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"Perfect Life": Der Beweis, dass Perfektion unmöglich ist

 

Mit der spanischen Produktion "Perfect Life" (OT: "Vida Perfecta") wird die nächste Staffel "Made in Europe" eröffnet. Direkt zum Auftakt wartet eine Serie, die neben ihrem Unterhaltungswert auch eine wunderbare Message an den Mann bringt. Und an die Frau.

von Kevin Hennings
16.06.2019 - 10:00 Uhr

Eine Frau ist nur dann vollkommen, wenn sie vor ihrem 30. Geburtstag geheiratet und noch vor der ersten Falte ihr eigenes Haus mit eigenen Kindern bezogen hat. Sie braucht das perfekte Leben. Das ist etwas übertrieben formuliert - aber gar nicht allzu weit von dem entfernt, was die Gesellschaft dem weiblichen Geschlecht über Jahrzehnte gar nicht so unterschwellig weismachen möchte. Auch Regisseurin und Schauspielerin Leticia Dolera ("REC³") spürte diesen Druck, bis sie an einem Punkt in ihrem Leben ankam, an dem sie eigentlich all das schonhatte und sich dennoch dachte: "Verdammt, irgendwie ist das alles nicht so rosig, wie ich es mir erhofft hatte." Dies verriet sie in einem Interview auf dem diesjährigen Cannes Series Festival, auf dem ihre neue Serie "Perfect Life" (Original: "Vida perfecta") gleich doppelt ausgezeichnet wurde: als "beste Serie" mit dem "besten Cast".

In ihrer Serie erzählt sie von den drei Freundinnen Cristina (Cella Freijero), Esther (Aixa Villagán) und Maria (Dolera). Sie stellen nach Angaben der Showrunnerin die drei Facetten dar, die sie in ihrem eigenen Leben widerspiegeln: Arbeit, Familie und persönliche Beziehungen. Die Arbeit wird von Esther verkörpert, einer Frau, die von ihren Freunden als große Künstlerin lobgepriesen wird. Sie selbst aber leidet stetig an immensen Kreativitäsblockaden und verliert dadurch den Glauben an sich selbst. Cristina stellt die Familie dar und wie verschlossen man ihr gegenüber manchmal ist. So nimmt sie fleißig die Anti-Baby-Pille, obwohl ihr Mann davon ausgeht, dass sie ein Kind zeugen wollen. Maria, die Darstellung Doleras persönlicher Beziehungen, wird beim Hauskauf von ihrem Mann sitzen gelassen, der sich einfach nicht vorstellen kann, 25 Jahre lang einen "Gegenstand" mit ihr abzubezahlen.

Sie alle eint die Gemeinsamkeit, dass sie aus einem fremden Blickwinkeln betrachtet ein perfektes Leben zu führen scheinen bzw. geführt haben, basierend auf der gesellschaftlich geprägten Annahme, wie eben jenes auszusehen hat. Doch vom erlösenden Glück scheinen sie paradoxerweise trotzdem meilenweit entfernt. Schmerzhaft lebensnah verdeutlicht Dolera bereits in den ersten Sequenzen von "Perfect Life", warum dies so sein könnte: Der vermeintliche Märchenprinz gibt sich nach ein paar Jahren keine Mühe mehr und ähnelt nun wieder vielmehr einem Frosch, dem fantastisch anmutenden Eigenheim wird kaum noch Wertschätzung entgegengebracht, da es zur Selbstverständlichkeit reduziert wurde und die Arbeit saugt jeglichen Funken Energie aus dem Körper.

Showrunnerin Dolera hat es geschafft, ein Spiegelbild zu schaffen, in dem sich viele Frauen und auch Männer selbst wiederfinden werden. Nicht nur, weil "Perfect Life" die Grundprobleme der heutigen Gemeinschaft anspricht, die uns alle betreffen, sondern weil das reflektierte Bild mit einer verblüffenden Erkenntnis daher kommt: Wir alle werden zur Perfektion getrieben, ohne das es bisher auch nur eine einzige Person auf dieser Welt geschafft hat, perfekt zu sein. "Perfect Life" ist gefüllt mit scheinbar fabulösen Charakteren, die zu irgendeinem Zeitpunkt eine tiefliegende Marotte offenlegen. Dadurch wandeln sie sich von Instagram-Abziehbildern zu echten Menschen. "This is Us" hat es vorgemacht, "Perfect Life" erweitert dieses neu gewonnene Genre nun um eine hingebungsvolle Note.

Die Spanier inszenieren gerne hochemotional. Drama, baby! Selbst der weltweite Netflix-Hit "Haus des Geldes" kann nicht verschweigen, dass gewisse Affekte äußerst intensiv, gar übertrieben dargeboten werden. "Perfect Life" beweist auf interessante Art und Weise, dass eine spanische Produktion dies gar nicht als Alleinstellungsmerkmal braucht, um bei den internationalen Zuschauern auch als 'Made in Spain' erkannt zu werden. Tatsächlich agiert das weibliche Dreigespann zu jedem Zeitpunkt so, wie es ein echter Mensch auch wirklich täte, und kein übermotivierter Unterhaltungsclown. Damit macht die Movistar+-Produktion deutlich, dass sich diese Selbstfindungsgeschichte nicht im soapigen Bereich ansiedeln möchte, sondern unter den ernstzunehmenden Dramen.

Dieses Ziel wurde mit Bravour erreicht. Dabei ist es nicht nur so, dass Spannungsbögen zum Besten gegeben, die mit manch einer Emmy-nominierten Serie mithalten können. "Perfect Life" ist ein weiblich geprägtes Drama, welches es versteht, starke Frauen in schwach anmutende Situationen einzusetzen. Heißt: Die drei Protagonistinnen sind zwar allesamt Powerfrauen, legen aber immer wieder ihre Schwachpunkte offen. Statt Powerfrauen ohne Fehler zu zeigen, bietet "Perfect Life" eine erfrischend ehrliche Sicht der Dinge - nämlich, dass alle Menschen fehlbar sind, ganz egal welchen Geschlechts. Gerade durch diesen Aspekt kann sich die von Dolera inszenierte Lebensgeschichte ebenso flink in Männerherzen spielen, wie sie es bei Frauen auf jeden Fall tun wird. 

Die erste Staffel von "Perfect Life" wird von Beta Film vertrieben, hat jedoch noch keinen Sendeplatz in Deutschland

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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