Im Hype Cycle ist Künstliche Intelligenz gerade an einem Peak - kein Wunder also, dass auf der ANGA COM auf gleich zwei Panels über die praktischen Einsatzmöglichkeiten von KI in TV, Streaming und Journalismus diskutiert wurde. Zwischen automatisierten Schnittprozessen, personalisierten Inhalten und neuen Werbeformen zeigte sich: An vielen Stellen ist KI längst im produktiv Einsatz, vor allem aber wird an vielen Stellen noch kräftig experimentiert.

Ein Stichwort ist dabei Liquid Content: Inhalte lassen sich durch KI-Einsatz in kürzester Zeit für unterschiedliche Ausspielungswege unterschiedlich aufbereiten, in neue Formate transformiert und für unterschiedliche Zielgruppen angepasst werden. Aus einer TV-Sendung ein Social-Media-Clip, aus einem Artikel womöglich ein Podcast - auch wenn das heute häufig noch etwas holprig klingt. 

Maximilian Orgonyi © RTL / Frank W. Hempel Max Orgonyi
Gerade darin sehen viele Unternehmen den entscheidenden Hebel. Bei RTL Deutschland etwa experimentiert man längst mit KI in Produktion und Vermarktung. Chief Transformation Officer Max Orgonyi schilderte, wie Reality-Formate mithilfe eines "AI Director" strukturiert werden, um Postproduktionsprozesse zu beschleunigen. Auch im Programm selbst wird KI längst sichtbar: So wurde etwa die Stimme von Hans Clarin für neue "Pumuckl"-Produktionen künstlich rekonstruiert.

Die Experimentierfreude bei RTL geht aber weiter: Bekanntlich versucht man, aus den Tausenden Archiv-Folgen von Gerichtsshows mithilfe von KI nochmal etwas Neues zu erschaffen (mehr dazu hier). Zu sehen geben soll es das noch in diesem Jahr - noch ist also unklar, wie gut das wirklich funktioniert. KI kommt auch zum Einsatz, um Jahrzehnte alte Gerichtsurteile noch einmal zu scannen, um sie für ein True-Crime-Format einzusetzen.

Denkbar sei auch, mittels KI Produktplatzierungen nachträglich in Archivmaterial zu integrieren, erklärte Orgonyi. So ließe sich ein Markenprodukt sich rückwirkend in jahrzehntealte Folgen von "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" einbauen. Wie sinnvoll das Auftauchen aktueller Produkte in alten Folgen ist, sei aber ebenso dahin gestellt wie die Antwort auf die Frage, wie stark Archiv-Folgen überhaupt genutzt werden.

Trotz aller technologischen Möglichkeiten formulierte auch Orgonyi eine nüchterne Einordnung der aktuellen KI-Euphorie. Entscheidend sei am Ende nicht, wie spektakulär die Technologie wirke, sondern ob die Inhalte tatsächlich Publikum finden, Marktanteile gewinnen oder Abos generieren. "Der Wert ist, dass Unterhaltung geschaffen wird, die gesehen wird. Das ist das Wichtigste und das Urteil dieser Jury steht noch aus“, sagte er mit Blick auf die Zuschauerinnen und Zuschauer als letztlich entscheidende Instanz - zumindest wenn es um KI-generierte Inhalte geht.

Nicole Agudo Berbel © Seven.One / Benedikt Müller Nicole Agudo Berbel
An anderen stellen geht es ohne KI-Einsatz schon gar nicht mehr: Nicole Agudo Berbel von Seven.One verwies etwa auf die Recommendation Engine bei Joyn, personalisierte FAST-Channels und die KI-Assistentin "Joyce", die bei Nutzerfragen weiterhelfen soll. Orgonyi stellte noch den Einsatz im Bereich Jugendschutz heraus. RTL hat hier eine eigene Lösung entwickelt, die auch von anderen Marktteilnehmern genutzt werden könne. Der Zusammenarbeit auf technischer Ebene zeigte man sich generell über die Unternehmen hinweg aufgeschlossen.

Keine richtige Antwort fand man allerdings auf die von Jörn Krieger als Moderator des Panels aufgeworfene Frage, wie eigentlich bei aller KI-Experimentierfreude zu verhindern wäre, dass beispielsweise einmal an die KI zur Überarbeitung gegebene Drehbücher oder andere Inhalte in das Training ebendieser KI-Modelle einfließt, sodass die kreative Leistung letztlich ganz anderen zugute kommt. Der Verweis auf einen entstehenden rechtlichen Rahmen erscheint hier kaum ausreichend - der kommt schließlich erst mit Zeitverzug, wenn es in vielen Fällen längst zu spät sein könnte.