Da steht er nun also vor Schloss Neuschwanstein. Vor ihm ragen die Türme des weltberühmten Märchenschlosses in den bayerischen Himmel. Für Kosuke ist dieser Moment mehr als nur ein weiterer Punkt auf einer Deutschlandreise. Es ist die Erfüllung eines Traums, den der Japaner, wie viele seiner Landsleute, schon lange mit sich herumgetragen hat. Alleine ist Kosuke in diesem Glücksmoment nicht. An seiner Seite steht Andreas, der den Moment mit seiner Kamera festhält und tausende von Zuschauerinnen und Zuschauern daran teilhaben lässt.

"Kosuke vs. Germany" hat Andreas sein Format getauft, mit dem er sich auf YouTube eine kleine Fangemeinde aufgebaut hat. Darin sieht man Kosuke nicht nur vor Neuschwanstein, sondern auch in Berlin, auf einem deutschen Volksfest oder beim Verspeisen seines ersten Döners. Eine kleine Nische irgendwo versteckt auf der Riesen-Plattform, aber so ansprechend und unterhaltsam produziert, dass man sich beim Anschauen fragt: Wer ist eigentlich dieser Andreas, der in den Reisevideos zwar immer präsent, aber nie zu erkennen ist?

Eine kurze Email mündet schließlich in ein Telefonat mit dem Macher der Webserie, dessen Profilbild bei YouTube das Gesicht eines blonden Manga-Avatars ziert. Seine Identität möchte Andreas auch weiterhin nicht preisgeben. Er sei "ein Kind der 90er", sagt er und erzählt, dass er vor zwei Jahren mit YouTube begonnen habe – gewissermaßen als Hobby. Mit Film und Fernsehen habe er nichts zu tun, stattdessen stellt er sich als Projektleiter außerhalb der Medienbranche vor. Ein Mann also, der augenscheinlich gerne reist und das Erlebte in bewegten Bildern festhält. Viel mehr ist über ihn nicht zu erfahren.

Immerhin wird im Verlaufe des Telefonats deutlich, dass Andreas einst viel Zeit damit verbrachte, japanische Animes auf RTLzwei zu schauen. "Diese Art des seriellen Erzählens und der visuellen Inszenierung hat mich bis heute geprägt und war auch eine Inspiration für den Aufbau meiner eigenen Formate – etwa beim Intro, beim Einsatz von Musik, bei Kapiteltrennern sowie bei wiederkehrenden visuellen Elementen und Animationen."

Zufallsbegegnung an der Bushaltestelle

Dass er heute überhaupt eigene Formate auf YouTube veröffentlicht, geht nicht zuletzt zurück auf eine Asienreise, die Andreas vor drei Jahren unternahm. Ausgestattet mit einer Cam um den Hals, filmte er, was ihn interessierte und inspirierte. Auf seiner Reise lernte er schließlich Kosuke kennen – eine Zufallsbegegnung an einer Bushaltestelle. Einen kurzen Ausschnitt von seiner Begegnung mit dem Japaner, dessen großer Traum es war, einmal nach Deutschland zu reisen und das berühmte Schloss Neuschwanstein zu sehen, veröffentlichte er später auf TikTok. "Das Video bekam immer mehr Aufrufe und gleichzeitig schrieben immer mehr Menschen in den Kommentaren, dass sie gerne Geld für seine Reise spenden würden", erinnert sich Andreas, der kurz darauf tatsächlich eine Spendenkampagne ins Leben rief. Zu diesem Zeitpunkt war das Video schon rund 50.000 Mal angesehen worden. 

Anfangs habe er Zweifel gehabt, ob der Spendenaufruf überhaupt funktionieren würde, doch bereits nach drei Tagen waren mehr als 2.000 Euro zusammengekommen. Am Ende hatten 179 Menschen insgesamt 3.195 Euro gespendet, die Kosukes Wunsch erfüllen wollten. Und so reiste Andreas wenig später erneut nach Japan, um ihn mit dem Geld zu überraschen und seine Reaktion auf YouTube zu teilen. Dass beide einige Monate zusammen durch Deutschland reisen würden, stand da allerdings noch gar nicht fest. "Erst als Kosuke mich fragte, ob ich ihn begleiten würde, habe ich angefangen, die Reise für uns beide zu planen", so Andreas. Und weil er ohnehin ständig filmte, hielt er auch die Deutschlandreise mit dem Japaner mit einer Action-Cam fest.

