Nach einem Jahr Pause ist es endlich soweit: Am kommenden Donnerstag kehrt das Screenforce Festival zurück. Also die Branchenveranstaltung, die 2024 aus den zuletzt etwas müden Screenforce Days entstanden war und die damals viele Branchenvertreter überzeugte. Nun sind zwei Jahre vergangen und die versammelten TV-Vermarkter, die in Düsseldorf einerseits ihre programmlichen Highlights präsentieren und andererseits für die Gattung TV werben werden, befinden sich in einem anhaltenden Krisenmodus.
Mittlerweile hat sich nämlich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Rückgang der Einnahmen, den die Unternehmen mit linearer TV-Werbung machen, nicht eine bloße Delle ist, sondern eine strukturelle Veränderung, bei der es mit aller Macht gegenzusteuern gilt. 2024 war das Screenforce Festival eine große Show voller Enthusiasmus und Prominenz. "TV findet sich endlich wieder geil", befand DWDL.de damals. Nur: Das wird in diesem Jahr wohl nicht mehr reichen, wie ein Rundruf bei einigen Mediaagenturen zeigt.
© Havas Media Germany
Morten Malmbak
Für die Konsumentinnen und Konsumenten sei Bewegtbild längst ein einziges Ökosystem, sagt Malmbak weiter. Oder anders formuliert: Der Ottonormalzuschauer unterscheidet nicht mehr zwischen linearem TV und Streaming. "Die große Chance der TV-Vermarkter liegt darin, ihre Inhalte über alle Ausspielwege hinweg intelligent zu bündeln", so der Havas-Manager. Gleichzeitig müssten die Vermarkter ihre Stärken besser in den Vordergrund stellen: "TV und Broadcaster-Video schaffen nach wie vor eine Qualität von Aufmerksamkeit, Reichweite und emotionaler Wirkung, die viele digitale Plattformen nur schwer replizieren können."
Viele Ankündigungen, wenig echte Veränderung?
© Mediaplus/Carina Haeusler
Christina Burkhardt
Auch die Mediaplus-Managerin erwartet eine weiterhin schwierige Zeit für die Vermarktung von linearen TV-Sendern. "Die Reichweiten werden sich auch weiterhin zulasten des linearen Fernsehens verschieben”, sagt Christina Burkhardt. Die Frage sei, wo die Reichweiten stattdessen entstehen: In den Mediatheken der Sender oder woanders? "Die deutschen Bewegtbild-Vermarkter werden nicht umhinkommen, sich entsprechend breit und flexibel aufzustellen. Die Fragmentierung der Nutzung lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Künftig wird es noch stärker darauf ankommen, dort präsent zu sein, wo das individuelle Nutzungserlebnis stattfindet." Hier gewinne das Unternehmen, das den Zugang zu seinen Inhalten möglichst einfach gestalte und diese bestmöglich kuratiere.
© Unbound Media
Lisa Benndorf
Wichtig ist Lisa Benndorf außerdem, dass die TV-Vermarkter "die Realität des Marktes anerkennen und strukturelle Veränderungen nicht kleinreden". Die Unbound-Managerin: "Die Nutzung wandert nicht vom Bewegtbild ab, sie verteilt sich nur auf mehr Plattformen, Screens und Nutzungssituationen. Die Antwort kann deshalb nicht sein, lineares Fernsehen isoliert zu verteidigen." Für die geforderte Total-Video-Perspektive brauche es laut Benndorf "einheitlichere Währungen, einfachere Einkaufsprozesse, mehr Transparenz bei Zielgruppenqualität und Werbewirkung sowie eine überzeugende Vermarktung der TV-Stärken".
"Ehrliche strategische Debatte" und keine "Illusion"
© Pilot/Lasse Reifferscheidt
Florian Howe
Howe will, dass die TV-Vermarkter ihre Stärken offensiv kommunizieren. "Bei den älteren Zielgruppen sehen wir teilweise sogar Zuwachs, und lokale Verankerung ist ein Wettbewerbsvorteil, den kein amerikanischer Streamingdienst replizieren kann. Dazu kommt Brand Safety, die im linearen TV einfach gegeben ist. Das sind echte Argumente", sagt er. Lineares Fernsehen sei nicht am Ende, aber es wäre unehrlich, die strukturellen Verschiebungen, die es unzweifelhaft gibt, kleinzureden. "Jüngere Zielgruppen werden nicht zurückkommen, das ist eine generationale Verschiebung, keine Delle."
© Media Plan
Eva Franz
Zu wenig Zeit bei einem Tag Screenforce?
Nach den Herausforderungen für die TV-Vermarkter in Sachen sinkender Reichweiten, fragmentierter Nutzung und Digital-Konkurrenz gefragt, wird Franz grundsätzlich: Alleine von den Vermarktern Antworten zu erwarten, bringe die Branche nicht weiter. "Das ist nun wirklich eine Gemeinschaftsaufgabe, denn dafür sind die aktuellen Tasks und die Bewegtbild-Zukunft zu groß". Schon heute seien die Vermarkter offener und würden sich intensiver als früher mit Agenturen austauschen. Das Screenforce Festival könnte das Rollenverständnis weiter schärfen. "Mediaagenturen sind längst nicht mehr die klassischen Vermittler, sondern Berater mit Commitment, die gemeinsam mit Marken auch tief runter in den Maschinenraum gehen, um die passenden Wege auszuarbeiten, die echte Werbewirkung, starke Kundenbeziehungen und nachweislichen ROI schaffen."
