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"De Dag": Zwei Perspektiven statt objektiver Wahrheit

 

Eskalation einer Geiselnahme: Die flämische Thriller-Serie "De Dag", koproduziert von ZDFneo, erzählt alles zweimal – erst aus Sicht der Polizei, dann aus Sicht von Tätern und Geiseln. Brillant konstruierte Suspense in klaustrophobischer Atmosphäre.

von Torsten Zarges
15.07.2018 - 09:32 Uhr

Psychothriller über Geiselnahmen haben ihre ganz eigenen Gesetze. Autoren, die einen neuen schreiben, können auf die gewohnte Grammatik unzähliger Genre-Vorbilder zurückgreifen. Oder sie können sich die Latte sehenden Auges so hoch legen wie die belgischen Autoren Julie Mahieu und Jonas Geirnaert. Sie haben sich entschieden, ein und dieselbe Handlung zweimal zu erzählen.

Die ungeraden der zwölf Folgen von "De Dag" – zu deutsch "Der Tag" – zeigen die Geiselnahme in einer kleinen Bankfiliale aus der Perspektive von Polizei-Spezialkräften und Profi-Verhandlern. Die geraden Folgen handeln von derselben Krisensituation, bloß aus Sicht der Geiselnehmer und ihrer Opfer. Wer eine solche Erzählstruktur wählt, geht ein hohes Risiko ein. Man muss die Wendungen seines Falls und die psychologischen Motive seiner Figuren schon brillant konstruiert haben, um den Zuschauer nicht auf halber Strecke zu langweilen oder ihn durch Brüche in der Logik zu betrügen. Mahieu und Geirnaert ist das Meisterstück gelungen. "De Dag" lebt davon, dass der Zuschauer in jeder Episode neue Puzzleteile aufdecken kann und merkt, dass es keine objektive Wahrheit gibt.

Am Anfang steht ein offenbar minutiös vorbereiteter Banküberfall, am frühen Morgen irgendwo in der Seitenstraße einer flämischen Kleinstadt. Da sich die Bankräuber im Innern der Filiale verbarrikadiert haben und einige der Bankangestellten und Kunden als Geiseln festhalten, fährt die Polizei draußen das große Besteck auf. Die Umgebung wird evakuiert, spezialisierte Ermittler und Unterhändler rücken an, um herauszufinden, wer die Täter sind, welche Motive sie haben, und um die Freilassung der Geiseln zu bewirken.

Vos (Sofie Decleir) ist die leitende Unterhändlerin der DSU, der Direktion der Sondereinheiten – ein Naturtalent im Verhandeln, aber schlecht im Delegieren und im Akzeptieren anderer Methoden als ihrer eigenen. Roeland (Willy Thomas) aus ihrem Team ist kürzlich erst in den Dienst zurückgekehrt, nachdem er nach einem gescheiterten Einsatz in Depressionen verfallen war. Als Ermittler der Bundespolizei ist Arne (Jeroen Perceval) im Einsatz, der sowohl mit Grippe als auch mit Beziehungsproblemen zu kämpfen hat.

Dann, in Folge zwei, ist es wieder derselbe frühe Wintermorgen. Diesmal sehen wir Elias (Titus De Voogdt) und Tommy (Bert Haelvoet), die beginnen, ihren lange vorbereiteten Plan umzusetzen. Drei Millionen Euro gilt es zu erbeuten, wenn es ihnen gelingt, die Geiseln und ihre eigenen Nerven unter Kontrolle zu halten und der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein. Elias ist der Kopf und Anführer, der ruchlosere von beiden, der das Schicksal der Geiseln als Kollateralschaden sieht. Tommy macht das, was Elias ihm aufträgt.

Schon an der Abfolge der ersten beiden Episoden zeigt sich, was auch den weiteren Verlauf der Serie und die zunehmende Eskalation der Lage kennzeichnet: Durch die beiden alternativen Blickwinkel auf den jeweils identischen Zeitabschnitt wird der Zuschauer in die Lage versetzt, Informationen zu sammeln und zu kombinieren, Lücken aufzufüllen sowie zu verstehen, warum manches Detail, das eine Episode zuvor noch unverständlich schien, doch Sinn ergibt. Oder andersrum eine Selbstverständlichkeit von vorher wieder in Frage zu stellen. Da ist es wohl überflüssig zu erwähnen, dass "De Dag" am besten in Blöcken von je zwei Folgen zu konsumieren ist – wenn nicht gleich in noch viel größeren Binge-Viewing-Dosen.

Neben den gelungenen Suspense-Elementen und der Metaebenen-Botschaft der verschiedenen Sichtweisen statt einer vermeintlich objektiven Wahrheit thematisiert die Serie durchaus auch konkrete gesellschaftliche Probleme. Etwa anhand des irakischen Einwanderers Yusef (Zou Zou Ben Chikha) und seiner belgischen Ehefrau Kathleen (Wine Dierickx), deren Teenager-Tochter und vierjähriger Sohn zu den Geiseln gehören. Die unglaublich dichte Erzählung – von den Autoren angelegt durch den Erzählrahmen eines einzigen Tages – findet in der intensiven, regelrecht klaustrophobischen Atmosphäre, die das Regie-Duo Gilles Coulier und Dries Vos schafft, ihre kongeniale Vervollständigung.

"De Dag" steht den Pay-TV-Kunden des belgischen Telekommunikationskonzerns Telenet seit Ende März on demand zur Verfügung. Allein in den ersten drei Wochen griff nach Unternehmensangaben ein Viertel der rund zwei Millionen Abonnenten zu, zwei Drittel davon sahen die komplette Staffel innerhalb einer Woche. Beim Filmfestival von Ostende werden am 8. September alle zwölf Folgen am Stück aufgeführt, ehe die Serie dann beim privaten TV-Sender Vier läuft. ZDFneo als deutscher Koproduzent strahlt "De Dag" laut einer ZDF-Sprecherin im Herbst aus. Allerdings steht der genaue Termin noch nicht fest.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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