Man kann der ARD nicht vorwerfen, sich im Serien-Bereich zurückzuhalten. "Stadust Hotel", "Stabil" und die zweite Staffel von "Oderbruch" sind nur drei von vielen Produktionen, die der öffentlich-rechtliche Senderverbund in den zurückliegenden Monaten an den Start gebracht hat. Allein im linearen Programm spielten sie keine Rolle - auch, weil innerhalb der ARD zunehmend die Erkenntnis reift, dass es nicht bei allen Serien Sinn macht, sie im Ersten zu zeigen, weil die junge Zielgruppe, für die sie gemacht wurden, ohnehin nicht mehr zu finden ist.
Und so schreitet die Emanzipation der Mediathek vom Hauptprogramm weiter voran - mit der Folge, dass die fiktionalen Überraschungen im Ersten inzwischen eher eine Ausnahme darstellen. Am Dienstagabend, dem traditionellen Abend der Familienserien, hat man sich mit konventionellen Stoffen wie "Die Heiland", "Die Notärztin" und "In aller Freundschaft" eingerichtet, und der Donnerstagabend läuft dank der Krimireihen inzwischen ebenso im Automodus wie der Sonntagabend mit dem "Tatort". Da ist es wohl kein Zufall, das auch der erfolgreichste Freitagsfilm der zurückliegenden Saison dem Krimi-Genre zuzurechnen ist: "Mord oder Watt" mit fast sechs Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern.
Daneben blitzen zwar immer mal wieder Eventserien wie "Hundertdreizehn", "Sternstunde der Mörder", "Schwarzes Gold" oder "Mozart/Mozart" auf - der ganz große Quoten-Hit ist aber eher selten darunter. Die genannten Beispiele zeigen aber auch, wie schwer es geworden ist, Serienstoffe zu finden, die gleichermaßen im Linearen wie Non-Linearen reüssieren. Dass es ausgerechnet eine inhaltlich eher vorsehbare Reihe wie "Praxis mit Meerblick" ist, die augenscheinlich in beiden Welten funktioniert, könnte darauf hindeuten, dass es keineswegs immer High-End sein muss, um das Publikum in die Mediathek zu locken.
Im Show-Bereich wagte die ARD derweil erwartungsgemäß wenige Experimente - auch hier war der spannendste Neustart mit der Realityshow "Werwölfe" vorwiegend in der Mediathek zu finden. Linear stach zwischen Erfolgsformaten wie "Klein gegen Groß", "Verstehen Sie Spaß?" und den Silbereisen-Shows letztlich vor allem das Krimi-Dinner "Tödliches Spiel" heraus. Mit über vier Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern sowie mehr als 17 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen war die Live-Show zwar aus Quotensicht ein voller Erfolg - und doch darf bezweifelt werden, ob es zu einer Fortsetzung kommen wird, schließlich bewegte die prominent besetzte Mörderjagd im Laufe des Abends einen beträchtlichen Teil des Publikums zum Abschalten. Noch stärkere Quoten gab's beim jungen Publikum für den runderneuerten ESC-Vorentscheid, der aber trotzdem nicht zu einem guten Abschneiden in Wien führte. Immerhin: Auch beim großen Finale des Eurovision Song Contests stimmte die Quote - über neun Millionen Menschen machten es zur meistgesehenen Show des bisherigen Jahres.
Hirschhausen wird zum Hit
Im Informationsbereich erweist sich derweil zunehmend Eckart von Hirschhausen als Quoten-Garant. Mit seinen Dokumentationen, allen voran jener über Deep Fakes, erzielt Hirschhausen regelmäßig schöne Erfolge bei Jung und Alt. Undurchsichtiger erscheint die Talk-Strategie am Montagabend: Dort verzeichnete "Hart aber fair" zwar steigende Quoten - dennoch darf Louis Klamroth mit der Sendung inzwischen seltener ran als früher. Alternativ-Programme wie "Die 100" oder die "Arena" funktionierten im Gegenzug meist nicht so gut, sieht man mal vom "Arena"-Special mit dem Kanzler ab.
Im Tagesprogramm dominiert hingegen der Status Quo, wenngleich die Dauerbrenner "Sturm der Liebe" und "Rote Rosen" inzwischen bei einstelligen Marktanteilen angekommen - auch, weil sie ihr Publikum zunehmend in der Mediathek erreichen. Stärkster Pfeiler bleibt der Vorabend, wo etwa "Morden im Norden" zuletzt so erfolgreich war wie noch nie. Und mit "Wer weiß denn sowas?" und "Gefragt - gejagt" läuft auch die Show-Schiene weiter stabil. Deren Erfolg versuchte die ARD zum Jahresende vorübergehend auszudehnen, indem man das Quiz mit Alexander Bommes eine Stunde früher zeigte und "Brisant" auf 16:10 Uhr vorzog. Das brachte zwar steigende Quoten mit sich, führte aber offenkundig nicht zu nachhaltigen Veränderungen. Offiziell ist auf Nachfrage bloß von einer "Sonderprogrammierung".
In gewisser Weise passt das aber auch gut ins Bild: Über weite Strecken hinweg scheint Verlässlichkeit scheint Credo von Programmdirektorin Christine Strobl für Das Erste zu sein. Entsprechend stabil blieben dann auch Quoten des Senders in der zurückliegenden Saison, die dank Handball-EM und Olympischer Spiele zu Jahresbeginn ihren Höhepunkt erreichte. Der zweite Platz beim Gesamtpublikum hinter dem Zweiten ist mit dieser Strategie auf absehbare Zeit nicht in Gefahr. Wer es mutiger mag, sollte besser einen Blick in die Mediathek riskieren.
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