Der Disclaimer auf der ersten Seite des Pilotdrehbuchs hätte potenzielle Auftraggeber durchaus abschrecken können. "Liest sich fast wie Pornografie, aber bitte beachten, dass es nicht so gedreht werden soll", hatte der erfahrene kanadische Showrunner Jacob Tierney ("Letterkenny") notiert. Für Bell Media, die TV- und Streaming-Sparte des Telekommunikationskonzerns Bell Canada, schien die Anmutung gerade recht. Schließlich war man erklärtermaßen auf der Suche nach einem Serienstoff, der den globalen Boom junger Romanzen bedienen sollte.
Mit der Geschichte zweier Eishockey-Profis – dem für Montreal spielenden Kanadier Shane (Hudson Williams) und dem für Boston antretenden Russen Ilya (Connor Storrie) – hat Tierney genau die richtige Mischung aus sportlichem Wettkampf und heimlicher Leidenschaft inklusive ausgedehnter schwuler Sexszenen geschaffen, um direkt in den Zeitgeist der Gen Z einzugehen. "Heated Rivalry" startete Ende November ohne große Promotion auf der zu Bell gehörenden Streaming-Plattform Crave und wurde für den US-Markt an HBO Max lizenziert. Kurz darauf brachte die "gay hockey romance" in beiden Ländern die Social Feeds zum Beben.
HBO Max zählte im Durchschnitt acht Millionen Zuschauer pro Episode – davon rund zwei Drittel weiblich. In Kanada streamte ein Drittel der Nutzer laut Bell Media jede der sechs Folgen doppelt, 15 Prozent sogar fünfmal oder öfter. "Es gibt einen gewissen Nationalstolz angesichts der Tatsache, dass man wirklich die kulturelle Debatte beider Länder dominiert hat", sagte Bell-Media-Chef Sean Cohan im Januar dem "Wall Street Journal". Für seine Firma ist das äußerst lukrativ, weil sie alle Rechte an "Heated Rivalry" hält. Im kanadischen Markt, der durch englischsprachige Serien aus den USA und durch französische Ware aus Frankreich unter Druck steht, sind normalerweise Kofinanzierungen an der Tagesordnung, um Kosten und Risiken für ein einzelnes Studio in Grenzen zu halten. Umso mehr zahlt sich der ungewöhnliche Mut von Bell Media nun aus.
© Bell Media
"Hotteste Serie der Saison": "Heated Rivalry" verhilft queeren Romanzen zum Auftrieb
Ähnlich wie bei den Phänomenen "Bridgerton" oder "Maxton Hall" trägt auch hier zur freudigen Erwartungshaltung bei, dass die Serie auf einer Liebesromanreihe mit treuer Leserschaft basiert. Verglichen mit den ausschweifenden Schilderungen der unter Pseudonym Rachel Reid schreibenden Buchautorin kommt die TV-Adaption trotz häufiger und detaillierter Sexszenen zwischen den Hockeyspielern übrigens noch zahm daher. Und ähnlich wie bei den einschlägigen Vorgängern öffnet die massive Zielgruppen-Popularität die Türen für mehr vom Gleichen.
In Hollywood, wo man sich gegenwärtig an jeden Hoffnungsschimmer klammert, ist bereits vom "Heated Rivalry"-Effekt die Rede. Nach Angaben der Rechtehändler der United Talent Agency (UTA) haben Romanzen unlängst Thriller und True Crime als meistgefragte Buchgenres für Film- und Serienadaptionen überholt. Sechs- bis siebenstellige Dollar-Beträge pro Buch werden demnach für die Verfilmungsrechte gezahlt. Eingepreist sind dabei die hohen Reichweiten und loyalen Fangemeinden der gedruckten Vorlagen. Ganz zu schweigen von dem Umstand, dass die Stoffe perfekt zum nicht enden wollenden Eskapismus-Bedarf in Hollywood und anderswo passen.
Das Besondere an "Heated Rivalry" ist derweil, dass es dem Subgenre der queeren Romanzen zum Auftrieb verhilft. "Es ist erfreulich, wenn eine Serie so einschlägt, dass man die unmittelbare Veränderung im Markt spüren kann", sagte WME-Literaturagentin Carolina Beltran dem US-Branchendienst "The Ankler". Die Offenheit für queere Liebesgeschichten sei in den letzten Wochen rapide angestiegen, einschließlich des plötzlichen Interesses an Backlist-Titeln, die bislang womöglich ignoriert wurden, weil sie queere Hauptfiguren haben. Was eine hitzige Rivalität so alles auslösen kann.
"Heated Rivalry", bei HBO Max
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