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"Mytho": Die Familienserie mit der Brustkrebs-Lüge

 

Diese Tragikomödie besticht durch ihre Präzision: In der Arte-Miniserie "Mytho" erzählt "Les Revenants"-Macher Fabrice Gobert von einer Frau, die auf der Suche nach Liebe und Anerkennung einen Tumor erfindet. Ihre Familie treibt ungebremst in die Katastrophe.

von Torsten Zarges
28.07.2019 - 08:45 Uhr

Eigentlich kommt die Entwarnung schon in den ersten fünf Minuten der Serie: Elvira, aufopfernde Mutter, Ehefrau und Versicherungssachbearbeiterin, hat keinen Brustkrebs. "Was sich wie ein Knötchen anfühlt, ist harmlos", erklärt ihr die Radiologin. Elviras Körper habe bloß eine Fake-Geschwulst gebildet – "ein bisschen wie alkoholfreies Bier, wenn Sie so wollen". Sie solle sich einfach etwas ausruhen, Sport machen und in sechs Monaten wiederkommen.

Natürlich ist Elvira erleichtert. Doch als aufmerksamer Zuschauer entdeckt man auch eine Spur von Verwirrung, vielleicht sogar Enttäuschung, in ihren Augen. Und am Ende eines langen, chaotischen Tages wird Elvira neben ihrem Mann Patrick auf der Bettkante sitzen und ihn mit der Hiobsbotschaft konfrontieren: "Ein Tumor. Die Ergebnisse waren leider schlecht." Fake News statt Fake-Geschwulst.

Was zu der Lüge führt, erzählt "Mytho" in der Zeit dazwischen: Mit dem Kümmern um ihre drei Kinder, dem Babysitten für ein weiteres, dem begründeten Verdacht, dass ihr Mann fremdgeht, und einem Chef vom Typ Arschloch ist Elvira schlicht und ergreifend überlastet. Eingestehen will sie sich das nicht, schließlich war es immer ihr Ziel zu funktionieren. Wenn auch äußerst uncharmant, trifft der Arschloch-Vorgesetzte den Nagel auf den Kopf: "Ich weiß genau, wie Ihr Leben läuft, Elvira Giannini: Schulausflüge, undankbare Kinder und ein abwesender Ehemann. Sie kommen jeden Abend erschöpft nach Hause, wo die Wäsche und das Essen gemacht werden wollen. Kein Wunder, dass Sie's verkacken."

Wie eine vermeintlich kleine Notlüge das Familienleben ungebremst in Richtung Katastrophe treibt, ist der rote Faden dieser tragikomischen Geschichte in sechs Episoden, deren Kosmos an "Shameless" oder "Desperate Housewives" erinnert, ohne freilich an eigener Originalität einzubüßen. "Mytho" besticht durch seine Präzision an allen Fronten: Buch, Inszenierung, Schnitt und Schauspiel ziehen an einem Strang, um die Balance zwischen Drama und Komödie stets zu halten und das Publikum in einen Strudel aus Identifikation und Fassungslosigkeit zu reißen. 

Hauptdarstellerin Marina Hands ("Taboo") schafft es durch ihr einfühlsames Spiel, dass man ihrer Elvira bei aller Irrationalität doch mit Verständnis im Buhlen um Liebe und Anerkennung folgt, um dann umso entgeisterter zu sein, wenn sie sich hoffnungslos in ihrem Netz der Lügen verstrickt. Verdient wurde Hands für diese Leistung von der Jury der Series Mania im März als beste Schauspielerin des Jahres ausgezeichnet. Zugleich kürte das Publikum im nordfranzösischen Lille "Mytho" zur beliebtesten Serie des Festivals.

Mytho© Arte
Prost: Elvira (Marina Hands) und Patrick (Mathieu Demy) steuern auf die Katastrophe zu

Er habe große Lust auf eine Familienserie gehabt, gab Regisseur Fabrice Gobert zu Protokoll, der sich mit der Mysteryserie "Les Revenants" und deren US-Remake "The Returned" international einen Namen gemacht hat. "Mytho", gemeinsam mit Drehbuchautorin Anne Berest entwickelt, sei "quasi die Umkehrung" von "Les Revenants", so Gobert. Da ist was dran: Während bei den Zombie-Rückkehrern die Katastrophe am Anfang stand und die Familien damit klarkommen mussten, ist für Elvira und ihre Lieben nicht ersichtlich, auf welche dramatischen Untiefen sie zusteuern. Goberts Inszenierung bringt es fertig, hinter scheinbar realistischen Alltagsbildern eine maximale Stilisierung zu verbergen, die dem Zuschauer mitunter eine Extraportion Unbehagen einflößt.

Ein bisschen könnte dieses Unbehagen auch mit dem Stück Selbsterkenntnis zu tun haben, das in jeder guten Tragikomödie steckt. Der Titel der Serie leitet sich vom psychischen Störungsbild der Mythomanie ab, einer Art krankhafter Lügensucht. So, wie sie uns hier anhand einer Familie fast von nebenan vorgeführt wird, liegt der Gedanke nah, dass jeder von uns mal in eine überfordernde Situation geraten kann und dann ein wenig "mytho" wird.

Aber keine Sorge: Die absurdesten Situationen halten noch immer die besten Lacher bereit. Etwa, wenn Patrick (Mathieu Demy) von dem vermeintlichen Tumor erfährt und als erstes seine Frau fragt: "Wirst du eine Chemo machen? Wirst du deine Haare verlieren?" Und dann muss Elvira erstmal ihn trösten, weil dem armen Mann bei der schlimmen Vorstellung ganz übel wird.

Arte zeigt "Mytho" am 10. und 17. Oktober jeweils ab 20:15 Uhr. Außerhalb von Deutschland und Frankreich ist die Serie bei Netflix zu sehen.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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