Nilz Bokelberg © Spotify
DWDL.de-Gespräch

Bokelberg: "Der Podcast strahlt Freiheit aus, in jeder Faser"

 

Im vergangenen Jahr hat Spotify das US-amerikanische Podcast-Haus Gimlet Mediaf für über 200 Millionen Dollar aufgekauft. Morgen erscheint mit "Susi" die erste Adaption eines Gimlet-Erfolgspodcast. Wir haben uns mit dem Regisseur Nilz Bokelberg unterhalten.

von Kevin Hennings
06.07.2020 - 16:47 Uhr

Alexa war gestern, nun gibt's Susi. Im norddeutschen Städtchen Plön hat die Firma Orbital Teledynamics ein Gerät auf den Markt gebracht, das jedoch etwas weniger künstlich ist, als der bekannte Vorgänger - zumindest in der Fiktion. So erzählt "Susi", eine Podcast-Adaption des Gimlet-Originals, die Geschichte einer Sprachassistenz, hinter der eine Armee aus echten Menschen für Antworten sorgt. Inszeniert hat diesen narrativen Podcast der ehemalige Viva-Moderator Nilz Bokelberg, der bereits an Podcasts wie "Dunkle Heimat" und "Faking Hitler" mitgewirkt hat. Im Gespräch verrät er, weshalb "Susi" keine schlichte Übersetzung von "Sandra" ist und wieso das Podcasthoch noch lange nicht vorbei ist.

Im Podcast "Gute Leute" hast du im Gespräch mit Sophie Passmann gesagt, dass du dachtest, dass das Fernsehen dich braucht. Glaubst du jetzt, dass dich die Podcastwelt braucht?

Ich weiß nicht, ob mich überhaupt irgendein Medium braucht. Mir macht es in erster Linie Spaß, all die Dinge tun zu können, die ich mache. Beim Podcast im Speziellen war es auch riesiger Zufall, dass ich da hineingeraten bin. Dafür war vor allem meine Frau Maria verantwortlich, die mit Pool Artists mittlerweile selber eine erfolgreiche Podcast-Produktionsfirma hat. Es war für mich vollkommen überraschend, dass der Podcast eigentlich all das bietet, was ich im Fernsehen immer machen wollte. In dem Genre herrscht einfach eine ungeheure Freiheit. Ich glaube, dass das Fernsehen mich immer noch braucht, und das wird es auch eines Tages feststellen. Momentan bin ich aber froh, in diese Welt abzutauchen.

Vor fünf Jahren bist du mit zwei Freunden als Pionier in die deutsche Podcast-Landschaft gestartet. Woher kam die Lust, "Gästeliste Geisterbahn" ins Leben zu rufen?

Sie war einfach da. Und das Schicksal auch. Kurz nachdem ich Herm eine SMS geschrieben habe, ob wir nicht einen Podcast machen wollen, hat mich Donnie angeschrieben und gefragt, ob wir nicht einen machen sollen. Dann habe ich das einfach miteinander verbunden. Das größte Problem lag aber noch vor uns: unsere extreme Verpeiltheit. Was Equipment und regelmäßige Aufnahme angeht und anging wären wir aufgeschmissen gewesen, hätte uns Maria nicht geholfen. Passenderweise hat sie damals selbst erst angefangen, Podcasts aufzunehmen und kannte sich damit schon recht gut aus, da sie bereits länger am amerikanischen Markt interessiert war und vorhatte, sich damit in Deutschland selbstständig zu machen. Vor fünf Jahren hat ja noch kaum jemand drüber gesprochen. Ohne ihre Organisation und die Disziplin, die sie reingebracht hat, hätten wir das Projekt wohl nach zwei mit dem iPhone aufgenommenen Episoden beendet.

Bei "Dunkle Heimat" und dem Stern-Podcast "Faking Hitler" warst du fürs Drehbuch zuständig, nun bei "Susi" für die komplette Regie. War das jetzt nochmal eine ganz andere Erfahrung?

Zu 100 Prozent. Seit meinem Regiestudium habe ich nie wieder Regie geführt und jetzt hatte ich direkt das ganze Studio voll mit bekannten Schauspielern und Schauspielerinnen, die ich auch selbst mag. Das hat so viel Bock gemacht, auch wenn es bei einem Fiction-Podcast natürlich eine andere Art Regie ist, als ich es damals gelernt habe. Mir ist die Aufgabe aber auch nicht schwergefallen, was vor allem daran liegt, dass ich bereits vom Original begeistert war und extreme Lust auf das Projekt hatte. Das meiste hat sich durch die Gegebenheiten auch direkt vor meinem inneren Auge manifestiert, etwa als Martina Hill das erste Mal ins Studio gekommen ist. Sie hat "Susi" so gut gesprochen, dass ich sofort wusste, dass das alles klappen wird.

Warum habt ihr den Namen von "Sandra" in "Susi" geändert?

