Kraftwerk: „Musique Non Stop“. Dies war am Silvestermorgen 2025 um 6.00 Uhr das allerletzte Musikvideo, das der deutsche Ableger von MTV zeigte. Mit ihm verabschiedete sich der Kanal endgültig von der Ausstrahlung von Videoclips. Stattdessen laufen dort nun vor allem Reality-Shows. Diese Entscheidung wurde richtigerweise ebenso von DWDL.de als das „Ende einer Ära“ beschrieben. Schließlich hatte MTV in den USA das Genre des Musikvideos und dessen besondere Ästhetik erst populär gemacht.
Ein großes Bedauern oder gar eine Empörung hat die Abkehr von den Clips nicht ausgelöst. Sie kam nicht einmal überraschend. Die Begründung dafür liefert der zugehörige DWDL.de-Beitrag gleich mit: „Musik und auch Musikvideos gibt es heute bei Spotify, YouTube oder auf anderen Plattformen, einen linearen TV-Sender braucht es dafür nicht mehr.“ Dieser Schritt spiegelt die aktuelle Situation wider, in der klassische Fernsehanbieter zunehmend durch On-Demand-Dienste wie Netflix & Co. oder durch Social-Media-Plattformen unter Druck geraten und ein Großteil der Werbegelder dorthin abwandert.
Nicht selten wird in diesem Zusammenhang diskutiert, ob nicht Angebote wie YouTube (Shorts), TikTok oder Instagram mit ihren Feeds aus kurzen Videos und Reels das neue Fernsehen darstellen würden. Und tatsächlich liegt dieser Vergleich nahe. Ob ich mich durch Fernsehkanäle zappe oder von Video zu Video wische, erscheint als eine ähnliche Erfahrung. In beiden Fällen begebe ich mich in einen nicht endenden Bilderstrom, der vor allem der Zerstreuung und Unterhaltung dient. Stets in der Hoffnung, dass mein Interesse irgendwo hängen bleibt. Ähnlich verhält es sich beim Vergleich zwischen MTV und Spotify. Hier wie dort bekomme ich Musikvideos präsentiert, die nacheinander ablaufen. So what?
Kuration – Kunst der Entscheidung
Ein gewichtiger Unterschied zwischen dem sogenannten linearen Fernsehen und der Logik von Social-Media-Plattformen oder Streaming-Angeboten liegt darin, wie das Nutzungserlebnis entsteht – also darin, wie sich Fernseh-Flow und Social-Media-Feed zusammensetzen. Die Zusammenstellung der Programmpläne von TV-Kanälen wird von einer Vielzahl von Redakteur:innen, Planer:innen und anderen Entscheider:innen getroffen. Mal kollektiv in Konferenzen und Meetings, mal in individueller Verantwortung.
In Anlehnung an die Medienwissenschaftlerin MJ Robinson lässt sich das Arrangieren eines Sendeplans mit dem Begriff der „Kuration“ beschreiben, den sie aus dem Kunst- und Ausstellungskontext übernimmt. In diesem Prozess werden Entscheidungen über den Umfang, die Form und die Zusammenstellung von Inhalten getroffen. Dafür verfügen Kurator:innen „über umfassende Kenntnisse der Bestände einer Institution, ein Verständnis für deren Art und ihren Standort sowie über die Fähigkeit, diese Objekte zugänglich zu machen und sie für diejenigen, die sie betrachten möchten, in einen sinnvollen Kontext zu stellen – und zugleich den Wert zu vermitteln, den sie selbst darin erkennen.“
Hinter der Kuration stehen demnach Entscheidungen, die von Menschen auf Grundlage ihrer kulturellen Erfahrungswerte getroffen werden. Sie basieren auf einer menschlichen Expertise – so banal sie im Einzelfall erscheinen mag, etwa wenn fünfzehn Episoden „Miniatur Wunderland XXL“ nacheinander geplant werden. Aber es sind Menschen, die diese Auswahl aus bestimmten Gründen fällen.
