Herr Schertz, in der von UFA Fiction produzierten ARD-Serie "Legal Affairs" geht es um eine Medienanwältin und Sie waren Ideengeber und Executive Producer. Wie viel Christian Schertz steckt in der Figur Leo Roth?

Christian Schertz: Die Serie ist fiktiv, genau so wie die Fälle, die darin behandelt werden. Und Leo Roth ist natürlich nicht Christian Schertz, charakterlich sind wir völlig unterschiedlich. Es handelt sich um völlig unterschiedliche Personen. Aber natürlich habe ich mit dem Drehbuch-Team, der Hauptdarstellerin und der Regisseurin viel gesprochen. Leo Roth muss schnell agieren, bleibt an den Fällen dran und versucht, ihre Mandanten zu führen. Sie steht unter einem ständigen Zeitdruck und das entspricht schon auch sehr unserer und meiner Arbeitsweise. Da hat Leo Roth auch ein paar typische Formulierungen von mir übernommen. Es war übrigens eine ganz bewusste Entscheidung von uns allen, dass eine Frau die Hauptrolle spielen soll. Das ist einerseits diverser und moderner, es passt aber auch einfach viel besser in die Realität. Es gibt viele erfolgreiche Presse-Anwältinnen.

Welche Sprüche hat Leo Roth von Ihnen übernommen?

Ein typischer Spruch von mir ist "einfach machen". Oder der Ausspruch "Probleme kenne ich nicht, ich möchte Lösungen hören".

In Sachen Druck und Tempo ist die Serie also durchaus realistisch. Ihr Arbeitsalltag besteht dann aber eher nicht darin, Menschen auf der Straße abzufangen und ihnen zu drohen, Journalisten zu bestechen und Handys orten zu lassen.

Leo Roth hat andere Methoden als ich. Die Serie dramatisiert bewusst. Es ist Fiction und keine Dokumentation. Natürlich mache ich auch Druck auf Gegner, aber wir drohen in Auseinandersetzungen mit presserechtlichen Schritten und Schadenersatz-Summen, also schlicht mit den rechtlichen Möglichkeiten. Leo Roth geht weiter und nötigt teilweise auch Gegner. Es ist ein bisschen wie bei amerikanischen Anwaltsserien, da ist die Fiktion auch immer etwas drüber. Gleich ist der enorme Zeitdruck, auch von den Mandanten. Typisch für unsere Arbeit ist sicherlich auch, dass wir immer mehrere Fälle gleichzeitig haben.

Kann man im echten Leben den Wettlauf gegen die Zeit überhaupt gewinnen? Oder ist das aussichtslos?

Wir schaffen es immer wieder, dass wir Sachen, die noch nicht veröffentlicht wurden, einfangen. Oder wenn eine Geschichte veröffentlicht wurde, diese zu drehen. Das geht aber immer nur, wenn Dinge rechtswidrig sind und Medien falsch oder unwahr berichten oder die Privats- und Intimsphäre von Personen verletzen. Wir können nichts gegen rechtmäßige Berichterstattung tun.

 

"Medien sollten lernen, Fehler einzuräumen."

 

Sie haben im Vorfeld der Serie bereits erklärt, dass es nach vielen starken US-Anwaltsserien an der Zeit war, dass eine solche Produktion auch aus Deutschland kommt. Was macht eine gute Anwaltsserie aus?

Im deutschen Fernsehen gab es bislang vor allem konventionelle Anwaltsformate, auch die Anzahl ist deutlich geringer als in den USA. Dort ist das ja eines der Standard-Formate. Neben Medical Series sind Legal Series in den USA sehr präsent, denken Sie nur an "Suits", "Scandal", "Good Wife", "Ally McBeal", "L.A. Law" und weitere. Die Liste kann man unendlich fortsetzen. Ich habe die Fernsehspielchefin des RBB Martina Zöllner damals gefragt, warum es keine aufgeladene und vom Look her moderne und knackige, netflix-artige Anwaltsserie gibt. Die Antwort lautete : Das US-Rechtssystem erlaube mehr Dramatik, allein schon mit dem Jury-System. Im Fall von Medienanwälten ist es aber täglich bunt, schnell und interessant. Manchmal geht es um Skandale, Reputation und persönliche Ehre. Aus dieser Grundidee haben wir eine Serie gemacht.

