Wenn ich Sie fragen würde, wo Sie vor genau 25 Jahren, am 11. September 2001, waren, könnten Sie mir das wahrscheinlich genau sagen. Sie werden bestimmt noch wissen, wie Sie von den Anschlägen auf das World Trade Center in New York erfahren haben. Zumindest, wenn Sie damals alt genug waren. Vermutlich haben Sie bei dieser Frage sofort die Bilder von den brennenden Zwillingstürmen, von den Einschlägen der Flugzeuge, vom Einsturz der Gebäude im Kopf. Den Zusammenfall des zweiten Turms haben Sie eventuell sogar live vorm Bildschirm verfolgt. Und selbst wenn das nicht der Fall ist, spielt das Fernsehen mit großer Wahrscheinlichkeit eine zentrale Rolle in Ihrer Erinnerung. Vielleicht sehen Sie Peter Kloeppel oder Ulrich Wickert noch vor sich, wie sie versucht haben, die verstörenden Bilder zu kommentieren und die Geschehnisse vor der Kamera zu ordnen. 9/11 war vorrangig ein Fernsehereignis.

Information, Krise und Katastrophe

Im Jahr 1990 veröffentlichte die damalige amerikanische Film- und Medienwissenschaftlerin Mary-Ann Doane einen wegweisenden Aufsatz über die Funktionsweise des Fernsehens. Darin geht es eigentlich um die Explosion des Space Shuttles „Challenger“ im Jahr 1986. Ihre Überlegungen wirken dennoch erstaunlich aktuell, wenn es darum geht, die mediale Wirkung des 11. Septembers zu beschreiben.

Um das Wesen des Fernsehens zu charakterisieren, unterscheidet sie zwischen drei Formen des Fernsehereignisses: Information, Krise und Katastrophe. Die basalste Form stellt die Information dar. Sie ist zwar „beachtenswert, aber nicht schockierend oder ergreifend“. Vor allem aber sind Informationen immer da und haben im Fernsehen eine konstante Präsenz. Sie füllen im Grunde das Programm. Daneben stehen die Krisen, die über „eine gewisse zeitliche Ausdehnung“ verfügen und über diese Dauer aufschrecken. Und schließlich gibt es die Katastrophe, die die kritischste aller Krisen darstellt und die „Diskontinuität in einem ansonsten stabilen System“ markiert.

Bemerkenswert ist dabei, dass Doane die drei Kategorien nicht anhand der Schwere eines Unglücks, der humanitären oder politischen Auswirkungen oder gar der Zahl der Toten definiert. Vielmehr zieht sie zur Unterscheidung einzig ihre zeitliche Struktur und ihren Platz im Fernsehprogramm heran. Für die Kategorisierung eines Ereignisses ist für sie also nicht allein maßgeblich, was geschieht, sondern wie das Fernsehen damit umgeht.

Verlässlichkeit, Struktur und Halt

Die Fernseherfahrung sowohl im Jahr 1990 als auch im September 2001 war noch von einem festen Programmschema geprägt. Als „rigoros“ bezeichnet es Doane. Was sie meint, wird heute meist mit dem Begriff „lineares Fernsehen“ belegt und oft als starr und einschränkend empfunden. Doch ein solches verbindliches Programm liefert ebenso Verlässlichkeit, Struktur und Halt.

Besonders anschaulich hat diese Funktion der Theologe und Fernsehforscher Günther Thomas erklärt. Für ihn ist das Fernsehprogramm vor allem durch Wiederholungen geprägt. Damit meint er nicht bloß die Wiederaufführung von einem bestimmten Film oder einer Serie. Ihm geht es um die immer gleichen Gesichter, Erzählmuster und visuellen Elemente. Um vertraute Formate und Dramaturgien die täglich oder wöchentlich auf denselben Sendeplätzen wiederkehren.

Das zeigt sich etwa an der „Tagesschau“, die verlässlich jeden Abend um 20:00 Uhr beginnt und fünfzehn Minuten dauert. Am „Tatort“ am Sonntag oder an der täglichen Ausgabe von „Punkt 12“. Das Programm am Montag, dem 10. September 2001, unterschied sich kaum von dem am Montag zuvor.

