Über nichts wird im amerikanischen Fernsehen häufiger gesprochen als über das Wetter. Böse Zungen behaupten, dass gerade diese Tatsache zeige, dass Amerikaner manchmal einfach nichts dazu lernen wollen. Denn den TV-Meteorologen in den USA gelingt es in erstaunlicher Regelmäßigkeit, für ein und denselben Tag je nach Sender wahlweise Sonne, Wolken, Regen und Schnee vorherzusagen. Mit anderen Worten: Für jeden ist etwas dabei, doch stimmen tut es selten. Dem Interesse an der Eiseskälte, die derzeit im Osten der USA herrscht, tun diese Erkenntnisse allerdings keinen Abbruch.
Und so begannen auch am Wochenende vor der Amtseinführung Barack Obama beinahe alle Sendungen oder Schalten aus der US-Hauptstadt Washington D.C. mit Smalltalk über Temperaturen, Schneefall und die Garderobe der armen, armen Kollegen vor Ort. Der tiefere Sinn dahinter? Sendezeit füllen. Denn kaum hat der erste Nachrichtensender bekannt gegeben, ab wann man live von vor Ort berichtet, ziehen alle anderen nach - egal ob es Sinn macht oder Inhalte vorliegen. Hauptsache live aus Washington. Hauptsache drauf sein, möglichst lange drauf sein und - ganz wichtig - der Amtseinführung von Barack Obama per Sonderlogo und -schriftzug ein eigenes Label verpassen. Da nehmen sich die News-Sender und die Nachrichten der großen Networks nichts.
Um 12 Uhr mittags Ostküsten-Zeit übernimmt Barack Obama am heutigen Dienstag das Amt von Vorgänger George W. Bush. Die Nachrichtensender und großen Networks werden dann schon wieder seit sieben Stunden auf Sendung sein. Es ist sinnbildlich für die Obama-Mania, die die US-Medien, verglichen mit der Wahl im vergangenen November noch einmal potenziert haben. Schwer war das nicht. Musste damals für die Objektivität manche Begeisterung im Zaum gehalten werden, darf sie diesmal raus. Obama macht Journalisten willenlos - könnte man denken. Natürlich nicht alle. Und natürlich lässt sich die Bedeutung des Tages für die USA - und möglicherweise auch die Welt - gut nachvollziehen.
Dennoch schmerzt es, wenn man Tage lang den amerikanischen Nachrichtensendern ausgeliefert ist. Hätte es die Notwasserung eines US Airways-Flugzeuges auf dem Hudson River in New York und eine Salmonellen-Verbreitung über Erdnussbutter nicht gegeben, dann wäre Obama wohl 24/7 Programm gewesen - und das ohne wirkliche Neuigkeiten. Deshalb dreht sich dann eben alles um das erwartete Wetter bei der Amtseinführung. Eine Steilvorlage für die Amtsübergabe war übrigens auch der Feiertag zu Ehren Martin Luther King Jr. an diesem Montag, dessen Abend ein Sender gleich zum "Eve of Change" auserkor. Der Tag der Amsteinführung wird bei NBC schon mal im Voraus als "unvergesslicher Tag" angepriesen. An bedeutungsschwangeren Trailern mangelt es derzeit wahrlich nicht. Erwartungsgemäß nüchtern und unspektakulär gibt sich nur Fox News.
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