Es ist aber nicht so, als gäbe es keine deutschen Anwaltsserien.

Das letzte, das ich wahrgenommen habe und was sehr speziell und großartig war, ist "Liebling Kreuzberg". Das ist ja schon ewig her. Wenn ich Sie jetzt frage, welche spannende und moderne Anwaltsserie Ihnen einfällt, werden Sie auch nicht auf so viele kommen. Natürlich gibt es "Die Kanzlei" mit Herbert Knaup oder "Die Heiland". Aber so eine richtig große, im amerikanischen Sinne aufwendig produzierte Anwaltsserie ist mir nicht bekannt, diese Lücke wollen wir schließen. Zumal ich glaube, dass Themen über das Rechtssystem und die Justiz die Menschen interessieren.

Sie sind Fachberater der Serie und Executive Producer. Was genau haben Sie gemacht?

Ich habe mit dem Autoren die Bücher entwickelt und mit ihnen typische Fallkonstellationen besprochen, die Medienanwälte haben könnten. In der Serie gibt es keine realen Fälle, aber sie alle beinhalten typische Konstellationen wie Paparazzi-Verfolgung, Fake News, Hate Speech, Schmähungen, Mobbing im Netz und so weiter. Das passiert jeden Tag. Ich habe also versucht, mich in den Büchern künstlerisch und kreativ einzubringen. In dem Writers Room saßen bis zu acht Autoren und ich habe mir die Bücher immer durchgelesen und Anmerkungen gemacht, das war einer sehr intensive und umfassende Zusammenarbeit mit den Autoren, die sich über eineinhalb Jahren hinzog.

In Serien und Filmen sieht man immer wieder, dass der Polizeifunk abgehört wird, auch bei "Legal Affairs" ist das so. Ich nehme an, das geht im echten Leben nicht. Wieso ist das trotzdem oft eine Storyline in fiktionalen Produktionen?

Das müssen Sie die Filmemacher fragen. Wir als Anwälte sind an Recht und Gesetz gebunden. Natürlich hören Anwälte keinen Polizeifunk ab. Aber es ist eben eine Fiktion und die muss dramatisieren und zum Teil euch überhöhen. Wenn Sie Kriminalbeamte nach dem "Tatort" fragen, werden die auch sagen, dass das mit der realen Arbeit nicht immer etwas zu tun hat. Ich habe in meiner Rolle als Berater erklärt, was ein Medienanwalt macht und wie er arbeitet. Daraus wird eine fiktionalisierte Serie, die keinen Anspruch darauf erhebt, die Realität eins zu eins abzubilden. Es darf zugespitzt werden, weil es eine Spielhandlung ist. Wir haben ja bewusst keine Dokumentation über die Arbeit von Anwälten gedreht.

 

"Ich selbst versuche immer, auf der richtigen Seite zu stehen."

 

Warum haben Sie sich damals eigentlich auf Medienrecht spezialisiert?

Ich habe mit 16 Jahren "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" von Heinrich Böll gelesen, darin geht es um die Methoden von Boulevardmedien. Das hat mich damals sehr geprägt und beeinflusst, ein paar Jahre später kam noch das Buch von Günter Wallraff heraus, der undercover bei der "Bild" arbeitete. Damals wusste ich noch nicht, dass es Anwälte in diesem Bereich gibt, das habe ich über das Studium und meine Ausbildung kennengelernt. Schon als Student war ich dann aber ziemlich klar in der Entscheidung, dass ich dem Bereich als Anwalt tätig sein will. Und das als Anwalt der Betroffenen. Also denen, die von einer möglicherweise rechtswidrigen Berichterstattung betroffen sind. Mein Ziel war und ist es, das Individuum vor Vorführungen in der Öffentlichkeit zu schützen.

Sind es nach wie vor Boulevardmedien, die Ihnen die meiste Arbeit bereiten?

Nein, das kann ich nicht bestätigen. Wir haben nach wie vor mit den normalen Tageszeitungen zu tun, aber auch mit "Spiegel", "Manager Magazin", "Focus", "Handelsblatt" oder "Wirtschaftswoche". Auch diese Medien berichten unseres Erachtens manchmal nicht richtig. Es sind nicht nur "Bild", "Bunte" und die Yellow-Magazine. Aber natürlich sind es teilweise auch Fernsehformate, insbesondere in den privaten Fernsehsendern.