Für Günther Thomas vermitteln diese „Rhythmen, Zyklen und Repetitionen“ eine große „Vertrautheit und einen Eindruck der Verlässlichkeit“. Das Fernsehen mit seinem Kästchenmuster aus beständigen, sich wiederholenden Elementen ist daher ein System, das Konstanz und Sicherheit transportiert und dadurch eine stabilisierende Wirkung auf die Gesellschaft entfalten kann. Die einzelnen Sendungen und Programmelemente fügen sich zu einem stetigen Bilderstrom zusammen, der „unumkehrbar“ ist und linear dahinfließt. „Schon das reine Stattfinden des Flusses“, so Thomas, „kommuniziert eine Verläßlichkeit der Welt“.

Eine Unterbrechung dieses Stroms erfolgt also nur ausnahmsweise und stellt dann eine spürbare Zäsur dar. Genau das geschieht bei Katastrophen.

Das Maß einer Katastrophe

An dieser Stelle kommt Mary-Ann Doane wieder ins Spiel, denn sie schreibt den entscheidenden Satz: „Das Maß einer Katastrophe wird bestimmt durch das Ausmaß, wie stark sie das reguläre tägliche Fernsehprogramm unterbricht und dadurch die normalen Erwartungen, was zu einer bestimmten Zeit zu sehen und zu hören ist, durchkreuzt.“

Die Bedeutung einer Katastrophe, die ihr vom Fernsehen zugesprochen wird, lässt sich also daran ablesen, wie sehr sie den geplanten Programmablauf irritiert. Tauchen die Ereignisse lediglich in den regulären Nachrichten auf, ohne dass sich am Sendeplan etwas ändert, handelt es sich um eine Information, die nicht schockierend und kaum beachtenswert ist. Wird nach einem Unglück beispielsweise aber ein „ARD Brennpunkt“ oder ein „ZDF Spezial“ eingeschoben, steigt der Grad der Bedrohung. Doch noch nicht zu stark, weil der gewohnte Rhythmus nach solchen, häufig nur wenige Minuten dauernden Unterbrechungen, schnell wiederhergestellt wird und das Fernsehen in seinen erwartbaren Fluss zurückkehrt.

Die nächste Stufe bilden längere Sondersendungen, die andere Filme, Shows oder Serien nicht nur verschieben, sondern sogar entfallen lassen. Wie es etwa nach dem Attentat von München, beim Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine oder rund um das Ahrtal-Hochwasser geschehen ist. Hier signalisiert das Fernsehen – ganz unabhängig vom Ereignis selbst – einen tatsächlichen Anlass zur Beunruhigung.

Natürlich soll hier nicht in Abrede gestellt werden, dass solche Ereignisse selbst eine tragische, verstörende oder beängstigende Wirkung haben und ihre Bedeutung nicht einzig davon abhängt, wie das Fernsehen mit ihnen umgeht. Mary-Ann Doane selbst räumt ein, dass unklar bleibt, ob das Fernsehen über Ereignisse berichtet, weil sie wichtig sind, oder ob Ereignisse erst wichtig werden, weil das Fernsehen über sie berichtet. Das klingt ein wenig nach der oft bemühten Frage von Henne und Ei. Doch unstrittig ist, dass solche Momente allein durch die von ihnen verursachte Unterbrechung des Programmschemas einen Bedeutungszuwachs erfahren.

Die Welt explodiert, das Fernsehen steht still

In Doanes Verständnis stellen dann die Anschläge vom 11. September 2001 unzweifelhaft die ultimative Katastrophe dar, denn an diesem Tag zeigten viele Kanäle stundenlange Sondersendungen. Allein bei RTL moderierte Peter Kloeppel siebeneinhalb Stunden am Stück live. Dafür flogen zahlreiche fest eingeplante Talkshows, Quizsendungen, TV-Filme, die Serie „Medicopter 117“ und der Auftakt der zweiten Staffel von „Popstars“ aus dem Ablauf.

