© BBC/AMC/Ink Factory

"Die Libelle": Gefährliches Spiel mit falschen Identitäten

 

Fesselndes Drama zwischen den Fronten des Nahost-Konflikts: Die John-le-Carré-Verfilmung "Die Libelle" führt den Zuschauer hinter die Kulissen einer gigantischen Geheimdienst-Inszenierung. Die junge Britin Florence Pugh brilliert als V-Frau in Diensten des Mossad.

von Torsten Zarges
07.07.2019 - 07:36 Uhr

Es beginnt mit einem Bombenanschlag im Diplomatenviertel von Bad Godesberg. Der israelische Botschaftsattaché nimmt einen Koffer entgegen, den ihm eine angebliche Freundin seines Au-Pair-Mädchens in die Hand drückt. Bevor er misstrauisch wird, hat die palästinensische Terrorbombe sein Haus schon in Schutt und Asche gelegt. Es ist das Jahr 1979. Spätestens seit dem Münchner Olympia-Attentat von 1972 haben die Deutschen wiederholt erlebt, dass Teile des Nahost-Konflikts auf ihrem Boden ausgetragen werden.

Zwischen den Bildern vom Anschlag und den ersten Zeugenbefragungen, für die Mossad-Agent Martin Kurtz in die Kölner Verfassungsschutzzentrale gekommen ist, sehen wir eine Schauspielerin in London beim hochemotionalen Vorsprechen für eine Rolle. Es ist diese ebenso rohe wie verletzliche junge Frau namens Charlie, durch deren Augen wir wenig später eine dramatische Achterbahnfahrt zwischen Täuschung, Verrat und Todesgefahr miterleben werden.

"The Little Drummer Girl" – im Deutschen "Die Libelle" mit Bezug auf das gleichnamige Heine-Gedicht – stellte bei seinem Erscheinen 1983 eine Ausnahme unter den Romanen von John le Carré dar: Der Meister der Spionageliteratur rückte erstmals eine weibliche Hauptfigur in den Mittelpunkt. Im Buch wie in der Hollywood-Verfilmung von 1984 mit Diane Keaton und Klaus Kinski wie in der neuen britischen Miniserie geht es um eine gigantische Theaterinszenierung im echten Leben: Da die Terrorzelle um die Brüder Khalil und Salim Al-Khadar immer wieder junge europäische Frauen als Helferinnen anheuert, engagiert der Mossad die antizionistisch eingestellte Charlie und bereitet sie auf die "Rolle ihres Lebens" vor: Sie soll als vorgebliche Rekrutin und Geliebte des von den Israelis gefassten und getöteten Salim in das Netzwerk der Terroristen eingeschleust werden.

Wie so oft in Le Carrés Werken wird hinterfragt, wie das Individuum im geheimdienstlichen Kontext funktioniert und welcher Zweck welche Mittel rechtfertigt. Um die moderne Serienumsetzung kümmern sich seit "The Night Manager" die Söhne des Schriftstellers, Simon und Stephen Cornwell, mit ihrer Produktionsfirma The Ink Factory. Wie schon beim weltweit gefeierten Vorgänger hatten sie bei der "Libelle" erneut BBC, AMC und Endeavor Content als Partner an Bord, um das 30-Millionen-Dollar-Budget zu stemmen. Allerdings kann man ihnen nicht vorwerfen, dass sie ihr bewährtes Erfolgsrezept kopieren.

Charlies fesselnde Geschichte zwischen den Fronten des Nahost-Konflikts wirkt nicht nur wegen der starken Frauenfigur völlig anders als der "Night Manager". Hier ist es die historisch-politische Relevanz des Stoffs, die dem Sechsteiler seine erzählerische Dringlichkeit verleiht. "Die Libelle" kommt nicht als typischer Hochspannungs-Agententhriller daher, sondern vielmehr als menschliches Drama, das sich an der Schuldfrage abarbeitet und die vermeintlich klaren Grenzen zwischen Gut und Böse recht schnell verschwimmen lässt.

Der preisgekrönte südkoreanische Regisseur Park Chan-wook ("Durst", "Die Taschendiebin") hat die Drehbücher von Michael Lesslie und Claire Wilson als intensiven Blick hinter die Kulissen einer Inszenierung angelegt. Das Spiel um wahre und falsche Identitäten versetzt den Zuschauer gekonnt in eine Haltung, in der er nie sicher sein kann, welche Gefühle echt und welche nur vorgetäuscht sind. Das fängt mit den Mossad-Männern an, wenn Martin Kurtz, Mastermind der ganzen Mission, sich Charlie als "Autor, Regisseur und Produzent unserer kleinen Show" vorstellt oder der von ihm beaufragte Gadi Becker, der Charlies Führungsoffizier werden soll, ihr betont unauffällig, jedoch unübersehbar am Strand von Naxos auflauert. Auch Charlie selbst hat sich längst vor ihrem V-Frau-Einsatz eine erfundene Familiengeschichte zugelegt, um interessanter zu wirken.

Während der minutiösen Vorbereitung auf ihre "Rolle" vermischen sich Realität und Imagination immer mehr, weil Gadi zu Trainingszwecken Salims Part übernimmt, gleichzeitig aber die zunehmende Anziehung zwischen dem echten Gadi und der echten Charlie dazwischenfunkt. Das alles steht und fällt mit der Kraft der drei Hauptdarsteller, die man nur Respekt einflößend nennen kann. Michael Shannon als Kurtz und Alexander Skarsgård als Becker reflektieren die widersprüchlichen Extreme im Umgang mit Verantwortung und Gewissen. Wahrlich über sich selbst hinaus wächst – wie Charlie in ihrer "Rolle" – die 23-jährige Britin Florence Pugh, die 2016 als "Lady Macbeth" bekannt wurde. Ihr ist es zu verdanken, dass Charlie dickköpfig und widerspenstig erscheint, ohne dabei ihre tiefe Verletzlichkeit und moralische Verwirrung zu übertünchen.

Von visueller Kunstfertigkeit zeugt nahezu jedes Zeit- und Lokalkolorit atmende Bild, das Chan-wook und sein Kameramann Woo-Hyung Kim im Lauf der sechs Stunden zeigen. Mit übersättigten Farben, expressivem Licht und Schatten sowie ungewohnten Perspektiven finden sie eine ganz eigene Grammatik der Widersprüchlichkeiten. Der Szene mit Pugh und Skarsgård auf der nächtlichen Akropolis in Folge eins – erstmals in der Filmgeschichte hatte die griechische Regierung dort einen Nachtdreh genehmigt – ist bereits jetzt ein Platz unter den überwältigendsten Film-Annäherungen aller Zeiten sicher.

"Die Libelle" ist in der englischen Originalversion sowie deutsch synchronisiert bei Starzplay abrufbar. Der SVoD-Dienst kann für 4,99 Euro monatlich über Apple TV oder Prime Video Channels abonniert werden.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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