Unter welchen Voraussetzungen nehmen Sie Ihre Mandantinnen und Mandanten an? In der Serie will Leo Roth zuerst einen Unternehmer verteidigen, der dann aber eine aus ihrer Sicht dumme Entscheidung trifft - und sie läuft zur Gegenseite über.

Die Szene wäre in der Realität nicht möglich. Wenn man sich ein Mandat angesehen hat, ist man bereits vorbefasst und darf die andere Seite gar nicht mehr vertreten. Das ist sehr streng geregelt. Ich selbst versuche immer, auf der richtigen Seite zu stehen. Das klingt zwar sehr altruistisch und pathetisch, aber es ist tatsächlich mein Ziel. Das ist mir nicht immer gelungen, aber grundsätzlich versuche ich, mein Know How nicht Menschen oder Gruppierungen zur Verfügung zu stellen, die ich politisch oder ethisch ablehne. Insofern vertreten wir niemals die AfD, die rechte Szene oder auch Sekten. Das lehne ich ab.

Das heißt, Sie hätten den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan nicht gegen Jan Böhmermann vertreten, wenn er zuerst bei Ihnen angefragt hätte?

Nein, ausgeschlossen. Ich vertrete keine Autokraten.

Was bedeutet "richtige Seite"? Kann man das immer so klar sagen und definieren? Und wo ist Ihnen das nicht gelungen?

Wenn ich der Auffassung bin, dass Zeitungen, Fernsehsender oder Blogs im Internet Rechte meiner Mandanten verletzten, dann stehe ich auf der richtigen Seite. Ich vertrete diejenigen, die in ihren Rechten verletzt wurden und gehe gegen die vor, die Rechte verletzt haben. Und trotzdem würde ich keinen rechten Hetzer verteidigen, der möglicherweise in seinem Persönlichkeitsrecht verletzt wurde. Das ist auch der Unterschied zu einem Strafverteidiger, der von Beginn an Beschuldigte vertritt. Auch das ist sehr wichtig für den Rechtsstaat. Ich kann mir überlegen, auf welcher Seite ich stehe und wen ich vertreten will. Voraussetzung ist aber natürlich immer, dass der Mandant einem die ganze Geschichte erzählt, also die Wahrheit. Nur wenn der Anwalt den Sachverhalt kennt, kann er richtig beraten. Das ist nichts anderes als wenn der Arzt einen fragt ob man raucht und dann sagt man nicht die Wahrheit.

 

"Im deutschen Fernsehen gab es bislang vor allem konventionelle Anwaltsformate."

 

Und noch einmal zu Erdogan und Böhmermann: Was ist da der aktuelle Stand? 2019 haben Sie Verfassungsbeschwerde gegen das Verbot bestimmter Passagen des sogenannten "Schmähgedichts" eingelegt. Haben Sie Hoffnung, dass das Gericht noch in Ihrem Sinne entscheidet?

Ich bin nach wie vor der Auffassung, dass das Oberlandesgericht Hamburg die Sache falsch bewertet hat. Der eine eklatante Fehler war zu sagen, dass die gesamte Performance von Jan Böhmermann nicht der Kunstfreiheit unterliegen würde. Es war ja nicht nur das Gedicht, alles war eingebunden in eine satirisch überhöhte Rechtsvorlesung. Das Gericht hat einzelne Sätze für rechtswidrig erklärt. Hätten Sie es als Kunst deklariert, hätte die Kunstfreiheit das nicht erlaubt. Und dann haben die Richter schlicht nicht verstanden, dass es in den Aussagen von Böhmermann überhaupt nicht darum ging, Erdogan zu diffamieren. Es ging darum aufzuzeigen, was Schmähkritik wäre. Die Aussagen waren nicht ernst gemeint, sondern bewusst überzeichnet. Jan Böhmermann wollte überzeichnet formulieren, was eine Schmähung wäre. Das ist übrigens nicht anderes, als wenn ich an einer Universität eine Vorlesung halte und meinen Studenten die spektakulärsten Fälle der deutschen Rechtssprechung in Sachen Schmähungen erzähle. Ich doziere Schmähungen. Nichts anderes hat Böhmermann in satirischer Form gemacht. Deshalb bin ich guter Hoffnung, dass das Bundesverfassungsgericht die Sache anders beurteilt, weil gerade dieses Gericht die Abwägung zwischen Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrecht vornehmen muss. 

