Marcus Wolter steckt in einer Situation, die für ihn ungewohnt ist. Seit der gewiefte TV-Manager 2018 mit der deutschen Banijay-Gruppe an den Start ging, hat er stets selbst entschieden, welche Produktionsfirmen übernommen, neu gegründet oder wieder dichtgemacht wurden. Momentan muss er zum ersten Mal vier Unternehmen in den Konzern integrieren, die er sich nicht ausgesucht hat. Durch die globale Fusion von Banijay Entertainment und All3Media sind Wolter die verbliebenen deutschen All3-Töchter Filmpool Entertainment, Filmpool Fiction und South & Browse sowie 50 Prozent an der PR- und Social-Media-Agentur Magic Connection in den Schoß gefallen. Ob das für ihn eine dauerhafte Bereicherung ist, muss sich erst noch herausstellen.

Wirtschaftlich katapultiert der Deal Banijay auch hierzulande in eine neue Größenordnung. Nach DWDL.de-Informationen haben die beiden Gruppen im Geschäftsjahr 2025, also vor ihrem Zusammenschluss, einen kumulierten Pro-forma-Umsatz von 407 Millionen Euro erwirtschaftet. Dabei fällt das Größenverhältnis zwischen den Partnern ziemlich eindeutig aus: 312 Millionen Euro, also mehr als drei Viertel, stammen von der "alten" Banijay Germany, 95 Millionen Euro von der bisherigen All3Media Deutschland.

"Mit dem Merger haben wir ein neues Kapitel für Banijay Germany aufgeschlagen und haben jetzt die Chance, diese neue Ära zu gestalten", sagt Wolter dem Medienmagazin DWDL.de. "Die beiden Grundpfeiler unserer neuen gemeinsamen Firma sind starke Marken, die zu Lovebrands unserer Zuschauerinnen und Zuschauer geworden sind, sowie die Exzellenz unserer Teams, auch die Brands der Zukunft und die kommenden großen Marken aufzubauen und zu produzieren." Als wirtschaftliche Highlights, die neu ins Portfolio gekommen sind, hebt Wolter auf Nachfrage besonders "Die Verräter", "Berlin – Tag & Nacht" und "Richterin Barbara Salesch" hervor.

Banijay Germany auf einen Blick

  • Umsatz 2025: 407 Millionen Euro (inkl. All3Media / Platz 2 der DWDL.de-Produktionsriesen)

  • Gesellschafter: Banijay Entertainment (90,22%), Woltertainment / Marcus Wolter (9,78%)

  • Geschäftsführer: Marcus Wolter

  • Produktionsfirmen: Banijay Productions Germany; Brainpool TV; Dynamic Ally Pictures; Endemol Shine Germany; Filmpool Entertainment; Filmpool Fiction; MadeFor Film; Pausenclown Media; Potatohead Pictures; Rainer Laux Productions; South&Browse

  • Produktionen 2026 (Auswahl): Achtung Abzocke (Kabel Eins); Asbach sucht den Malle Megastar 2026 (ShowdownTV); Beauty and the Nerd (ProSieben); Berlin – Tag und Nacht (RTLzwei); Deal or No Deal (Sat.1); Der Lehrer (RTL); Die Höhle der Löwen (Vox); Die Landarztpraxis (Sat.1); Die Millionenidee mit Ralf Dümmel (Sat.1); Die Verräter (RTL); Dünentod (RTL); Kampf der Realitystars (RTLzwei); Kitchen Impossible (Vox); Komissar Dupin (ARD); Merz gegen Merz (ZDF); Mission Unknown (Prime Video); Promi Big Brother (Sat.1); Tatort (ARD); Temptation Island (RTL+); The 50 (Prime Video); The Summit (Prime Video); TV total (ProSieben); Undercover Boss (RTL); Villa der Versuchung (Sat.1); Wer wird Millionär? (RTL)

Bei Filmpool Entertainment, wo alle drei genannten Formate hergestellt werden, ist die komplementäre Aufstellung am offensichtlichsten. Einen Spezialisten für derart hochvolumige Daytime- und Vorabend-Formate gab es bei Banijay bislang nicht. Der Löwenanteil des 95-Millionen-Umsatzes resultiert aus den hohen Stückzahlen, die Sender bei Filmpool bestellen. Die übrigen Labels produzieren zwar einzelne attraktive Programmmarken – South & Browse etwa "Undercover Boss" oder den gerade mit einem Deutschen Fernsehpreis prämierten "Roadtrip Australien", Filmpool Fiction die ARD-Reihen "Kommissar Dupin", "Tiroler Blut" und einen Teil der Münster-"Tatorte". Sie sind aber im Vergleich zu Banijay Productions, Endemol Shine oder MadeFor Film nicht so komplementär aufgestellt, dass man nicht auf die Idee kommen könnte, die Aufträge dort zu konsolidieren. Nach diesem Playbook ist Wolter bekanntlich schon bei der "Höhle der Löwen", dem "Lehrer" oder dem "Trödeltrupp" verfahren, als die früheren Töchter Noisy Pictures und Good Times geschlossen wurden.

