"Sehr nah und sehr emotional" habe es sich angefühlt, eine Person zu spielen, die nicht nur real existiert, sondern auch noch eng in den Entstehungsprozess ihrer Serie eingebunden war. "Westend Girl"-Hauptdarstellerin Helena Zengel war beim Berlinale Series Market anzumerken, dass sie der echten Ronja unbedingt gerecht werden möchte. Das gilt erst recht für Regisseurin Pola Beck, deren Freundin aus Kindertagen die spektakuläre Real-Life-Vorlage lieferte. Rund 15 Jahre habe es bis zur Realisierung gedauert, berichtete Beck. Damals, kurz nach dem Filmstudium in Babelsberg und noch einige Jahre vor dem Durchbruch mit der funk-Serie "Druck", habe sie in einer kreativen Krise gesteckt und auf der Suche nach Inspiration E-Mails an alte Freunde verschickt.

Auf diese Weise gelangte sie an die Geschichte von Ronja, die als 18-Jährige plötzlich mit ansehen muss, wie ihre Eltern verhaftet werden – als angebliche Betreiber des größten Kokainrings der Stadt. Zunächst versucht sie, deren Unschuld zu beweisen, erfährt dann jedoch immer mehr über das tatsächliche Doppelleben der Eltern und dringt schließlich selbst tief ins kriminelle Familiengeschäft ein. "Ich habe immer daran geglaubt, dass die Menschen von dieser Story – einer Mischung aus Familiendrama, Thriller und absurdem Humor – erfahren sollen", so Beck. Ihre größte Motivation, so lange durchzuhalten: "Ich schulde es meiner Freundin."

Seit Oktober ist die Produktion von Flare Film für WDR und Arte abgedreht, im Herbst soll sie in die ARD-Mediathek kommen und im Vertrieb von Beta Film auch internationale Verbreitung finden. "Dass Beta das Marktpotenzial von 'Westend Girl' sehr früh hoch eingeschätzt hat, hat uns massiv bei der Realisierung geholfen", sagte Flare-Film-Chef Martin Heisler auf dem Berlinale-Panel.

Dort wurde ebenfalls das für Herbst bei HBO Max eingeplante "4 Blocks"-Prequel "4 Blocks Zero" vorgestellt. "Wir haben in Staffel drei einfach zu viele Figuren gekillt, als dass noch ein Sequel möglich gewesen wäre", scherzte Kristina Peter, Senior Development Producer der Streaming-Plattform von Warner Bros. Discovery. Die Entwicklung des ursprünglichen "4 Blocks" sei in eine Zeit gefallen, als Clan-Kriminalität in Deutschland erstmals die Schlagzeilen beherrschte, ergänzte Produzent Quirin Berg.

Die Serie habe gezeigt, welchen Preis man für ein Gangsterleben zahlen müsse. Mit dem Sprung zurück ins Berlin der 90er Jahre und zur Origin Story von Ali "Toni" Hamady wolle man nun zeigen, warum und wie die Familie zum kriminellen Clan wurde. Regisseur und Executive Producer Özgür Yildirim lag dabei nach eigenem Bekunden auch der politische Aspekt am Herzen: "Was hat Deutschland in Sachen Integration damals falsch gemacht, dass es zur heutigen Lage kommen konnte?"

HBO Max war beim Showcase auch mit seiner ersten deutschen Dokuserie präsent: Der von Beetz Brothers produzierte True-Crime-Vierteiler "Clangold" widmet sich dem spektakulären Raub einer 100 Kilo schweren Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum im Frühjahr 2017 sowie dem anschließenden Katz-und-Maus-Spiel zwischen Polizei und Tätern. "Wir haben schon so viel True Crime produziert, dass ich mich durchaus gefragt habe, ob es vielleicht bald vorbei ist", gab Produzent Christian Beetz zu. "Aber dann kommt so ein fast schon Robin-Hood-artiger Stoff mit Humorpotenzial um die Ecke und lädt das Genre nochmal ganz neu auf."

Nahezu komplett in Belgien wurde die von Network Movie für ZDFneo produzierte Mystery-Serie "Die Düsteren" gedreht. Um die bösartigen Doppelgänger auf einer Insel im Wattenmeer in Szene zu setzen, mussten 200 Tonnen Sand ins Brüsseler Studio mit dem gigantischen Wassertank gebracht werden, in dem schon Teile des "Schwarms" entstanden. "Eigentlich hätten wir doppelt so viel Budget für den Stoff gebraucht", sagte Produzent Andi Wecker. Ohne den belgischen Koproduzenten Beside und den dortigen Tax Shelter sei das Projekt nicht realisierbar gewesen. Da die Geschichte universell sei, hoffe man auf internationale Verkäufe, womöglich gar als Format zur lokalen Adaption.

Während der Series Market ansonsten so lustlos wirkte, als hätten die Berliner ihre Lust am Seriellen inzwischen verloren, sorgt zumindest eine neue Initiative für frischen Wind. In Kooperation mit Iberseries & Platino Industria, dem größten Markt für Programme in spanischer und portugiesischer Sprache, wurde erstmals ein "Series Match" zwischen deutschen, iberischen und lateinamerikanischen Produzenten aufgezogen. Das Ziel: Koproduktionen für Serienprojekte im frühen Stadium zu vermitteln. Aus Deutschland nahmen UFA Fiction, Zeitsprung Pictures, Studio Zentral und SKP Entertainment teil. "Der spanische Markt ist uns nicht zuletzt aufgrund des Investitionsverhaltens der globalen Streaming-Anbieter weit voraus", so SKP-Chef Alexander Keil. "Deshalb ist es für uns sehr attraktiv, Projekte gemeinsam zu entwickeln und zu finanzieren."

Die 2022 von Keil und Showrunner Stefan Stuckmann gegründete SKP hatte mit "Die StiNos" für Joyn bereits eine spanische Comedy-Serie adaptiert. Zum Austausch beim "Series Match" hatte sie nun die Projekte "The Runaway" und "Die Treibjagd" im Gepäck. "The Runaway" basiert auf der Autobiografie des charismatischen Heavy-Metal-Gitarristen und Gefängnisausbrechers Detlef Kowalewski, der mit seiner Familie bis nach Brasilien floh. Der Politthriller "Die Treibjagd" soll derweil von einer Investigativjournalistin erzählen, die ein internationales Netzwerk aufdeckt, das historische Verbrechen gezielt digital manipuliert. "Beim 'Series Match' haben wir zwei potenzielle Partner gefunden", resümierte Keil.