Gleichzeitig versuchte das Fernsehen, die Katastrophe selbst mit seinen Mitteln erfassbar zu machen. Da es wesentlich von Wiederholung und Serialität geprägt ist, konnte es gar nicht anders, als mit zigfachen Wiederholungen der Aufnahmen vom Einschlag der Flugzeuge zu reagieren. Und das tat es in einem fast verzweifelten Umfang, wie Herbert Riehl-Heyse in der Süddeutschen Zeitung damals feststellte: „Ein Stück Welt ist explodiert vor laufenden Kameras, und diese können - nun schon 72 Stunden lang - gar nicht mehr damit aufhören, die Explosion immer noch ein wenig näher an uns heran zu zoomen.“

Dieses Vorgehen ist als Versuch des Fernsehens zu werten, die Unterbrechung seines repetierenden Flusses wiederherzustellen und den Schrecken durch Serialität fassbar zu machen. Selbst in diesen apokalyptischen Stunden bemühte es sich, durch die Wiederholung der Bilder irgendwie eine Stabilität zu vermitteln.

In der Regel wirkt es dabei beruhigend, dass selbst im Falle einer Katastrophe nicht alle Fernsehsender ihren starren Programmfluss unterbrechen und das Medium als Ganzes auf diese Weise den Eindruck von Beständigkeit bewahren kann. „Erst ein vollständiger, alle Sender einschließender Ausfall würde das Hereinbrechen eines nicht mehr zu bewältigenden Chaos nahelegen“, wie es Günther Thomas formuliert.

Erst hier wird die Sonderstellung der Anschläge vom 11. September in vollem Umfang deutlich. Denn die Sondersendungen beschränkten sich nicht nur auf die großen Anstalten. Sie liefen in den Dritten Programmen, bei RTL, Sat.1, RTL II, ProSieben, VOX und Kabel 1 sowie in zahlreichen Regionalkanälen. Selbst der Gewinnspielsender 9Live pausierte seine Telefonabzocke und übernahm stattdessen das Signal von N24. Und VIVA spielte fast 24 Stunden lang gar keine Musikclips mehr und zeigte nur noch ein Schwarzbild mit einer Laufschrift.

An diesem Tag pausierten nicht bloß die Programme einzelner Kanäle. An diesem Tag hörte das Fernsehen als Ganzes auf, in seiner gewohnten stabilisierenden Verlässlichkeit zu senden. Damit stand das Hereinbrechen des nicht mehr zu bewältigenden Chaos unmittelbar bevor.

Die ultimative Fernsehkatastrophe

Auch in den Tagen danach blieb das Fernsehen im Ausnahmezustand. Weiterhin dominierten lange Nachrichtenstrecken und Übertragungen von Gottesdiensten das Programm. Zudem strich man Comedyshows wie „7 Tage, 7 Köpfe“, „Freitag Nacht News“ und „Die Wochenshow“. Das damals viermal pro Woche ausgestrahlte „TV Total“ pausierte eine Woche lang, während Harald Schmidt mit seiner täglichen Late Night Show sogar zwei Wochen aussetzte.

Nie zuvor und nie wieder danach, war das Fernsehen so sehr aus dem Rhythmus geraten, dass es so lange brauchte, um seinen gewohnten Takt wieder zu finden. Und das war tatsächlich ein beunruhigender Zustand. Neben der Symbolik der Anschläge und der enormen Zahl der Toten trug so auch das Stottern des Fernsehprogramms dazu bei, dass die Ereignisse vom 11. September auch 25 Jahre später von vielen Menschen noch als einschneidendes Erlebnis erinnert werden. Das macht sie zur ultimativen Fernsehkatastrophe.

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Mit dem Modell von Mary-Ann Doane lassen sich übrigens auch aktuelle Formen der Berichterstattung bewerten. Betrachtet man beispielsweise die Sondersendungen nach der jüngsten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, fällt ein bemerkenswertes Detail auf. Um über die Lage zu informieren, verzichtete die ARD an diesem Sonntag sogar auf die Ausstrahlung vom traditionsreichen „Tatort“. Das lässt nur einen Schluss zu: Die Lage ist ernst.

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