Auf die Frage, ob mittelfristig eines oder mehrere der Labels zur Disposition stehen, antwortet der Banijay-Boss gegenüber DWDL.de: "Jedes Label, das stark und eigenständig positioniert ist und profitabel am Markt agiert, steht bei uns nicht zur Disposition." Ein geschickter Konditionalsatz, der vieles offen lässt. Dass anders als auf internationaler Konzernebene keine Hochzeit unter Gleichen vollzogen wurde, zeigt sich auch daran, wie die All3-Firmen bis auf Weiteres an Banijay Germany angedockt sind – nämlich gebündelt unter einer neuen Marke namens "Filmpool United", die der bisherige All3-Deutschland-Chef Vittorio Valente leitet. An ihn berichten die Geschäftsführer Felix Wesseler (Filmpool Entertainment), Mathias Lösel (Filmpool Fiction) und Nikola Kohl (South & Browse). Valente wiederum berichtet an Wolter, sitzt jedoch nicht im vierköpfigen Board von Banijay.

Die Verräter © RTL "Synergien sinnvoll nutzen": "Die Verräter" sind jetzt Teil von Banijay
"Vito ist eine Produzentenpersönlichkeit erster Klasse", erklärt Wolter. "Er trägt nun als Geschäftsführer unternehmerische Verantwortung für die Firmen der 'Filmpool United' und sorgt gleichzeitig dafür, dass diese Firmen Schritt für Schritt die Möglichkeiten unseres Banijay-Ökosystems nutzen können. Genau darin liegt für uns die Stärke unserer Struktur: so viel unternehmerische Freiheit wie möglich und so viel Banijay-Allianz wie sinnvoll." Bleibt die Frage, wie viele Stellen im Zuge der Fusion mittelfristig abgebaut werden. Es gehe auch darum, "Synergien sinnvoll zu nutzen", sagt Wolter. Aber: "Über konkrete personelle Maßnahmen zu spekulieren, wäre zum jetzigen Zeitpunkt unseriös."

Ungeklärt ist auch noch die Zukunft der Digital-Agentur Little Dot Studios in München, die organistorisch nicht zur deutschen All3Media gehörte, sondern eine Zweigniederlassung der gleichnamigen britischen Limited ist. Der lokale Managing Director Nils Franck berichtet an die Londoner Zentrale, produziert mit seinem Team Social-Media-Inhalte für Markenkunden und betreibt etliche FAST-Channels sowie YouTube-Kanäle wie "Absolute Action", "CineCult Reloaded", "Real Stories Deutschland" oder Michael Herbigs "Bully TV". Auf globaler Ebene hatte Banijay-Group-CEO François Riahi im März betont, Little Dot Studios sei mit seinen elf Milliarden Views pro Monat "eindeutig voraus in der digitalen Monetarisierung" und somit für Banijay eine große Bereicherung.

In Deutschland gibt es freilich die Banijay Media, die ein vergleichbares Spektrum anbietet und das reichweitenstarke "myspass"-Netzwerk betreibt. Hätte es noch eines Belegs für die Überschneidungen bedurft, so startete Little Dot Studios erst im März die "Comedy Corner Deutschland" auf YouTube und Waipu.TV – mit lustigen Clips aus "Bullyparade", "Kalkofes Mattscheibe" oder Didi Hallervordens "Nonstop Nonsens". Schwer vorstellbar, dass die beiden ähnlichen Einheiten auf Dauer nebeneinanderher agieren.

Generell setzt Wolter seinen eingeschlagenen Kurs fort, die Geschäftsfelder Branded Content und Live-Entertainment auszubauen. "Mittlerweile kommen über 20 Prozent des Umsatzes aus dem nicht-klassischen Produktionsgeschäft", so Wolter. "Unsere Marketing-Agentur influence.vision hat in diesem Jahr beispielsweise internationale Marketing-Budgets für einen bekannten Mode- sowie einen bekannten Kosmetik-Konzern gewonnen." Dazu passt das gruppenweite strategische Projekt "Brand Horizon", das die direkte Zusammenarbeit der Banijay-Firmen mit Konsumgütermarken stärken soll. Da die klassischen TV- und Streaming-Kunden tendenziell weniger ausgeben, ist die Ausweitung des Spielfelds unverzichtbar – und von Wolter ja auch seit mehreren Jahren konsequent vorangetrieben worden. Die Geschäftsentwicklung im laufenden Jahr bezeichnet er insgesamt als "stabil bis leicht wachsend".

Wie sehr Fernsehen dabei bestenfalls zur Nebensache werden kann, zeigt das Beispiel "Die besten Comedians Deutschlands", ursprünglich von Brainpool TV für Sat.1 konzipiert und inzwischen auch eine erfolgreiche Live-Marke. "Neben den TV-Ausstrahlungen geht die Show in diesem Jahr in sechs Städten in großen Arenen auf Tour", so Wolter. "Weitere Tourneen für 2027 und 2028 sind bereits in Planung. Comedians aus unseren Management-Companies – darunter Özcan Cosar, Bastian Bielendorfer, Atze Schröder oder Osan Yaran – stehen gemeinsam mit anderen Comedy-Größen auf der Bühne. Auf unserer eigenen Plattform myspass.de und unseren Social-Kanälen erzielt der Content zudem Millionen Abrufe."

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