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"Instinto": Spaniens feuriger Mix aus Sex und Brüderlichkeit

 

Die von Movistar+ produzierte Drama-Serie "Instinto" kommt wie ein Abbild der Social-Media-Plattform Instagram daher: Aufreizende Bilder werden mit einprägsamen Filtern unterlegt. Obendrauf gibt's noch eine überdramatisierte Familiengeschichte.

von Kevin Hennings
11.08.2019 - 10:13 Uhr

Marco (Mario Casas) ist ein erfolgreicher Geschäftsmann in einem Unternehmen namens "Alva", welches gerade ihren neuesten Prototyp auf den Markt gebracht hat – Cyclone, ein Elektroauto, dessen Motor Wind in Energie umwandeln kann. Elon Musk wäre neidisch, nicht vor ihm auf diese Idee gekommen zu sein. Ergänzt wird das Alva-Führungsteam durch die Marketingmanager Diego (Jon Arias) und Bárbara (Bruna Cusí), seine Ehefrau. Die harmonische Zusammenarbeit um das aufregende Projekt gerät jedoch ins Schwanken als eine vierte Person Teil der Gruppe wird: Eva (Silvia Alonso), die nicht nur mit ihren ersten Flirtversuchen innerhalb der Begrüßung deutlich macht, dass es zukünftig nicht nur um Autos gehen wird.

Vor allem Marco kommt Eva wie ein erotischer Engel aus dem Himmel vor, hat er in den letzten Jahren alles andere als ein aufregendes, soziales Leben geführt. Nun wittert er die Chance, verpasstes nachzuholen. Anstatt Cyclone erfolgreich an den Start zu bringen, frönt er fortan Clubbesuchen und Eskapaden, um seine angehende Depression zu begraben. Noch komplizierter wird es, als er Carol (Ingrid García Jonsson) kennenlernt, die neue Pflegerin seines behinderten Bruders José, der von Mario Casas echtem Bruder Oscar Casas gespielt wird. Um noch einen drauf zu setzen, wie man es von den Spaniern gewöhnt ist, taucht dann auch noch Marios verloren geglaubte Mutter auf – die ihm seinen schlimmsten Feind präsentiert: sich selbst.

"Instinto"-Protagonist Marco Mur wirkt gefühlstechnisch wie der typisch verlorene Mittzwanziger, der seine Erlösung in One-Night-Stands und Drogenmissbrauch vermutet. Während er nach außen hin einen vernünftigen Eindruck macht, verbirgt er gleichzeitig ein immer größer werdendes Loch in seinem Innenleben, welches durch kein Geld der Welt gestopft werden kann. Auf Dauer jedenfalls nicht. Und so ist die Movistar+-Produktion vor allem ein Spiegelbild für die heutige Netflix-Generation, die sich in vielen Szenen sagen wird: "Genauso fühle ich mich auch!"

Dass es gleichermaßen nicht um Alva und das Voranbringen futuristischer Elektroautos geht, ist dabei natürlich selbstverständlich. "Instinto" brauchte nur das Grundgerüst einer vielversprechenden Erzählung, um den Zuschauer im Anschluss mit nackter Haut und stroboskopartigen Disco-Szenen in Trance zu versetzen. Gut aussehenden Menschen dabei zuzuschauen, wie sie aphrodisierenden Fantasien verfallen, kann in den Bann ziehen. Effektiv könnte man diesen gezielten Abbau des eigenen Selbstwerts aber auch bei Instagram betreiben – und würde dabei ebenso die immer gleichen Filter zu sehen bekommen.

Instinto

Doch wo es auf Instagram kaum eine Hoffnung zu geben scheint, wird sie Marco immerhin ins Drehbuch geschrieben: Zwischen all den unerfüllenden Narrheiten beginnt er immer mal wieder zu realisieren, dass es auch für echte Gefühle nie zu spät ist. Am schönsten wird das deutlich, wenn er auf seinen 18-jährigen Bruder mit Autismusstörung trifft. Die komplizierte Beziehung zwischen den beiden beginnt sich zu verschönern, als Marco anfängt zu lernen, dass er seinen Bruder nur mit Emotionen erreichen kann. Sein vorgetäuschtes Glitzer-Leben interessiert diesen nämlich nicht.

"Instinto" kommt damit wie ein interessanter Mix aus "50 Shades of Grey"-Ambitionen und "Ziemlich beste Freunde"-Vibes rüber, der jedoch nicht von jedem verdaut werden kann. Wer gezielt höchstsexuellen Serien-Content sehen möchte, hat nicht unbedingt Lust darauf, zehnminütige Passagen mit sensiblen Brüder-Gesprächen zu verbringen. Andersherum könnte es Anhängern von hochwertigen Drama-Content stören, dass andauernd Brüste im Bild sind. Selbst "Game of Thrones" musste mit zunehmender Laufzeit einsehen, dass der Sex zurückgefahren werden muss.

Der von Teresa Fernández-Valdés, Ramón Campos und Gema R. Neira inszenierte Achtteiler ist ein moderner Erotikthriller, der etwas zu viel Storystränge in sich vereinen wollte. Hätte er seine Stärken, die Erkundung von Marcos Gefühlen, erkannt, hätte er seine Nische besser finden können. Aber auch so bleibt "Instinto" ein aufregender Trip, der uns mit seiner einnehmenden Bildsprache Abenteuer aufzeigt, die wir möglicherweise noch erleben wollen. Und wenn es nur ein intensives Gespräch mit unserem Bruder ist.

Die erste Staffel von "Instinto" ist derzeit nur in Spanien über Movistar+ zu sehen

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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