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"The A Word": Autismus? So schlimm ist das doch gar nicht

 

Auch in diesem Sommer widmet sich DWDL.de sonntags wieder europäischen Serien. Den Anfang macht das BBC-Drama "The A Word", das sich mit dem schwierigen Thema Autismus beschäftigt. Warum die Serie so sehenswert ist...

von Kevin Hennings
11.06.2017 - 09:00 Uhr

Autismus – oder immerhin Aspekte des Autismus – wurden in der Vergangenheit zu einer häufig verwendeten Eigenschaft für TV-Charaktere. Wenn man ihnen nämlich eine Form von Inselbegabung verpasst, wodurch sie in einem gewissen Gebiet außerordentliche Fähigkeiten entwickeln, stechen sie aus der Menge heraus und sollen so vor allem eines nicht sein: 0815. Ob es nun Sheldon aus "The Big Bang Theory" ist, "Monk", Abed in "Community" oder auch Dr. Spencer Reid von den "Criminal Minds" - sie alle verfügen über geringe soziale Kompetenzen, aber massive analytische Begabungen. Gleichzeitig ist es auffällig, dass ihr Gesundheitszustand weniger als ein Problem, sondern vielmehr als eine Superkraft dargestellt wird. Anders sieht es bei der Drama-Serie "The A Word" aus, in der die Hughes-Familie die frisch diagnostizierte Autismus-Erkrankung ihres fünfjährigen Kindes verarbeiten muss.

 

Joe Hughes (Max Vento) verhält sich nämlich nicht wie seine Klassenkameraden, ist gerne alleine und spricht nicht viel. Seine Eltern Alison (Morven Christie) und Paul (Lee Ingleby) haben sich eine lange Zeit an den Gedanken geklammert, dass das für ein Jungen in diesem Alter doch nicht außergewöhnlich sei, und sich dagegen gewehrt, zu einem Arzt zu gehen. Doch vor allem seinem Großvater (Christopher Eccleston) fällt auf, dass es eben nicht normal ist, in diesem Alter den Großteil des Tages am MP3-Player zu hängen und den kompletten Text zu jedem einzelnen Song zu kennen. Aus diesem Grund bringt er Joe heimlich in eine Klinik, um endlich Gewissheit zu bekommen. Dadurch beginnt nicht nur die emotionale Achterbahnfahrt der Eltern, die sich nie auf den Ernstfall einstellen wollten, sondern auch ein Familienporträt, das sich nicht auf die Fixierung eines autistischen Jungen beschränkt.

Schnell wird deutlich, dass Joe keineswegs das größte Sorgenkind im Haushalt ist. Nicht nur, dass sich seine große Schwester Rebecca (Molly Wright) durch die geballte Fokussierung auf ihn komplett vernachlässigt fühlt, muss sich sein Onkel Eddie, der kurz vor der Diagnose eingezogen ist, auch noch durch eine komplizierte Beziehung manövrieren. Opa versucht indes überall zu helfen, bekommt jedoch nur auf den Deckel. Langsam aber sicher wird außerdem klar, dass Autismus auch als Gabe verstanden werden kann. 

Trotz des ernsten Themas hat die BBC, die sich hier eine Adaption des israelischen Vorbilds "Yellow Peppers" vornahm, nicht vergessen, sanften Humor mit einzubauen, um die volle erzählerische Kraft solch einer Situation zu entfesseln. Das gelang bereits "Parenthood" mit Bravour, in der die Familie Braverman - genau wie Familie Hughes - zwei Leben führt: Einmal das von einem autistischen Kind geprägte und einmal jenes ohne diesen Einfluss. Serienschöpfer Peter Bowker hat hier mit ganz viel Feingefühl gezeigt, dass ein autistisches Familienmitglied nicht direkt dafür sorgt, dass das komplette Familienleben auf den Kopf gestellt wird. Vielmehr gilt es, gewisse Justierungen vorzunehmen. Anstatt sich nämlich darauf zu versteifen, dass der Sohn doch bitte wie jedes andere Kind in seinem Alter Fußball zu spielen hat, könnte man einfach seine wirkliche Stärke fördern: Seinen Hang zur Musik.

Der große Unterschied zwischen "Parenthood" und "The A Word" liegt darin, dass erstgenannte Serie emotionale Knaller inne hatte, die auch mal die Magengegend verziehen konnten. Bei "The A Word" verhält es sich dagegen streckenweise so, als habe man dies im ursprünglichen Konzept zwar stehen gehabt, sich dann aber doch für den sichereren Weg entschieden - ohne Gefahr zu laufen, manchen Zuschauern plötzlich vor den Kopf zu stoßen. Wenn Mama Alison ihren Sohn im Auto anschreit, weil er nicht aufhört zu singen, dann ist die Dramedy auch schon am höchsten Punkt der Gefühle angekommen.

Das ist aber nicht zwingend eine negative Erkenntnis. Folglich wirkt "The A Word" zwar nicht ganz so emotional wie "Parenthood", hat so aber im Gegenzug mehr Zeit, um sich auf die informelle Ebene zu konzentrieren. Tatsächlich kann man hier als Zuschauer beinahe im Minutentakt etwas lernen. Und so ist "The A Word" eine Serie über Autismus, aber vor allem auch eine über jegliche Aspekte der Familie und wie sie in außergewöhnlichen Situationen zusammenwächst. Das macht sie zu einem wichtigen Tipp für den gemeinsamen Fernsehabend auf der Couch.  

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