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"Adult Material": Die Familienserie aus der Pornoindustrie

 

Zwischen Mutterliebe und Analsex-Gags: Aus der Sicht eines Pornostars erzählen Autorin Lucy Kirkwood und Regisseurin Dawn Shadforth in ihrem Vierteiler "Adult Material" von weiblicher Selbstbestimmung und sexuellen Grenzverschiebungen. Lakonischer Humor inklusive.

von Torsten Zarges
02.08.2020 - 10:05 Uhr

"Not coming soon", titelte Englands Boulevard-Schlachtschiff "The Sun" Mitte Mai und breitete genüsslich aus, Channel 4 habe die Ausstrahlung seiner Miniserie "Adult Material" verschoben, da sie zu unanständig für die Primetime sei. Dass die Entscheidung des Senders indirekt auch mit der Coronakrise zu tun hatte, erfuhren die Leser erst weiter unten.

In der Tat genügen schon ein paar Minuten der Tragikomödie, um festzustellen, dass die ursprünglich geplante 21-Uhr-Programmierung mit dem Jugendschutz kaum vereinbar wäre. Eine Stunde später jedoch hätte die Serie ausgerechnet in Zeiten pandemiebedingter Verunsicherung mit den Hauptnachrichten von BBC und ITV konkurriert. Daher soll sie nun im Herbst um 22 Uhr laufen.

Autorin Lucy Kirkwood, die sich mit "The Smoke" für Sky und "Chimerica" für Channel 4 einen Namen gemacht hat und als Consultant an der zweiten Staffel von "Succession" beteiligt war, erzählt in ihrem neuen Vierteiler die Geschichte von Jolene Dollar (Hayley Squires), ihres Zeichens erfolgreiche Pornodarstellerin, die es neben ihrer Karriere vor der Kamera mit Merchandising à la Gummivaginas zur gut verdienenden Businessfrau gebracht hat. Sie ist die Ernährerin ihrer Familie, liebevolle Mutter von drei Kindern, während Ehemann Rich (Joe Dempsie) ihr zu Hause den Rücken freihält, ihre Social-Media-Kanäle bedient und ihre Abrechnungen macht. Die vermeintliche Harmonie im Kollegen- und Familienkreis gerät jäh ins Wanken, als Jolene am Pornoset auf die 19-jährige Nachwuchsdarstellerin Amy (Siena Kelly) trifft.

Achtung: Im nachfolgenden Absatz werden extreme Sexualpraktiken erwähnt, die auf manche Leser verstörend wirken könnten.

Als Zuschauer spürt man auf Anhieb die geradezu mütterliche Sorge, die der gestandene Star für die Newcomerin empfindet, auch weil Jolene sich selbst und ihre eigenen Erfahrungen in Amy zu sehen scheint. Folgerichtig zieht Amy in der zweiten Episode wie eine Art viertes Kind bei Jolenes Familie ein. Bis dahin ist allerdings schon vieles den Bach heruntergegangen. Nach ihrem ersten Dreh geht Amy an Krücken, da sie aufgrund einer Knieverletzung eigentlich nicht hätte knien dürfen. Obwohl sie eigentlich gar keine Analsexszene drehen wollte, endet die Nacht für sie in Folge der Extremvariante "Rosebud" mit einem Analprolaps, bei dem das innere Gewebe des Rektums aus dem Anus rutscht. Und ganz am Ende der ersten Folge rammt sie dem US-Pornostar Tom Pain (Julian Ovenden) ein Küchenmesser in den Bauch, als der ungefragt Oralsex an ihr praktiziert.

Das alles ist natürlich harter Tobak, den Kirkwood und Regisseurin Dawn Shadforth ("His Dark Materials", "Trust") freilich in äußerst lakonischem Ton behandeln und damit zugänglich machen. O-Ton Jolene: "Mit Analverkehr ist es wie mit McDonald's. Wenn du's einmal gemacht hast, bleibt es auf der Speisekarte und kommt nie mehr runter." Wer sich auf die leicht unbehagliche Materie und die mitunter rüde Erzählweise einlässt, bekommt nicht etwa eine Generalabrechnung mit der bösen Pornoindustrie zu sehen – sondern eine Art doppelte Familienserie. Rund um ihre langjährigen Partner, den Produzenten Carroll (ein hinreißend heruntergekommener Rupert Everett mit blonder Mähne und Schlabbergewand) und den Regisseur Dave (Phil Daniels), hat sich Jolene eine berufliche Familie aufgebaut, die über eine Mischung aus Grundvertrauen, Geradlinigkeit und Zynismus funktioniert.

Zu Hause bemüht sie sich mit einiger Energie darum, ihrem Mann eine gute Partnerin, ihren Kindern eine gute Mutter zu sein und vor allem die beiden Welten möglichst voneinander getrennt zu halten. Letzteres, so viel sei verraten, gelingt immer seltener, als etwa Jolene-Dollar-Produkte in der Schule auftauchen oder Amy den jüngsten Sohn dazu bringt, den Künstlernamen seiner Mutter zu googeln. Geschickt nutzt Kirkwood das vertraute Konstrukt der Familienserie, indem sie die Handlung immer wieder darauf konzentriert, wie diese beiden Familien ihre Spannungsverhältnisse untereinander aushandeln.

Entsprechend kraftvoll kommt "Adult Material" auf den Punkt, wenn es um weibliche Selbstbestimmung und sexuelle Einvernehmlichkeit geht. Die Hauptfigur ist auf beiden Ebenen damit konfrontiert, nicht nur am Pornoset. Jolenes Teenager-Tochter Phoebe (Alex Jarrett) etwa weiß nicht, wie sie damit umgehen soll, dass ihr Freund sie nach dem einvernehmlichen Sex nochmals penetriert hat, während sie schlief. Aus den Fragen und Unsicherheiten der jungen Generation – Amy wie Phoebe – erwächst die Dringlichkeit des Themas – für Jolene wie für uns als Publikum. Die gezeigten Schattierungen zwischen Porno und Privatleben helfen der notwendigen Diskussion über Grenzen und Grenzverschiebungen auf die Sprünge. Auch mit einer gehörigen Portion unverblümten Humors: "Jeder hat seinen Preis." – "Nein, nicht jeder! Oder kennst du den exakten Betrag, für den Angelina Jolie sich vor der Kamera in den A**** f***en lassen würde?"

"Adult Material" läuft im Herbst bei Channel 4 in Großbritannien und wird international von Endemol Shine International vertrieben. Die deutschen Rechte sind noch nicht vergeben.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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