© Kwaï/Jean-Claude Lother
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"Kim Kong": Wie funktioniert Kreativität unter Zwang?

 

Durchgeknallter Diktator lässt französischen Filmregisseur entführen: Die Arte-Miniserie "Kim Kong", zu sehen im September, sprengt ihr Comedy-Korsett mit überraschenden Wendungen in Richtung Emotion und Ernsthaftigkeit. Antreten zur kulturellen Umerziehung!

von Torsten Zarges
16.07.2017 - 09:00 Uhr

Mögliche Ähnlichkeiten mit echten Diktatoren und wahren Ereignissen sind wohl nicht ganz zufällig und sicher gewollt. Kim Jong-il, der "Irre von Pjöngjang" und Vater des heutigen Machthabers von Nordkorea, war ein berüchtigter Cineast. Ende der 70er Jahre ließ er einen südkoreanischen Regisseur und dessen Ehefrau kidnappen, um sie fortan als seine privaten Filmemacher zu beschäftigen.

Die Geschichte, die "Kim Kong" erzählt, ist viel lustiger als die Realität, stellenweise auch rührender, und spannt einen weiteren Bogen – von der kreativen Verödung des westlichen Blockbuster-Kinos über tief sitzende Klischees und deren Brechung bis hin zur Suche nach der wahren Berufung im Leben. Der französische Dreiteiler, der im Comedy-Gewand daherkommt, unterläuft mit scheinbarer Leichtigkeit gelernte Genre-Regeln und hält für den Zuschauer bis zum Ende immer wieder faustdicke Überraschungen parat.

Allein der Vorspann ist schon ein kleines Humor-Kunstwerk an sich. Im kitschig-gewaltig animierten Fernost-Design mit schwülstigem Chorgesang heißt es dort: "Das Komitee zur kulturellen Umerziehung, Arte France, präsentiert 'Kim Kong'." Die beiden Autoren Simon Jablonka und Alexis Le Sec firmieren als "Generalinspektoren für szenische Schöpfung", Produzent Thomas Bourguignon als "bevollmächtigter Kommissar für Produktion" und Stephen Cafiero ist der "geliebte Regisseur". Die Liebe zum Detail zieht sich durchs gesamte Werk.

Zu Beginn sitzt Starregisseur Mathieu Stannis (Jonathan Lambert) sichtlich frustriert am Set seines jüngsten Action-Krachers "Kicker 4", Szene 114. Mittendrin verlässt er kopfschüttelnd die Dreharbeiten, schließt sich stundenlang in seinem Hotelzimmer ein. Das ist nicht die Art von Kino, für die er einmal angetreten war. Als seine Agentin ihn gerade überredet hat, doch nicht abzureisen, und die stimmungsaufhellenden Pillen Wirkung zeigen, stehen zwei Männer in schwarzen Anzügen mit Elektroschocker vor der Tür. Als Mathieu wieder aufwacht, befindet er sich im Umerziehungslager Tianpi Hong, irgendwo im tiefsten Ostasien. Choi Han Sung (Frédéric Chau) vom Komitee für visuelle und bildende Künste heißt ihn so überschwänglich willkommen, dass man den Zwang für einen Moment vergessen könnte. Der Große Führer habe ihn, Mathieu, erwählt, einen Film zu drehen. Die Crew warte schon. Es werde nur vier Wochen dauern und er werde in Dollar bezahlt. Das Drehbuch werde er sicher lieben.

Es handelt sich um eine Neufassung von "King Kong", vom Diktator (Christophe Tek) eigenhändig geschrieben mit dem Ziel, sein Regime zu glorifizieren. Kurz gesagt, geht es darum, dass US-Präsident Trump den im Pentagon eingefrorenen King Kong aufwecken lässt, damit dieser und die US-Armee das Land des Großen Führers angreifen. Nachdem das Monster dort Fabriken und Plantagen zerstört hat, entführt es ein Bauernmädchen, welches seine Angst besiegt und King Kong die Volksdemokratie lehrt. Sofort schließt sich der Gorilla der Sache des Volkes an und bekämpft in einer epischen Schlacht die US-Armee. Dieser Stoff und der Profi aus Frankreich sollen die miserable Filmindustrie des Landes auf Trab bringen. Im Angesicht einer unfähigen Crew, prähistorischer Technik und immer absurderer Forderungen merkt Mathieu bald, dass nicht weniger als sein Leben von diesem Film abhängt.

