Was bisher geschah

Die Geschichte des Fernsehens ist auch eine Geschichte des Rechtehandels und der Verwertungsketten. Große Hollywood-Filme gingen einst nach dem Kino in die Homevideo-Auswertung - man erinnere sich an  physische Datenträgern wie VHS, DVD oder Blu-ray. Mit dem Pay-TV kam in den 90ern ein weiteres Verwertungsfenster dazu, mal zeitgleich, mal nach dem Homevideo. Und am Ende stand oft die Free-TV-Ausstrahlung. Gefragte US-Serien gingen auch zuerst ins deutsche Pay-TV, dann Free-TV. Manche hingegen direkt.

Mit dem Start von Netflix und Prime Video vor mehr als zehn Jahren begann diese klassische Verwertungskette zu bröckeln: Serien waren die neuen Blockbuster. Die Streamer behielten jedoch die meisten Serien für sich, einzelne Ausnahmen bestätigen die Regel: Amazons „You are Wanted“ im ORF oder Netflix’ „Orange is the new black“ bei ZDFneo. Dann starteten auch noch Hollywoodstudios eigene Streamingdienste und das Angebot überhaupt verkäuflicher Programme sank weiter. 

Angestachelt vom neuen Wettrennen um Highend-Serien entstanden in Deutschland ungeahnte Kooperationen um die nötigen Budgets zusammen zu bekommen, wie etwa zwischen Sky und ARD bei „Babylon Berlin“. Oder man wollte Aufmerksamkeit generieren, so wie RTL-Serie „Deutschland 83“, die im US-Pay-TV bei Sundance TV Premiere feierte. Alles um mit den Budgets und der Publicity der großen globalen Streaming-Blockbuster mitzuhalten. Denn die kapselten sich ab, behielten ihre Produktionen weitgehend für sich. 

Der aktuelle Stand

Im vergangenen Jahr war das Thema Windowing oder auch Hyperdistribution omnipräsent auf den Kongressen und Festivals der Branche. Einerseits weil YouTube und anderen Plattformen sehr intensiv darum werben, mit bestehenden Programmen über sie doch neue und weitgehend komplementäre Zielgruppen zu erreichen. Und in der Tat: Die Experimente der gleichzeitigen Veröffentlichung auch auf YouTube nehmen zu. Außerdem heben FAST-Channels die Hand und wollen in die Verwertungskette, auch hier meist bestehender Programme. 

Doch auch die frühzeitige Kooperation und Koproduktion boomt in ungewöhnlichen Konstellationen. Prime Video produziert mit Sat.1 eine neue Staffel „Der letzte Bulle“ - und bekommt nur vier Wochen Vorsprung. AppleTV stieg in letzter Minute bei „Krank Berlin“ ein, zahlte fast unerhört viel ans ZDF, das die Serie eigentlich aus dem Produktionsstopp bei Sky gerettet hatte. Und schon hatte AppleTV die Serie 12 Monate exklusiv, räumte dafür einige Preise ab. Und Disney+ verkaufte die FreeTV-Rechte an seiner ersten deutschen Serie „Sam - ein Sachse“ für die FreeTV-Premiere an den öffentlich-rechtlichen MDR. Und die - allerdings glücklose - ProSieben-Daily „Die Cooking Academy“ startete zeitgleich auch bei Disney+.

Ob frühzeitige Koproduktion, gemeinsame Auswertung oder spätere Distribution: der Wilde Westen im Windowing ist ausgerufen. Nichts scheint mehr undenkbar, das gilt ebenso für Sportrechte, die immer kurzfristiger weitergereicht oder gemeinsam ausgewertet werden. Und dann noch der Blick über die Ländergrenzen hinweg, wo ungeahnte Partnerschaften entstanden: Fox One in den USA hat einen Deal mit Prime Video, MBC im Nahen Osten mit Netflix, Fuji Television in Japan einen Exklusivertrag mit YouTube - und dann ist da natürlich noch der TF1-Deal mit Netflix in Frankreich, die mal eben alle Inhalte des französischen Privatsenders umfasst.

Und jetzt?

2026 wird das Jahr der Umsetzung und Analyse einiger dieser Marktverschiebungen, wie dem besagten Deal in Frankreich. Bei Prime Video und Sat.1 wird man beantworten müssen, ob die Kooperation beim „Letzten Bullen“ lukrativ genug war für eine Fortsetzung. Neue Partnerschaften starten, wie die von Prime Video und RTL bei der Neuauflage der Action-Gameshow „Gladiator“. Auch Netflix und Disney haben zuletzt erklärt, offen zu sein für neue Modelle. Von der steigenden Bedeutung von YouTube ganz zu schweigen.

Getrieben wird die Entwicklung dabei eher von wirtschaftlicher Notwendigkeit als strategischer Überlegung - und das auf allen Seiten. Können es sich einerseits selbst die größten globalen Streamer im härteren Wettbewerb leisten, ihre Serien nach der Erstverwertung einfach in der eigenen Library liegen zu lassen? Andererseits: Wie können sich die privaten TV-Sender trotz schwierigem Werbemarkt weiterhin Primetime-Fiction leisten? 

Doch so viel Kooperation bzw. Hyperdistribution wird mittelfristig die Frage aufwerfen, wie sich Marken noch differenzieren, wenn Inhalte zunehmend omnipräsent werden. Wie viel Exklusivität brauchen Plattformen trotz des großen Kuschelns, um herauszustechen und sich im Wettbewerb abzuheben? Das geht vor lauter ausgestreckten Händen und offenen Türen gerade ein bisschen unter. Es wird dann spätestens 2027 als Gegentrend zum Thema werden.