Ihre Daytime-Show, die nach rund 4.500 Folgen am Mittwoch endete, begann 1986 als klassische Daytime-Talkshow. Doch mit der Popularität der Gastgeberin änderte sich das Format in den 90er Jahren. Es wurde immer mehr auf Winfrey und ihre Lieblingsthemen zugeschnitten. Lebenshilfe in jeglicher Hinsicht gehörte dazu. Nicht immer ergab es Sinn oder hatte Wirkung, was sie ihren Zuschauerinnen und Zuschauern empfahl. Doch ihre vertrauenserweckende und oft zu tränen gerührte Art vermittelte offenbar genug Glaubwürdigkeit.
"Oprahfication" wurde zum geflügelten Wort in den USA. Gemeint ist damit die Art und Weise in der durchaus brisante Themen von Oprah Winfrey enttabuisiert wurden. Und das auf den ersten Blick nicht einmal der Quote wegen - was letztlich natürlich ein Grund war. Doch die Geständnisse vor laufendern Kamera, die entweder von ihr oder ihren Gästen getätigt wurden, sorgten meist für nationale Schlagzeilen. Und nicht wenige von Oprah Winfreys Interview gelten als legendär. Das Phänomen Oprah Winfrey bleibt auch zum Ende ihrer Daytime-Karriere ein Stück weit unerklärlich.
Egal ob in gesellschaftlichen, politischen oder ethischen Fragen hat sich Winfrey in 25 Jahren eine Glaubwürdigkeit in der breiten Masse der amerikanischen Bevölkerung erarbeitet, die manchem Beobachter sogar unheimlich wird, weil sie teils religiöse Züge hat. Was Oprah sagt, wird getan. Deswegen ist ihr Urteil je nach Blickwinkel in den USA mal geschätzt oder gefürchtet. Dass sie ihre Talkshow am nächsten Mittwoch beendet, bedeutet allerdings nicht den Rückzug. Dass dies medial derzeit so dargestellt wird, zeigt nur einmal mehr ihr Können in Sachen Selbstvermarktung.
Denn während sie sich bei der "Oprah Winfrey Show" verabschiedet, ist OWN längst auf Sendung. OWN steht für Oprah Winfrey Network, einem Sender gefüllt mit Talkshows, Ratgebern und Spielfilmen. Aus der eigenen Show wird ein eigener Sender. Hier hat die vielleicht einflussreichste Frau Amerikas zwar keine tägliche Show - und hat dennoch vor dem Sendestart des Kanals angekündigt, mindestens 70 Stunden pro Jahr auch dort vor der Kamera präsent zu sein. Und das sogar zur Primetime. Aktuell sind ab Herbst zwei bis drei Ausgaben einer neuen Show mit ihr geplant. Doch das blendet das mediale Amerika in diesen Tagen erst einmal völlig aus.
Sogar nationale Tageszeitungen ergehen sich derzeit in Titelseiten-Stoys über das Aus der Daytime-Talkshow nach 25 Jahren. Immerhin: Irgendwo am Ende der Artikel findet sich dann jeweils die Einschränkung, dass sie ja weiter via OWN zu sehen sein wird. In der TV-Berichterstattung über ihr Show-Aus wird OWN hingegen so gut wie nie erwähnt in diesen Tagen. Es würde den tränenreichen Abschied nach 25 Jahren "Oprah Winfrey Show" ja auch nur stören. Das will man ja nicht. Die Medien nicht, die von der Berichterstattung über den nationaen Star Oprah Winfrey gut leben. Und Winfrey selbst wohl am wenigsten.
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