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"Mocro Maffia": Hollands harte Antwort auf "4 Blocks"

 

So brutal und schonungslos hat man den Bandenkrieg der Amsterdamer Koks-Könige noch nie gesehen: "Mocro Maffia" erzählt aus einer Welt, in der Geld und Macht mehr zählen als ein Menschenleben. Die Serie wirkt verstörend authentisch und stößt Diskussionen an.

von Torsten Zarges
04.08.2019 - 08:35 Uhr

Auch wenn der Warnhinweis in zynische Ironie verpackt ist, sollten zartbesaitete Zuschauer ihn unbedingt befolgen. Wer an Märchen glaube, solle lieber ins Disneyland gehen, empfiehlt eine Off-Stimme in den ersten Minuten der Serie. Und zeichnet zu realen Nachrichtenschnipseln ein düsteres Bild vom Drogenkrieg in der Amsterdamer Unterwelt: "Nirgendwo sonst kriegt man so leicht so viele Drogen. Je mehr Geld, desto mehr Gewalt. Es gibt keine Grenzen mehr."

Die Off-Stimme entpuppt sich als Rein de Waard, der uns als Ich-Erzähler durch die Serienhandlung führen wird. Sich selbst stellt er als "Wrack, Witwer und Journalist" vor. In den nächsten acht Episoden wird es nicht weniger trüb und schonungslos als in diesem Moment. Wer rohe Brutalität nicht verkraftet, ist bei "Mocro Maffia" an der falschen Adresse. Wer dennoch dranbleibt, erlebt ein eindringliches Sittenbild von einem wachsenden Teil der Gegenwartskriminalität.

Die sogenannte "Mocro"-Mafia gibt es wirklich. Mit dem umgangssprachlichen niederländischen Begriff sind junge Menschen marokkanischer Abstimmung gemeint. Verfeindete Clans kontrollieren den Rauschgifthandel und bekriegen sich gegenseitig – für den durchschnittlichen Amsterdam-Besucher eine fremde Welt, die doch erschreckend nah ist. Seit Jahren kommt es immer wieder zu grausamen Morden auf offener Straße oder zu Funden von Leichenteilen. "Mocro Maffia" beruht lose auf dem gleichnamigen Sachbuch von Wouter Laumans und Marijn Schrijver, das vom Aufstieg dieser neuen Generation von Schwerverbrechern handelt. Demnach töten sich im Kampf um Kokain-Millionen heutzutage jene Bandenmitglieder gegenseitig, die noch vor einigen Jahren gemeinsam durch die Niederlande zogen, um Banken oder Juweliere auszurauben.

Die fiktiven Hauptfiguren der Serie sind Romano, Potlood ("Bleistift") und De Paus ("der Papst"), einstmals beste Freunde, die es in kurzer Zeit von Kleinkriminellen zu Amsterdams Koks-Königen gebracht haben. Die Eintracht endet an dem Tag, als der Papst mit Romano bricht. Er versucht, eine Drogenladung abzufangen, die per Schiff in Rotterdam ankommt und eigentlich für Romano bestimmt ist. Als Romanos Leute den Verrätern Angst machen sollen, tun sie dies mit einem Maschinengewehr und Molotowcocktails – am Ende sind zwei Menschen tot. Der Papst schwört Rache, der "Mocro"-Krieg hat offiziell begonnen. Alle Beteiligten geraten in einen tödlichen Strudel aus Vergeltung, Machtkampf und Eifersucht, der bald auch unschuldige Opfer fordert. Die Polizei, die in der Serie nur eine Nebenrolle spielt, scheint derweil einigermaßen macht- und ahnungslos.

Die beiden Autoren und Showrunner Thijs Römer und Achmed Akkabi – letzterer spielt auch De Paus – beschreiben eine Welt, in der ein einzelnes Menschenleben nicht mehr viel wert ist – Geld und Macht sind weitaus wichtiger. Das beginnt schon in jungem Alter: "Mocro Maffia" hat etliche jugendliche Figuren, die von den Bandenanführern mit der Aussicht auf Reichtum aus ihren zumeist ärmlichen Familienverhältnissen gelockt werden. Da dringt etwa ein Vater in der ersten Folge gar nicht mehr durch mit seinem Bemühen, den Sohn vom ständigen Schulschwänzen abzuhalten. Die vermeintliche Karriere als Drogenkurier scheint viel attraktiver und wie ein schneller Ausweg aus dem Migranten-Getto. Es zählt zu den Stärken der Serie, dass gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge miterzählt werden und die Motivationen der Charaktere nicht zu kurz kommen.

Für die Einordnung und Verarbeitung des Gesehenen tut es tatsächlich ganz gut, die Instanz des Ich-Erzählers zu haben. Der trinkende Kriminaljournalist Rein de Waard, der seine todkranke Frau pflegt, ist durch einen Bestseller zum Experten in Sachen Drogenkriminalität geworden und arbeitet nun zusammen mit einem jungen Kollegen an einem neuen Buch. Immer wieder lässt er despektierliche Kommentare ab und dient dem Zuschauer damit als 'relief' gegenüber Folter- und Vergewaltigungsszenen, Erschießungen und Enthauptungen. Während die ersten zwei Folgen voller Action und rasch eskalierender Gewalt stecken, bleibt ab der dritten Folge mehr Raum, um die Beziehungen zwischen den Hauptfiguren zu erklären. Visuell fallen die oftmals verwaschenen Bilder mit Blau- und Grünstich ins Auge, aus denen intensive Farbtupfer hervorstechen. Der Sprachmix aus Arabisch, Niederländisch und Straßenslang trägt zur authentischen Wirkung bei, würde freilich schon im Original nicht ohne Untertitel funktionieren.

"Ich hoffe, dass junge Leute, wenn sie die Serie sehen, denken: Oh nein, lasst uns sowas auf keinen Fall machen!", sagte Nasrdin Dchar, Darsteller des Potlood, in einem Interview. "Wir scheuen uns nicht vor Härte und zeigen, dass es eine sehr gewalttätige Welt ohne Gnade ist." Seit dem Start bei Videoland, der kostenpflichtigen SVoD-Plattform von RTL Nederland, im Oktober 2018 hat "Mocro Maffia" zu neuen Diskussionen über die liberale Drogenpolitik der Niederlande geführt. Im Raum steht die Frage, ob auch der Erwerb schärfer bestraft werden sollte und somit nicht nur die "Mocros" kriminalisiert würden.

Die von RTL Productions hergestellte Serie gilt im Heimatland als voller Erfolg: Innerhalb der ersten drei Monate hatten mehr als die Hälfte aller Videoland-Abonnenten sie gesehen; eine zweite und dritte Staffel sind bereits beauftragt. Während bisherige Eigenproduktionen des Netflix-Konkurrenten ihren Weg oft auch ins Programm des TV-Senders RTL4 fanden, entschied man sich in diesem Fall wegen der außergewöhnlichen Brutalität dagegen. Und in Deutschland landet "Mocro Maffia" nicht etwa auf einer RTL-Plattform, sondern beim Erzrivalen: Joyn, die gemeinsamen Streaming-Plattform von ProSiebenSat.1 und Discovery, hat im Frühjahr die deutschen und österreichischen Rechte an der Serie gekauft.

"Mocro Maffia" wird hierzulande bei Joyn zu sehen sein, und zwar zum Start des angekündigten Premium-Produkts im Winter.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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