So unterschiedlich wie in diesen Tagen waren die Strategien von ProSiebenSat.1 und RTL Deutschland wohl noch nie - das wurde auch deutlich, wenn man das Interview von ProSiebenSat.1-CEO Marco Giordani am Montag im "Handelsblatt" (mehr dazu hier) und den Auftritt von RTL Deutschland-CEO Stephan Schmitter am Dienstag auf der ANGA COM vergleicht. Während RTL es mit der Übernahme von Sky auf dem deutschen Markt mit den internationalen Streamern aufnehmen will, sagte Giordani, Joyn sei "kein alleinstehendes Geschäftsmodell", sondern nur eine von mehreren Verbreitungswegen. Zuletzt wurde daher in Unterföhring daher auch die Rolle der linearen Sender wieder stärker betont.
Das führt nun zum Einen dazu, dass sich die beiden Konzerne erklärtermaßen gegenseitig nicht mehr als größte Konkurrenten wahrnehmen - aber auch dazu, dass sie in Bezug auf eine crossmediale Reichweitenmessung unterschiedliche Ziele verfolgen. Während es im Fernsehen seit Jahrzehnten eine über alle Anbieter hinweg etablierte und gemeinsam erhobene Währung, herrscht im Bereich Streaming noch immer Wildwuchs mit unterschiedlichen Währungen, an denen sich zudem längst nicht alle Marktteilnehmer beteiligen.
"Das muss dringend geändert werden", betonte Schmitter auf der ANGA COM. "Wir brauchen mit unseren verschiedenen Marken von Free-to-air bis Pay eine gemeinsame Logik, durch die es sowohl für die Werbekunden als auch für das Publikum nachvollziehbar wird, was wie erfolgreich ist." Die Übernacht-Quote bilde im Zweifel nur noch die Hälfte der Gesamt-Nutzung ab. Um zu einer einheitlichen neuen Währung zu gelangen, müssten sich aber zumindest die deutschen Player schonmal einig sein - und das wurde zuletzt niht einfacher. "Wenn die beiden größten Partner in der AGF momentan verschiedene Strategien fahren, dann muss man das erstmal zusammenbringen." RTL werde diesbezüglich aber nun Gas geben.
Schmitter betonte, wie wichtig es für RTL sei, sich unabhängiger vom Werbemarkt zu machen und rechnete vor, dass die US-Streamingdienste vor vier Jahren noch gar keine Werbung gezeigt hätten, und nun bereits einen Marktanteil von 30 Prozent im Bewegtbild-Werbemarkt hätten - YouTube nicht eingerechnet. Durch die Übernahme von Sky komme RTL nun einen großen Schritt voran auf dem Weg, sich unabhängiger von Werbung aufzustellen - künftig sei etwa die Hälfte der Einnahmen aus dem Abo-Geschäft. Zugleich bleibe Werbung weiter wichtig, auch im Streaming sei weltweit vor allem noch durch die Abos mit Werbung Wachstum zu verzeichnen.
Apropos: Gewachsen sei RTL / Sky auf zuletzt in Summe knapp 12,4 Millionen Abos, nachdem vor allem RTL+ weiter gut läuft, bei Sky half der Bundesliga-Endspurt. Da RTL+ zuletzt 7,3 Millionen Abos gemeldet hat, liegt Sky/Wow also offenbar knapp über der 5-Millionen-Marke. Eine Prognose, wo man in drei Jahren stehe, wollte Schmitter gleichwohl nicht abgeben. Man sei gut beraten, jetzt überhaupt erstmal loszulegen - und schließlich werde sich der Markt durch die Übernahme von Warner durch Paramount ohnehin nochmal fundamental verändern. Sicher ist erstmal nur, dass RTL, Sky und Wow vorerst als Marken bestehen bleiben. "Im Moment ist es auch gesellschaftlich wichtig, Verlässlichkeit zu bieten", so Schmitter. Zu erwarten sind also erstmal neue Bundles und Paket-Angebote. Vorgestellt werden sollen diese Anfang August.
Zur Sprache kam auch, dass RTL Deutschland durch die Übernahme von Sky Deutschland auch zum Betreiber von Sky Stream wird - also selbst zum Plattformbetreiber und damit auch zum Konkurrenten von Telekom und Co. Ob man Sky Stream dauerhaft selbst betreiben werde, antwortete Schmitter zwar etwas ausweichend, aber trotzdem vielsagend: Man habe bereits wichtige Partner wie die Telekom (über die bislang etwa die Hälfte der RTL+-Abos verkauft wird). Man werde sich also zu gegebener Zeit noch mit seinen Partnern zusammensetzen und klären, wer welche Aufgabe in einer solchen Partnerschaft übernehmen solle.
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