Die Chief Business Officer bei Media Plan sagt auch, dass es sinnvoll sei, mit dem Screenforce Festival eine starke Branchen-Plattform zu haben. Aber: "Vielleicht ist da ein Tag etwas zu kurz. Die Erfahrungen auf ähnlichen Events zeigen, dass Zeit für intensiven Austausch enorm wertvoll ist und konkrete Ergebnisse bringt."
Angesichts des dicht gedrängten Programms mit Screenings von fast allen großen deutschen TV-Vermarktern (Das ZDF-Werbefernsehen ist traditionell nicht mit dabei), ist trotz des späten Endes um 23 Uhr in der Tat fraglich, wie viel Zeit und Lust am Ende noch fürs Networking bleibt - geschweige denn für Debatten zu den großen Herausforderungen der Branche. Ursprünglich waren die Screenforce Days ja auch mal auf zwei Tage ausgelegt, das wurde aber nicht zuletzt auch wegen des anhaltenden Kostendrucks geändert. Außerdem hatte der zweite Tag früher immer mit einem gewissen Publikumsschwund zu kämpfen - sehr zum Leidwesen der Vermarkter, die erst da ihr Programm vorstellen konnten.
Aufgaben für die TV-Vermarkter
DWDL.de wollte von den Vertreterinnen und Vertretern der Mediaagenturen auch wissen, welche zentrale Aufgabe sie den TV-Vermarktern für die kommenden Monate mit auf den Weg geben würden, damit TV bzw. Bewegtbild im Werbemix an Relevanz gewinnt. "In erster Linie darf sinkende Reichweite nicht weiterhin mit enorm hoher Preisinflation kompensiert werden", sagt Morten Malmbak von Havas Media Germany. Und Florian Howe von Pilot antwortet: "Meine Botschaft an die Vermarkter ist klar: Liefert Relevanz, durch Programm und durch faire Preise. Beides hängt zusammen, und beides wird gerade zu wenig adressiert." Kein anderes Medium könne wie TV einen Lagerfeuereffekt bieten, so Howe. "Aber steigende TKPs bei sinkenden Reichweiten machen die Argumentation gegenüber Kunden jeden Tag schwieriger. Wir brauchen stabile, planbare Preise, sonst wird jede Mediaplanung zur Nachkalkulation."
Christina Burkhardt von Mediaplus sagt, dass sich die Relevanz von TV im Mediamix nur sichern lassen, "wenn es konsequent in Richtung Total Video weitergedacht wird und sich digitalen Logiken gegenüber weiter öffnet". Das Publikum würde heute nicht mehr unterscheiden zwischen TV und VoD - "wir sollten es ebenfalls nicht tun". Burkhardt: "Entsprechend benötigen wir mehr Zug auf der Entwicklung ganzheitlicher Videoprodukte sowie ein einheitliches Verständnis dieser Angebote im Markt. Noch entscheidender ist jedoch ein verstärktes Investment in AdTech und daran anknüpfende, Vermarkter-übergreifende Kooperationen, die gezielt weiterentwickelt werden müssen."
Für Lisa Benndorf ist die zentrale Aufgabe, die Vermarktung "konsequent vom Kanaldenken auf Wirkungsdenken umzustellen". Werbekunden würden heute nicht mehr in Silos planen, sondern entlang klarer Ziele wie Markenaufbau, Aufmerksamkeit, Neukundengewinnung oder Absatzsteigerung. "Genau daran müssen Vermarkter ihre Angebote ausrichten. Es geht darum, Reichweiten über alle Bewegtbildkanäle hinweg sinnvoll zu integrieren, Kampagnenwirkungen transparenter nachzuweisen, Daten, Technologie und Kreation besser zu verzahnen und Buchung wie Aktivierung deutlich zu vereinfachen. Entscheidend ist am Ende nicht, wie relevant lineares TV isoliert bleibt, sondern ob Bewegtbild als unverzichtbarer Wachstumstreiber im modernen Media-Mix positioniert wird."
Und Eva Franz von Media Plan sag, die Relevanz von TV im Mediamix sei gegeben. Es gehe nun darum, den Wert von Bewegtbild für konsistente Markenführung in der KI-Ära noch deutlicher herauszustellen. "Generative Künstliche Intelligenz zeigt da ihre zwei Seiten: Sie unterstützt uns bei der Arbeit, schafft neue Optionen, sorgt aber ebenso für enormen Slop, der Menschen mit zunehmend austauschbaren Content überflutet." Bei rund 15 Millionen KI Ads jeden Monat und einer immer geringeren Aufmerksamkeitsspanne würden Marken stärkere Creatives benötigen, "die sich von den unzähligen austauschbaren Werbebotschaften absetzen". Franz: "Inhaltliche Qualität ist der Türöffner für Bewegtbild, um als Relevanz-Booster zu überzeugen".
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