Aggregation – Logik der Zuteilung
In den Angeboten auf digitalen Plattformen erfolgt die Zusammenstellung der Feeds oder Videoempfehlungen hingegen automatisiert auf Grundlage algorithmischer Berechnungen. Zwar sortieren, organisieren und selektieren auch Algorithmen große Mengen an Content, doch im Gegensatz zu menschlichen Kurator:innen sind sie nicht in der Lage, Kontext und Qualität von Inhalten zu bewerten. Ihr Prozessieren basiert vielmehr auf dem Sammeln und Verarbeiten von Metadaten und Nutzungsdaten und nicht auf einem Verständnis von Inhalten oder ausgelösten Emotionen. Daher entscheidet sich Robinson dafür, die automatisierte Auswahl, die auf digitalen Plattformen abläuft, mit dem Begriff der „Aggregation“ zu belegen.
Der fundamentale Gegensatz zwischen Kuration und Aggregation besteht somit im Vorliegen oder Fehlen einer menschlichen Vermittlung und Bewertung im Auswahlprozess. Genau diese aber eröffnet kulturelle Bezüge.
Menschen können Sinnzusammenhänge herstellen, die sich rein aus Daten nicht zwangsläufig ergeben würden. Allein aufgrund ihrer individuellen Erfahrungen, Gefühle und Denkweisen entstehen unterschiedliche Verbindungen. Und das ermöglicht Irritationen, Brüche oder Überraschungen. Dieses Ideal wird im Fernsehen längst nicht immer eingelöst, und natürlich streben die Sender nach einem möglichst homogenen Programmfluss und einem größtmöglichen „Audience Flow“. Doch das menschliche Moment in diesem Prozess lässt zumindest das Potenzial zu, dass ich vom Ergebnis überrascht werde.
Ein Social-Media-Feed ist dagegen per Design erwartbar und weitgehend überraschungsfrei. Darin liegt ja gerade die Stärke der Aggregation. Sie kann eine Zuteilung liefern, die möglichst passgenau und damit irritationsfrei ist. Überraschungen gelten dort eher als Bug in der Programmierung.
Danke für die Mühe
Hierbei geht es nicht einzig um die Reihenfolge. Die begrenzte Ausstrahlungsdauer eines Fernsehsenders von 24 Stunden erzwingt Auswahl – nicht als schlichtes Gatekeeping, das Inhalte stumpf abweist, vielmehr als komplexe Abwägung, welcher Film, welche Serie, welcher Beitrag, ja welches einzelne Bild innerhalb eines Beitrags in das Programm aufgenommen wird. Nur Sendungen, die bestimmten inhaltlichen, redaktionellen oder produktionstechnischen Standards genügen, finden ihren Weg in den Bilderstrom.
Von menschlicher Kuration ausgewählt zu werden, bedeutet zugleich eine Wertzuschreibung. Jemand hat entschieden, dass dieses spezielle Segment aus dem allgemeinen Überangebot es wert ist, in die Sammlung aufgenommen zu werden. Vielleicht bin ich mit dieser Einschätzung einverstanden, vielleicht nicht, vielleicht ärgert sie mich oder ich kann sie gar nicht nachvollziehen. Wenigstens berührt sie mich.
Auf Social-Media-Plattformen funktioniert dieses Prinzip anders. Dort werden (fast) alle Videos, die hochgeladen werden sollen, gleichrangig in die gigantischen Datenbanken aufgenommen. Statt eine echte Selektion zu treffen, berechnen die Algorithmen bloß Wahrscheinlichkeiten und verteilen die schier unendliche Menge an Content auf Feeds und Kontexte.
Da wir eine menschliche Auswahl jedoch schätzen, werden algorithmische Systeme um Funktionen wie Likes, Shares und Empfehlungen ergänzt, durch die Nutzer:innen gewissermaßen Kurationsarbeit übernehmen. Was vertraute Menschen durch ein Like aufwerten, steigert auch unser Interesse daran. Doch ihre Reaktionen fließen lediglich als ein Datum unter vielen in die Aggregation ein.
