Wenn alle anderen in die falsche Richtung fahren, braucht man das Rad nicht neu erfinden, um am schnellsten ans Ziel zu kommen. José Redondo-Vega hat einfach mit sicherem Instinkt Kurs gehalten. Der Chefredakteur des Condé Nast-Titel "GQ" hatte zum Relaunch vor genau einem Jahr angekündigt, dass sein Magazin erwachsener, aktueller und meinungsstärker werden soll. Solche Ankündigungen sind in einer Branche, in der blumige Beschreibungen minimalster Änderungen die Regel sind, noch nicht viel wert. Aber ein Jahr danach zeigt sich: Die Versprechen wurden gehalten und die Änderungen konsequent durchgehalten. Das bedeutet: Die "GQ" hat, immer im Rahmen der Möglichkeiten des Genres betrachtet, deutlich zugelegt. Und das inhaltlich.
Nur weil sich an den Verkaufszahlen kein Effekt der inhaltlichen Veränderungen ablesen lässt, hat sich das Magazin nicht weniger bemerkenswert in die richtige Richtung entwickelt. "Klare Haltung" versprach Redondo-Vega beim Relaunch. Dazu gehört auch, nicht jeden Trend aufzugreifen. Das klingt auch wie PR-Sprech, doch blickt man ein paar Jahre zurück, dann hat die „GQ“ eben auch genau diesen Fehler lange gemacht. Gejagt von immer mehr Konkurrenz-Titeln hatte die "GQ" Jahre des Irrwegs erlebt. In denen jeder Trend so schnell wie möglich vom Cover in die Welt geschrien wurde. Es zählte allein, wer Trendsetter war.
Doch von "Maxim", "Matador" oder "FHM" redet keiner mehr. Der Markt der Männermagazine war offenbar doch nicht so groß, wie gedacht. Sie sind Geschichte, mal mehr, mal weniger. Schärfster Konkurrent ist heute zweifelsohne ein ebenfalls qualitativ hochwertiger "Playboy". Mag Wettbewerb sonst gut sein, so zog er die „GQ“ auf ein Niveau herunter, dass es zur Rettung dringend eines Chefredakteurs bedurfte, der mit Ruhe und Bedacht den Inhalt stärkt. Ja, er benutzte zum Start auch viele blumige Worte. Doch wichtiger ist eben: Er hielt Wort. Doch was macht die "GQ" unter Chefredakteur Redondo-Vega abseits einer neu gewonnenen Gelassenheit lesenswert?
Nun, die üblichen Lifestyle-Themen werden inzwischen durch relevante Interviews ergänzt. Und hier geht es nicht mehr ausschließlich um die Promo für den neuen Kinofilm. Gesprächspartner kommen inzwischen immer öfter auch aus den Bereichen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Stefan Aust, Daniel Bahr, Jogi Löw und Cem Özdemir sind nur ein paar Namen aus den letzten Ausgaben. Zugegeben, die aktuelle September-Ausgabe ist nicht das beste Beispiel für diese Entwicklung. Das mag ein Ausrutscher im Sommerloch sein. Doch diverse Presse-Zitate in diesem Jahr zeigen: Die „GQ“ ist auch journalistisch wieder ein Gewinn.
Damit punktet man leider nur bedingt am Kiosk. Es wäre jedoch wünschenswert, wenn das Magazin auf Kurs bleibt, wo man doch den schmalen Grat gefunden hat, auf dem sich der Titel modernisieren lässt. Denn natürlich dominieren weiterhin die von der Marke „GQ“ erwarteten Lifestyle-Themen mit den für das Genre üblichen Produkt-Platzierungen aus Mode, Kosmetik, Automobil oder Technik. Aber sie werden unterbrochen von Journalismus, wie es ihn in diesem Genre abgesehen vom „Playboy“ lange nicht gab. Angesichts der Zitate scheint es der Branche schon aufzufallen. Hoffentlich bald auch den Lesern. Es wäre dem Team um José Redondo-Vega zu wünschen.
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