrechungen finanziell abfedern können. Die Umsetzung unserer Idee würde eine konzertierte Aktion von Sendern, Produzenten, Versicherungswirtschaft und der entsprechenden staatlichen Stellen benötigen, damit wir bis Juni, wenn nach meiner Beobachtung viele Produktionen auf einen Neustart hoffen, zu einer Lösung kommen. Es braucht also unverzüglich einen runden Tisch, der unsererseits sicherlich seitens der Produzentenallianz besetzt werden würde.



Für die Zukunft zweifelsohne sinnvoll, ich bleibe nur skeptisch was die zügige Umsetzbarkeit in dieser Krise angeht…

Klar ist das ambitioniert. Aber ich bin optimistisch und gleichzeitig pragmatisch. Wir haben einen umfassenden Maßnahmenkatalog zum Gesundheitsschutz für unsere Arbeit entwickelt, der natürlich nun mit den Versicherungen zu koordinieren wäre. Der Maßnahmenplan trägt maßgeblich dazu bei, das Eintrittsrisiko eines Versicherungsfalls signifikant abzusenken. Gleichzeitig aber werden wir einen längeren Zeitraum vor uns haben, in dem wir mit der Pandemie leben müssen. Und dafür braucht es eine tragfähige Lösung. Wenn beispielsweise ein kleineres Produktionshaus aus Not und Hoffnung heraus in den kommenden Wochen mit den Vorbereitungen für drei TV-Movies beginnt, diese Produktionen aber irgendwann wieder abbrechen muss, dann ist dieser Produzent garantiert pleite. Die Alternative für den Staat wäre: Wir produzieren gar nicht, haben Kurzarbeit oder zehntausende Arbeitslose. Das würde viel teurer als die Garantie einer 80-prozentigen Rückversicherung.

Herr Franckenstein, herzlichen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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