Unsichtbare Sichtbarkeit? Im Herz des gesellschaftlichen Mainstreams wirkt die Kombination wie ein Widerspruch der auffallenden Art. Am breitesten seiner vielen Ränder jedoch will eine zusehends selbstbewusste Minderheit beides zugleich: Gesehen und übersehen werden. Oder wie ein Panel beim Serienfestival Seriesly Berlin fragt: Wann wird queere Repräsentation einfach nur Leben am Bildschirm? Um sie zu beantworten, begrüßt Moderator Paolo Ciccarelli fünf Gäste aus fünf Ländern im Ballroom einer Fotogalerie, die der Serienbranche zum dritten Mal in Berlin Mitte als Bühne dient.

„Queere Charaktere benötigen keine Eigenschaften“, sagt der italienische Host zur Begrüßung einer Podiumsdiskussion namens „Queerness Beyond the Plot“. „Sie brauchen nichts darstellen, sie sollen nichts lehren, sie müssen nur existieren.“ Damit greift der Drama-Chef des Branchenportals MIA ein Problem auf, das sich durchs jahrzehntelange Empowerment all jener zieht, die abseits kultureller Normen Filme und Fernsehen machen: Dürfen die Mitglieder der Gemeinde mit dem Kürzel LGBTQIA+ wirklich schon heute lesbisch, schwul, bi, trans, queer, inter- oder asexuell sein, ohne dass es der Handlung dient?

Ciccarellis Podium ist da skeptisch. Lucas Oranmianetwa, Drehbuchautor und Hauptdarsteller der brasilianischen Seriesly-Premiere „Ayô“, fragt sich, warum queere Figuren „andauernd offene Beziehungen haben müssen“. Patrick Walters, Executive Producer des Emmy-prämierten Coming-of-Age-Dramas „Heartstopper“ möchte wissen, „weshalb queere Figuren unbedingt queere Backstorys brauchen“. Und seine Berliner Kollegin Sophya Kallista Frohberg („Angemessen Angry“) berichtet, wie häufig man ihr queere Ideen mit dem Satz ausredet: „Ihr hattet doch schon Queer as Folk.“

In der Tat: ein Meilenstein schwuler Selbstermächtigung. Allerdings vor 26 Jahren und damit als Referenzgröße eher Teil des Problems als der Lösung. Denn bevor sexuelle Identitäten fiktional keiner Erwähnung mehr wert sind, benötigen sie weiterhin erhöhte Aufmerksamkeit. Ein Dilemma, wie eingangs erwähnt. „Sobald ich mir in Deutschland einen Kanon guter queere Serien anschauen kann“, sagt die Letterbox-Producerin Frohberg im DWDL-Interview, „können wir mit der Normalisierung beginnen“.

Weil es allerdings immer noch nicht genügend Fiktionen aus der LGBTQIA+-Community gibt, „brauchen wir mehr dezidiert queere Fiktion“. Und das gilt auch international – wie die Antworten auf Paolo Ciccarellis Frage nach den Schlüsselserien seiner durchweg queeren Gäste zeigt. Mit „Twilight“ oder „Akte X“ und dreimal „Buffy“ nennen die Millennials meist ältere Fiktionen mit queerer Randbesetzung. Gut, dass die finnische Filmemacherin Ulla Heikkilä – deren Tragikomödie „Atlantis Pasila“ in Berlin ihr Deutschland-Debüt feiert, noch die lesbische US-Legende „The L-Word“hinzufügt.

Es ist also noch viel zu tun, bis all die Seitenarme des heteronormativen Hauptstroms – oder in Jan Böhmermanns Worten: alle dazwischen und außerhalb – genügend Wasser führen, um auf der Landkarte nicht weiter hervorgehoben zu werden. Und einiges zu tun, bleibt auch, damit die Generationen nach Lucas Oranmian andere Storys als solche erzählen: Beim queeren Welterfolg „Heartstopper“ musste der schwule Regisseur auch deshalb ständig weinen, „weil ich als Jugendlicher gern selbst so eine Serie gehabt hätte“.

Für die Generationen Z bis Alpha mag die Auswahl da längst bedeutend größer sein – allerdings auch dort mit Luft nach oben. Zum Schluss deshalb noch schnell eine Anekdote für alle finanziell, dramaturgisch, personell Verantwortlichen: Als Sophya Kallista Frohberg die Idee einer (erotischen) Serie um lesbische Fußballerinnen in Deutschland hatte, „hieß es, das will doch niemand sehen“. Und: „Vermisch‘ keine Genres.“ Kurz darauf wurde die Idee einer (pornografischen) Serie um schwule Eishockeyspieler in Kanada zum weltweit erfolgreichen Genremix. Er heißt „Heated Rivalry“. Und unsichtbar ist an dieser höchst unterhaltsamen Art queerer Bedürfnisbefriedigung gar nichts.