Zuletzt haben Sie eine Gegendarstellung gegen eine Behauptung des "Manager Magazins" erwirkt. Die hatten Ihnen einen "Walter Ulbricht Bart" angedichtet und geschrieben, Sie würden Ihr Hemd gelegentlich erst am vierten Knopf schließen. Machen Sie das aus Spaß an der Freude oder ärgert es sie wirklich, wenn so etwas geschrieben wird?

In dem Text über Medienanwälte wurde ich als "Kettenhund für die Privatsphäre des deutschen Geld- und Wirtschaftsadels" bezeichnet. Dagegen kann man sich nicht wehren, das interessiert mich auch nicht weiter, wie mich das "Manager Magazin" bewertet. Eben weil es eine Wertung ist. Wenn sie aber meinen, sich über mich lustig zu machen und mich vorzuführen, was hier eindeutig der Fall ist, dann sollen sie es mit wahren Tatsachenbehauptungen tun. In diesem Fall waren die Behauptungen unwahr. Im Übrigen spricht das nicht für die Differenziertheit in eigener Sache beim "Manager Magazin". Ich sehe da eine gewisse Selbstgerechtigkeit, wenn man sich an Anwälten abarbeitet, die nichts anderes machen, als anzumerken, dass bestimmte Berichte schlicht nicht den Tatsachen entsprechen, gleichzeitig aber keinerlei eigene Fehler einräumt oder zugesteht.

Sie werden gelegentlich als Gegenspieler von Journalisten gesehen, der ihnen die Arbeit erschweren will. Was würden Sie den Journalistinnen und Journalisten im Land gerne mitgeben?

Dass man Anwälte wie mich immer als einen angeblichen Zensor ansieht, der es wagt, die Pressefreiheit auch mal einzuschränken, ist eine Argumentation, die für mich nicht aufgeht. Was ist schlimm daran, dass ein paar Rechtsanwälte in Deutschland Medien den Spiegel vorhalten, wenn sie falsch über Menschen berichten? Der Mensch und die Menschenwürde sind gegenüber der Pressefreiheit gleichberechtigt. Es ist das Element des Rechtsstaates, dass sich Menschen dagegen wehren können, wenn falsch über sie berichtet wird. Gerade wenn Journalisten oder Verleger von Berichterstattung betroffen sind, sind sie interessanterweise sehr empfindlich und gehen gerne dagegen vor. Wie zum Beispiel zuletzt Julian Reichelt gegen den "Spiegel". Das finde ich ein bisschen bigott. Auf der einen Seite meinen einige Journalisten, in ihren Texten über andere Personen zu richten. Dann regen sie sich auf, wenn Anwälte das korrigieren wollen. Und wenn es einen selbst betrifft, ist man plötzlich auch sehr empfindlich.

Was wünschen Sie sich also?

Ein bisschen weniger Selbstgerechtigkeit fände ich schön. Und ich würde mir wünschen, dass es eine andere Fehlerkultur gibt. Medien sollten lernen, Fehler einzuräumen. So wie es übrigens alle anderen Berufsgruppen auch machen müssen. Auch Richter werden durch die jeweils nächste Instanz täglich kontrolliert. Der Berufsstand des Journalisten hat eigentlich kein Korrektiv, das übernehmen dann wenn überhaupt Anwälte und Gerichte. Wenn das die einzigen Gefahren für die Pressefreiheit in Deutschland sind, haben wir ein sehr gutes Rechtssystem in Sachen Pressefreiheit. Sie ist im Übrigen auch in Deutschland, und das auch völlig zu Recht, als Grundrecht hinreichend geschützt.

Herr Schertz, vielen Dank für das Gespräch!

Das Erste wird die acht Folgen von "Legal Affairs" am 19., 20., 22. und 23. Dezember ab 21:45 Uhr ausstrahlen. Bereits ab dem 17. Dezember ist die komplette Serie in der Mediathek abrufbar.