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"Normal People": Höchste Erfüllung und tiefster Schmerz

 

Teen-Melodram über eine schicksalhafte On-Off-Beziehung: Die irische Romanverfilmung "Normal People" von Sally Rooney hat sich über die vergangenen zwei Monate als Popkultur-Phänomen erwiesen. Hinter dem Hype steht eine starke, intime, schonungslose Serie.

von Torsten Zarges
12.07.2020 - 08:13 Uhr

Paul Mescal und Daisy Edgar-Jones sind in Zeiten der Pandemie zu Superstars und Internet-Phänomenen geworden. Zu Hause in London lauern den beiden jungen Schauspielern, 24 und 22, Paparazzi auf. Die Zahl der Fanseiten schießt durch die Decke. Sogar die silberne Halskette, die Mescals Serienfigur trägt, hat schon ihr eigenes Instagram-Profil.

"Normal People" hat also den Nerv einer jungen Zielgruppe voll getroffen, seit die Romanverfilmung Ende April von RTÉ One in Irland, BBC Three in Großbritannien und Hulu in den USA veröffentlicht wurde. Kritiker auf beiden Seiten des Ozeans feiern den Zwölfteiler bereits als eine der besten Serien des Jahres und als haushohen Favoriten auf etliche Awards. Und das ist keineswegs übertrieben.

Dabei könnte man auf den ersten Blick meinen, es handle sich um die x-te Romanze nach dem 'boy meets girl'-Schema. Treffen, flirten, küssen, streiten, versöhnen, verlieben, streiten, trennen, wieder versöhnen. Die Liebesgeschichte der beiden irischen Teenager Marianne und Connell, die sich nach Kräften bemühen, der gegenseitigen Anziehungskraft zu widerstehen, ist an sich nicht sonderlich originell. Er ist der gut aussehende, von allen in der Schule umschwärmte Rugby-Star, sie die stolze, intelligente Außenseiterin aus reichem Haus. Was den 2018 erschienenen Roman der irischen Schriftstellerin Sally Rooney so besonders machte, war sein unverstellter Zugang zu Connells und Mariannes innersten Gedanken, Unsicherheiten und Leidenschaften. Darin lasen viele mit Begeisterung ein modernes Generationsporträt.

Es erweist sich in diesem Fall als goldrichtig, dass Rooney die Serienadaption von "Normal People" gleich eigenhändig übernommen hat. Auch ohne ihre Buchprosa gelingt es ihr und den Co-Autoren Alice Birch und Mark O'Rowe, den direkten Weg in die Köpfe und Herzen der Hauptfiguren freizulegen. Geradezu schonungslos bohren sich die Drehbücher Schicht für Schicht durch alle Fassaden. Dialoge sind dabei nicht einmal das wichtigste Mittel, denn weder Marianne noch Connell erweisen sich als besonders wortreiche Charaktere. Es ist ihr verkürzter, oft stichwortartiger Umgang miteinander, der ihre Vertrautheit ausdrückt und wie eine ganz eigene Sprache wirkt. Als Zuschauer lernt man mit jeder der halbstündigen Folgen, die Mienen und Stimmungen der beiden etwas besser zu deuten. Ein wirksamer Mechanismus, um Bindung herzustellen.

Das würde nicht halb so gut funktionieren, wenn die Regie von Lenny Abrahamson ("Room") und Hettie Macdonald ("Howard's End") das Material nicht derart nah, intim und einfühlsam umsetzte. Visuell fallen an "Normal People" vor allem die fast ununterbrochenen Close-ups auf, in denen die Handkamera förmlich nach Gesichtern und deren Details sucht. Mehr Gefühl von Nähe könnte man über den Bildschirm gar nicht erzeugen. Das gilt auch und gerade für die ungewöhnlich freizügigen Sexszenen, die im US-Markt hohe Wellen geschlagen haben, aber insbesondere deshalb so stark sind, weil sie in bewusst natürlicher, ungekünstelter Inszenierung sehr viel über die Bedürfnisse der Figuren erzählen.

Und natürlich sind Edgar-Jones und Mescal die halbe Miete zum Erfolg. Ihr schauspielerisches Talent, das ebenso intuitiv wie unaufdringlich wirkt, macht sie zur kongenialen Verkörperung dieses Schicksalspaars, mit dem der Zuschauer gefühlt im selben Raum weilt und nicht bloß auf der anderen Seite eines Bildschirms. Vom ersten Moment dieser seltsamen, schwer definierbaren Verbindung an, als Connell seine Mutter von deren Haushälter-Job bei Mariannes Eltern abholt und zwischen beiden sichtbar ein Schalter umgelegt wird, machen die Darsteller etwas wie selbstverständlich greif- und fühlbar, was eigentlich hochkomplex erscheint: eine Beziehung, die enger und vertrauter kaum sein könnte, die beide aber unbedingt vor anderen Menschen verbergen wollen, zu der sie sich daher niemals richtig bekennen und die sie auf einen jahrelangen Kurs zwischen höchster Erfüllung und tiefstem Schmerz führt.

"Normal People" ist das jüngste Beispiel für den Trend, ernsthafte, intensive Dramaserien im Halbstundenrhythmus zu erzählen, ganz ohne den Zwang, regelmäßige Dramedy-Schmunzler einzubauen. Zwar legt die Serie mitunter einen lapidaren Humor an den Tag – etwa wenn Marianne und Connell sich als College-Studenten wieder und wieder trennen, teils aus purem Zufall. Doch der Grundton ist eher ein trüber, melodramatischer, der den Zuschauer ebenso hoffen und leiden lässt wie die beiden Hauptfiguren.

"Normal People", ab 16. Juli auf der Streaming-Plattform Starzplay

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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