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Des einen Geschichte ist des anderen traurige Gegenwart

 

In einer Mischung aus True Crime und Period Drama überzeugen Hugh Grant und Ben Wishaw als Protagonisten eines britischen Polit-Skandals, auf der früheren Strafbarkeit von Homosexualität basierend. Ein Mahnmal, nicht ohne britischem Humor.

von Thomas Lückerath
18.08.2019 - 08:55 Uhr

An der dreiteiligen Miniserie „A very english scandal“ der BBC, die in Deutschland wohl ein klassischer Zweiteiler geworden wäre, ist so ziemlich alles hochkarätig: Basierend auf John Prestons Buch “A Very English Scandal: Sex, Lies and a Murder Plot at the Heart of the Establishment” hat Russell T. Davies eine britische Fernsehperle geschaffen: Der Erfinder von „Queer as Folk“ und der vor einigen Wochen schon bei „Made in Europe“ vorgestellten BBC-Serie „Years and Years“, Autor von „Doctor Who“ und Erfinder von „Torchwood“ ist das Genie hinter dem adaptierten Drehbuch, gedreht wurde die Serie unter Regie von Stephen Frears („The Queen“) - und mit Hugh Grant und Ben Wishaw in den Hauptrollen setzt sich die Liste hochkarätiger Namen fort. In Großbritannien lief die Mini-Serie im vergangenen Jahr.



„A very english scandal“ erzählt nach einer wahren Begebenheit die Geschichte des charismatischen Parteivorsitzenden der Liberal Democrats, Jeremy Thorpe, dem in den 70er Jahren in einem Aufsehen erregenden Prozess die Verschwörung zum Mord vorgeworfen wurde. Anfang der 60er Jahre begann der damalige Abgeordnete Thorpe (gespielt von Hugh Grant) eine Affäre mit dem Stallburschen Norman Scott (gespielt von Ben Whishaw). Homosexualität war damals im Vereinigten Königreich noch strafbar. Thorpe beendet die Affäre und wird 1967 als jüngster Abgeordneter an die Spitze der Liberalen gewählt. Zum Schein führt er eine glückliche Ehe, doch die Fassade bröckelt. Als Scott beginnt, Thorpe in der Öffentlichkeit zu outen, eskaliert eine tragische Affäre zum kriminellen Skandal.

Regisseur Stephen Frears inszeniert ein tragisches Drama ohne viel Effekthascherei, das dank der starken Drehbuch-Adaption von Russell T Davies zwischendurch immer wieder auch britischen Humor durchscheinen lässt, insbesondere in der zweiten der drei Episoden. Ein bisschen Slapstick beim Versuch eines Auftragsmordes stört die Ernsthaftigkeit der Gesamtgeschichte jedoch nicht, ist eher ein willkommenes Ventil bei der Erzählung eines Skandals, der auch ein zweifelhaftes Licht auf die Nähe zwischen Politik und Justiz wirft, die hochrangige Gentlemen dank staatlicher Vertuschung einerseits und Inkompetenz andererseits vor Verfolgung schützte.

Damit wird „A very english scandal“ trotz seiner Kürze zu einem komplexen Sittengemälde seiner Zeit, das zu Recht schon bei den Golden Globes im Rennen war und einen Preis für Ben Wishaw gewann. Auch einen BAFTA und den Critics Choice Award räumte Wishaw schon ab  - und im September bei den Emmys in Los Angeles auf weitere Ehre hoffen kann. Gegen starke Konkurrenz scheint es unwahrscheinlich und doch hätte auch Hugh Grant für seine gänzlich bemerkenswertes Spiel in dieser Produktion eine Auszeichnung als bester Hauptdarsteller in einer Limited Series verdient. Insgesamt vier Emmy-Nominierungen adeln die Produktion. Für den britischen „Guardian“ war die Miniserie im Jahr 2018 übrigens die zweitbeste Produktion des Jahres hinter „Killing Eve“. Am 19. September startet „A very english scandal“ nun auch in Deutschland beim Sony Channel.

Erpressung hier, Mordkomplott dort. Diese Miniserie ist eine Kriminalgeschichte, in der es mitunter schwer fällt, eindeutig zu entscheiden, wer gut und wer böse ist. Trotz der offensichtlich kriminellen Folgen und der unbestrittenen persönlichen Verantwortung für diese Eskalationen, führt die Miniserie dabei eine Zeit vor Augen, die in vielen westlichen Gesellschaften seit der Legalisierung von Homosexualität und den errungenen Schritten zur Gleichberechtigung, schon vergessen scheint: Eine Zeit, in der kriminell war, schwul oder lesbisch zu sein. Unweigerlich kommt einem der Titel von Rosa von Praunheims bekanntem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ in den Sinn.

Erst vor 50 Jahren wurde in Großbritannien die Homosexualität legalisiert, was noch lange keine Akzeptanz nach sich zog. Jene Jahren der Illegalität zuvor und frühen Jahren der vermeintlichen Legalisierung danach sind der Nährboden für alles, was sich in „A very english scandal“ entspinnt. Mehr noch: Sie sind genau genommen der alleinige Grund. Wenn Menschen per Geburt kriminalisiert und diskriminiert werden, bleibt das nicht ohne Folgen. Es macht angreifbar und verletzlich. Mag das heute in westlichen Ländern glücklicherweise selten geworden sein, gibt es weltweit auch im Jahr 2019 noch mehrere dutzend Länder, in denen die in „A very english scandal“ erzählte, britische Geschichte heute noch traurige Gegenwart sein könnte.

"A very english scandal" läuft ab dem 19. September im Pay-TV beim Sony Channel.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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