Kim Kong
© Kwaï/Jean-Claude Lother

Das Tolle an "Kim Kong" ist die gekonnte Ambivalenz: Einerseits sind sich die Macher nicht zu schade für einige zwar vorhersehbare, aber dennoch prima funktionierende Gags. Zum Beispiel, wenn der Test einer Atomrakete misslingt, die bis nach Los Angeles fliegen soll und extra blau gestrichen wurde, damit sie am Himmel unsichtbar ist. Andererseits nimmt die Story manche Wendung in Richtung Emotion oder Ernsthaftigkeit, die das Comedy-Korsett sprengt und die hier nur angedeutet werden kann, um nicht zu viel zu verraten. Was man sagen kann: Die Hauptfiguren machen eine echte Entwicklung durch. Keiner von ihnen ist am Ende des dritten Teils noch so, wie er gestartet ist, und im Zweifel haben sie zumindest ein bisschen voneinander gelernt.

Jonathan Lambert verkörpert in der Rolle des verschleppten Regisseurs das zentrale Motiv der Miniserie: Wie funktioniert Kreativität unter Zwang? Das gelingt ihm so vielschichtig, dass sich der Zuschauer gemeinsam mit Mathieu irgendwann fragen muss, welcher Zwang eigentlich schlimmer ist – der eines durchgeknallten Diktators oder der des Blockbuster-getriebenen Box Office. Vor allem aber, wie man beide unterlaufen kann. Christophe Tek als namenloser Herrscher wiederum hat das höhnisch-verrückte Diktatorenlachen ebenso drauf wie die fast schon aufrichtige Empathie. Er kriegt es hin, dass seine Liebeserklärung an Lumière und Godard und Französisch als Sprache der Künste ebenso zum Charakter passt wie eine schmerzhafte Bestrafung des Regisseurs: Als er mit den ersten Mustern unzufrieden ist, landet das Original-Rambo-Messer, ein Geschenk von Sylvester Stallone persönlich, prompt in Mathieus Oberschenkel.

"Kim Kong" ist nicht die erste Serienperle von Thomas Bourguignon und seiner Pariser Produktionsfirma Kwaï. Die FremantleMedia-Tochter zeichnet auch für das herausragende Politdrama "Baron Noir" verantwortlich, dessen zweite Staffel zurzeit entsteht. Trotz nicht gerade üppig bemessener Arte-Budgets gelang es Bourguignon bei den Außendrehs für "Kim Kong" in Thailand, eine ganz eigene Welt für die fiktive asiatische Diktatur zu schaffen. Als größte Schwierigkeit erwies sich zuvor das Casting: Da es in Frankreich nur wenige asiatische Schauspieler gibt, dauerte die Suche nach den richtigen Darstellern sechs Monate.

Kreativität unter Zwang? Wer mag, kann die satirische Metaebene von "Kim Kong" durchaus innerhalb der heimischen Film- und Fernsehindustrie suchen. Der Produzent jedenfalls tut das: "Es ist hauptsächlich Comedy", so Bourguignon, "aber es ist auch eine Art Überprüfung unserer Beziehung zu TV-Sendern, die manchmal genauso kafkaesk sein kann wie in der Serie. Sie erwarten von uns oft viele Dinge, die unmöglich sind."

"Kim Kong" läuft am Donnerstag, 14. September bei Arte. Dort sind ab 21:45 Uhr alle drei Folgen à 52 Minuten am Stück zu sehen.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Auch fürs wöchentliche Media-Update zuständig.

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