Uns allen war von Anfang an klar, dass Sandra hierzulande als Name nicht so gut funktioniert. Es geht ja um ein Alexa-ähnliches Gerät und im besten Fall hat solch ein Ding einen Titel, der sonst nicht oft vorkommt. Wenn das ein gängiger Name ist, geht das Gerät ja ständig im Haushalt an. Sandra ist einfach ein Name, der in Deutschland extrem oft vorkommt. Eine Zeit lang haben wir uns für "Petra" entschieden, weil wir das Gefühl hatten, dass der Name nicht mehr so oft vorkommt. Der Name klang uns dann aber etwas zu hart. Weil der Podcast in allen internationalen Adaptionen einen Titel mit "S" hat, haben wir uns dann für "Susi" entschieden.

Um eine essenzielle Grundsatzfrage zu klären: Ist "Susi" ein Podcast, oder ein Hörspiel?

Ersteinmal ist es ein Podcast, da die Geschichte in mehreren Folgen veröffentlicht wird und der Zuhörer damit ein Serienerlebnis verbindet. Das ist momentan eben die coole Weise, Medien zu konsumieren. Ein weiterer Grund für die serielle Form ist, weil man die Geschichte so in Happen verspeisen und an den passenden Stellen einfach mal Pause machen kann. Serielles Hören ist im Podcast viel typischer, als im Hörspiel. Am Ende ist es aber natürlich auch ein Hörspiel. Das beide Begriffe verwendet werden können und dass "Podcast" öfter genutzt wird, hat damit zu tun, dass Comics irgendwann auch als Graphic Novels verkauft wurden. Erwachsene mussten sich dann nicht mehr schämen, Comics zu kaufen und wurden nicht mehr dumm angefahren, welches Band von "Fix und Foxi" sie jetzt wieder lesen. Bei Graphic Novels hieß es dann: "Ohh, der ist aber gebildet." Podcast ist einfach das coolere Format. Wenn ich an Hörspiele denke, poppen Titel wie "Fünf Freunde" oder "Die drei ???" in meinem Kopf auf. Das Medium Podcast ist da einfach etwas erwachsener, reifer und moderner.

Der Podcast trumpft vor allem damit auf, im Grunde keine Minimal- oder Maximallänge haben zu müssen. Wie siehst du es, gibt es eine Ideallänge?

Es gibt ja diese Marketinganalysen, die zum Beispiel sagen, dass ein Podcast mindestens zehn Minuten lang sein müssen. Ich halte das alles für Bullshit. Der Podcast strahlt Freiheit aus, in jeder Faser. Es gibt mittlerweile auch einige Beispiele dafür, dass jede Länge funktionieren kann, wenn sie dem Thema angemessen ist. Beim Podcast ist es der Inhalt, der die Länge bestimmt.

"Sandra" ist ein Original von Gimlet Media. Was bedeutet es für den deutschen Markt, das eine Produktion eines der größten Podcast-Häuser Amerikas adaptiert wird?

Spotify hat Gimlet im letzten Jahr gekauft, da ist es natürlich klar, dass man sich an dessen Portfolio bedient. Ich glaube aber auch nicht, dass Spotify einfach wahllos Gimlet-Inhalte übersetzen lässt, sondern das genau geschaut wird, welcher Content hierzulande funktionieren kann. Ganz unabhängig von Gimlet ist "Susi" aber auch einfach ein sehr hochwertig produzierter Podcast, der zeigt, dass es klare Unterschiede zu Produktionen gibt, die schnell mal mit dem Smartphone aufgenommen werden. Da gibt es in Deutschland noch nicht so viele. Obwohl es bereits die ersten Abgesänge auf Podcasts gibt, bin ich der Meinung, dass wir noch nicht mal die Spitze des Eisbergs erreicht haben. Von daher ist es nur konsequent, dass Spotify frühzeitig aufs Gas drückt.

Wie viel eigene Kreativität kann man in ein Projekt stecken, von dem man weiß, dass es in der Original-Version bereits erfolgreich war?

Das Original war nicht nur erfolgreich, sondern auch brillant. Deshalb hatte ich auch gar nicht vor, viel zu ändern. Bis auf einige Lokalisationen, also die Änderung von amerikanischen in deutsche Orte, habe ich nur an manchen Stellen behutsam gestrafft, damit noch mehr Spannung entsteht. Da übersetzt werden musste, konnte ich mich außerdem bei Formulierungen und Dialoggeschwindigkeit austoben.

Du bist einer der wenigen Medienmenschen, die beides mitgemacht haben: Das exzessive Fernsehleben und das lange belächelte Podcast-Geschäft. In welcher Welt fühlst du dich wohler?

Es klingt flach, aber ich liebe den kompletten Medienzirkus. Am Podcast reizt mich vor allem die Freiheit und das Gefühl, einfach das machen zu können, auf das man in dem Moment Lust hat. Das ändert nichts daran, dass ich mit dem Fernsehen aufgewachsen bin und es weiterhin als total magisches Medium empfinde. Meine eigene TV-Zeit, als ich mit 18 mitten in diesem Wahnsinn steckte, wird mich auf ewig prägen. Das ist das Medium, bei dem ich immer wieder versuchen werde stattzufinden, vor allem, weil ich noch Wünsche und Ideen habe. Ich kann also nicht sagen, für was genau ich in der Medienwelt mehr Liebe empfinde, freue mich aber, wenn andere diese Liebe sehen und mögen.

Nilz, danke für das Gespräch!

Der siebenteilige Podcast "Susi" steht ab dem 7. Juli zum Streaming zur Verfügung.

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