Dahinter steht dieselbe Sehnsucht, aus der heraus wir uns eher Texte und Beiträge wünschen, die von echten Menschen stammen und nicht von ChatGPT. Und die ebenfalls erklärt, warum wir uns dagegen wehren, dass seelenlose KI-Systeme zu stark in kreative Prozesse von Film- und Fernsehproduktionen eingreifen. Oder, um es mit dem Anfangsbeispiel zu sagen: Es macht einen Unterschied, ob mir Spotify meinen „Mix der Woche“ algorithmisch aggregiert oder mir ein enger Freund ein Mixtape zusammenstellt – einfach, weil ich weiß, dass sich jemand für mich Mühe gegeben und sich dabei etwas gedacht hat.
Zusammen sind wir weniger allein
Im Prozess der Kuration entsteht durch menschliche Expertise ein Programm, das für das gesamte Publikum einheitlich erscheint und das sich in Zeitungen abdrucken lässt. Die Aggregation errechnet wiederum eine Vielzahl individualisierter Angebote, die jeweils nur den einzelnen Nutzenden angezeigt werden und sich stark an ihrem bisherigen Verhalten orientieren.
Um in Robinsons Bild zu bleiben: Eine kuratierte Ausstellung zeigt sich allen Besuchenden gleich. Sie findet in einem großen offenen Raum statt, den alle betreten können. Unterschiedlich ist nur die individuelle Reaktion darauf. In digitalen Angeboten dagegen erhält jede Person ihre eigene perfekt auf die eigenen Interessen zugeschnittene Ausstellung. Diese befinden sich zwar noch im selben Gebäude, aber in voneinander getrennten Räumen. Es mag Überschneidungen zwischen den verschiedenen Bereichen geben. Es mögen sich darin zuweilen die gleichen Kunstwerke befinden. Vielleicht haben sie sogar kleine Fenster zum Nachbarraum. Doch das ändert nichts daran, dass wir in ihnen allein stehen.
Genau darin liegt eine Ursache für das oft beschriebene gesellschaftliche Auseinanderdriften und den Verlust sozialen Zusammenhalts. Unsere Medienräume und damit unsere Medienerfahrungen individualisieren sich zunehmend. Solche geteilten Erfahrungsräume sind aber wichtig, um Fixpunkte für gemeinsame Aushandlungen zu schaffen. Ganz egal, ob wir uns in ihnen ärgern, in ihnen staunen oder lachen. Es geht um kollektive Erfahrungsmomente, die viele Menschen gleichzeitig erleben und so Verständigung und Konsens ermöglichen.
Die Zuwendung zur Aggregation verringert jedoch die Anzahl gemeinsamer Medienerlebnisse. Sie reduziert sie auf Überschneidungen, die sich überspitzt gesagt bloß als Zufallsprodukt algorithmischer Berechnungen auf Basis vermuteter Vorlieben ergeben. Hierin steckt das eigentliche Ende der Ära, als MTV aufhörte, Musikvideos zu spielen. Mit der Überlassung dieses Feldes an YouTube, Spotify und TikTok vollzog sich die Abkehr von einem für alle verbindlich kuratierten Ablauf hin zu einer algorithmisch individualisierten Abfolge. Es ist der Wechsel vom Programm zur Programmierung.
Das soll kein Plädoyer gegen algorithmisch-basierte Angebote sein. Sie haben ihre Berechtigung und bilden eine Bereicherung für unsere Kultur und unser Zusammenleben. Es ist vielmehr eine Erinnerung daran, den Wert kuratierter Programme nicht zu vergessen – für jede:n Einzelne:n ebenso wie für unsere Kultur und unser Zusammenleben. Auch angesichts der vielen individualisierten Angebote lohnt es sich, kuratierte Umgebungen regelmäßig zu betreten und in sie zu investieren.
In der Nacht, als sich MTV von den Videoclips verabschiedete, taten die Verantwortlichen dies mit einer bewusst zusammengestellten Musikstrecke, in der jeder Song das bevorstehende Ende der Ära kommentierte. Trotz ihrer nächtlichen Ausstrahlung zwischen 2.00 und 6.00 Uhr berührte die Playlist das Publikum so stark, dass sie anschließend in Foren, Social-Media-Posts und selbst hier auf DWDL.de verbreitet wurde. In diesen Stunden bewies das Musikfernsehen ein letztes Mal, wie sehr es die Menschen bewegen konnte. Und das schaffte es, weil in dieser Nacht keine aggregierte, sondern eine sorgfältig kuratierte Auswahl lief.
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