"Am Anfang stand der Gedanke, Kosuke etwas über die Sehenswürdigkeiten zu erzählen, die wir besuchen", erinnert sich Andreas. Weil viele Orte aber auch für ihn selbst neu waren, reifte schließlich die Idee, ein Spiel in die Reise einzubauen. Mithilfe von Spielkarten sollte Kosuke nicht nur etwas über die besuchten Orte erfahren, sondern das Erlebte in zusätzlicher Erinnerung behalten. Die Karten fungierten später in den Videos auch als eines von mehreren interaktiven Gaming-Elementen, die die Community, die den Trip immerhin erst ermöglichte, mit in die Reise involvieren sollte. "Den Aufwand dahinter habe ich anfangs ziemlich unterschätzt", räumt Andreas im Gespräch mit DWDL.de ein. Er lohnte sich aber auch, weil Andreas dadurch Erfahrungen sammeln konnte, welchen Einfluss die Spiele auf Interaktion und Reichweite seiner Videos haben. "Daraus habe ich viele Erkenntnisse gewonnen, die ich auch für künftige Projekte nutzen möchte."

"Mein Workflow wurde von Folge zu Folge effizienter"

So wurde die Deutschlandreise immer mehr zu einer YouTube-Show, deren komplette Umsetzung, von der Pre-Production über den Dreh bis hin zur Post-Production, bei Andreas lag. "Ich habe die komplette Produktion selbst übernommen - von der Gestaltung der Spielkarten über den Schnitt, Thumbnails, Musikauswahl bis hin zu Trailern, Texten und Voiceovers", erzählt er stolz und betont, wie viel er auf diese Weise innerhalb kürzester Zeit über das Filmemachen gelernt hat. Mit einem praktischen Nebeneffekt: "Mein Workflow wurde von Folge zu Folge effizienter."

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Am Ende entstand eine 21-teilige Show, gefilmt im Point-of-View-Format – gefilmt aus Andreas' Sicht. Die Aufmerksamkeit dafür war bemerkenswert groß: Von Dezember bis Juli erreichte "Kosuke vs. Germany" rund 56 Millionen Aufrufe auf TikTok, Instagram und YouTube, erzählt Andreas. Allein auf TikTok kamen die Kurzvideos auf etwa 30 Millionen Aufrufe. Viel Geld verdiente Andreas damit gleichwohl nicht. "Das war allerdings auch nie das primäre Ziel", stellt er klar. Vielmehr sei das Format für ihn in erster Linie ein Herzensprojekt gewesen, das es zum Ziel hatte, die Geschichte des Japaners so authentisch wie möglich zu erzählen. 

Dabei bleiben soll es allerdings nicht. "Langfristig möchte ich YouTube weiter ausbauen und mit künftigen Projekten mehr daraus machen", sagt Andreas, angesprochen auf seine Zukunftspläne. Er habe bereits eine Strategie und Konzepte für die nächsten zwei bis drei Jahre entwickelt. Sein Ziel ist aber weiterhin klar: „Ich möchte keine klassischen YouTube-Videos produzieren, sondern vor allem serielle Formate weiterentwickeln und neue Konzepte ausprobieren.“ Auf die Frage, ob das Publikum ihn in Zukunft vielleicht doch noch zu Gesicht bekommen wird, antwortet er zurückhaltend: „Gesichter können auf Social Media ein Vorteil sein, weil sie Aufmerksamkeit und Wiedererkennung fördern und Zuschauer schneller eine persönliche Verbindung aufbauen.“ Zumindest in seinen nächsten Projekten will er aber dennoch nicht in Erscheinung treten.

Auch in Zukunft will er sich also an seriellen Formate und ungewöhnliche Ideen versuchen, bei denen nicht er selbst, sondern andere Menschen im Mittelpunkt stehen - so wie es auch „Kosuke vs. Germany“ prägte. Was mit einer zufälligen Begegnung an einer Bushaltestelle in Japan begann, mündete schließlich in eine 21-teilige YouTube-Serie. Und am Ende stand Kosuke tatsächlich vor Schloss Neuschwanstein.

"Kosuke vs. Germany" ist bei YouTube abrufbar