1992 © Sky
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"1992" und der unaufhaltsame Sog der Korruption

 

Anfang der Neunziger erschüttert ein massiver Korruptionsskanal ganz Italien und das Vertrauen in die Politik. In "1992" erzählt Sky, wie sechs höchst unterschiedliche Charaktere in dieses Beben hineingeraten und liefert ein fesselndes Politdrama ab.

von Peer Schader
12.07.2015 - 10:05 Uhr

"Rauchst du?", wird der Neue als erstes gefragt, bevor er das Büro der Staatsanwaltschaft betritt, in dem die vergilbten Gardinen nur mäßig Licht auf die grauen Aktenschränke, Schreibtische und Menschen fallen lassen. "Nein", antwortet der wahrheitsgemäß. Und sein Kollege verspricht ihm: "Du wirst rauchen!" Dann beginnt Luca Pastores erster Tag seiner selbst ausgesuchten Rachemission, für die er sich extra hat hierher versetzen lassen.

Der junge Polizist will den Industriellen Michele Mainaghi hinter Gitter bringen. Wofür, ist Pastore egal. So sehr, wie Mainaghi in den Korruptionsskandal verstrickt ist, der erst Mailand und dann ganz Italien in diesem Jahr erschüttert, wird es schon genügend Beweise geben. Doch das Motiv ist ein persönliches: Der Neue glaubt, Mainaghi habe mit verseuchtem Blut gehandelt und sei deshalb dafür verantwortlich, dass er sich mit HIV infiziert hat. Pastore sagt: "Ich will, dass er alles verliert. So wie ich."

Das Politdrama "1992", das in diesem Frühjahr bei Sky Italia Premiere feierte und von Wildside in Zusammenarbeit mit Beta Film produziert wurde, lässt sich nicht viel Zeit, um seine Zuschauer ins Geschehen zu reißen. Nach ein paar Minuten ist der erste Politiker wegen Amtsmissbrauch bei der Vergabe öffentlicher Aufträge und Annahme von Schmiergeld verhaftet, die Presse stürzt sich auf den Fall und das Land erlebt eine nicht nur für damalige Verhältnisse beispiellose Krise, die das Vertrauen in die Politik ein für alle Mal erodieren lässt: den Untergang der Ersten Republik.

Der historische Hintergrund – "Tangentopoli" – ist echt und erzählt die Konsequenzen der "Mani pulite"-Ermittlungen ("Saubere Hände") Anfang der Neunziger Jahre (siehe z.B. "Spiegel" von 1992). Die Figuren, die "1992" durch den Sumpf der Korruption waten lässt, sind hingegen frei erfunden – aber so glaubwürdig, dass das leicht in Vergessenheit gerät,  je mehr die Serie ihren Sog entfaltet.

Die Idee zu dem Politdrama  hatte der italienische Schauspieler Stefano Accorsi, der selbst eine der sechs Hauptfiguren verkörpert: den abgeklärten Werbeprofi Leonardo Notte, der nicht mehr nur wertvolle TV-Werbezeit an Schraubenhersteller verkaufen soll, sondern mit seinen Ideen auch der "Bananerepublik" (wie sein Chef sagt) wieder zu mehr Ansehen verhelfen. Zugleich muss sich Notte mit seiner Tochter herumschlagen, die eigentlich bei der Mutter wohnt, aber die Nähe zum Vater sucht – und mit der der Karrieretyp in seinem durch Zynismus bestimmten Alltag zunächst nichts so richtig anzufangen weiß. "Wissen Sie, was man in der Medienbranche sagt?", fragt er die Lehrerin der Tochter, als es in der Schule Stress gibt. "Der Zuschauer ist wie ein Kind in der Mittelstufe: Er ist nicht sonderlich begabt und sitzt in der letzten Reihe."

Dann ist da noch Mainaghis Tochter, die sich ausgerechnet in den jungen Polizisten Pastore verguckt, bis sie realisiert, dass der sich womöglich an sie herangemacht hat, um den verhassten Vater auszukundschaften. Dieser vergnügt sich derweil heimlich mit der jungen Schönheit Veronica Castello, die mit ihm schläft, um ihren Karrieretraum bei einer von Mainaghis TV-Sendern zu verwirklichen.

1992© Sky/Stefano Cristiano Montesi

Der Ex-Soldat und Golfkrieg-Heimkehrer Pietro Bosco wiederum gerät durch einen Zufall auf die Liste der rechtspopulistischen "Lega Nord" und schafft durch ein flammendes Plädoyer auf einer Kundgebung den Einzug ins Parlament: "Wir lassen uns nicht mehr gefallen! Jetzt sind wir dran, die Wertlosen, verstanden?" In Rom begreift er dann ganz schnell: "Politik lernt man nicht aus Büchern, sondern auf dem Feld." Und auf diesem Feld passiert gerade ein Massaker.

1992© Sky/Stefano Cristiano Montesi

Damit, dass die Schicksale der Figuren zum Teil auf arg merkwürdige Weise miteinander verbunden sind, schadet sich "1992" ein Stück weit selbst, weil manche "Zufallsbegegnung" doch arg konstruiert aussieht. Aber die Unterschiedlichkeit der Charaktere, das was sie zu verarbeiten und zu verlieren haben, gleicht das wieder aus.

Es geht um Macht, um Gier, viel Geld und Betrug – im Politischen ebenso wie im Privaten. Und falls Sie sich jetzt wundern, dass hier immer noch nicht steht, wie sehr das alles an ein italienisches "House of Cards" erinnert , dann liegt das daran, dass man mit diesem Vergleich leicht auf die falsche Fährte gerät.

Sicher, die Zutaten sind dieselben, aber das Rezept ist ein anderes. "1992" hat seine eigene schmutzige Ästhetik, die pedantisch darauf achtet, detailgetreu die Zeit abzubilden, in der die Serie spielt. Anstatt lange Schwenks zu zelebrieren, zittert die Kamera immer ein bisschen, wenn sie ihren Protagonisten auf der Fährte bleibt, so als sei der Zuschauer als heimlicher Beobachter dabei. Und noch drastischer als "House of Cards" verzichtet "1992" auf moralisch einwandfreie Charaktere. Die Korruption zieht sich durch den gesamten Staatsapparat, und um die persönliche Rache durchzusetzen, ist Pastore auch bereit, das Gesetz zu beugen.

Fürs deutsche Publikum mag "1992" schwerer zugänglich sein, zumal sich die Serie nicht mit aufwändigen Erklärungen der politischen Verhältnisse Italiens aufhält, sondern sich ganz selbstverständlich in sie hineinstürzt – aber eigentlich macht genau das ihren Reiz aus, weil dadurch auch nichts kaputterklärt werden muss.

In Deutschland läuft das Original mit deutschen Untertiteln bereits seit einigen Wochen auf Sky Go. Für die am Montag beginnende Ausstrahlung bei Sky Atlantic spendiert Sky eine deutsche Synchronisation. Und an diesem Samstag zeigt Sky Krimi um 20.15 Uhr eine Preview der ersten Folge.

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