Wenn Regensburg in der 2. Bundesliga auf Hertha trifft, dann ist das vermutlich nicht gerade das, was man für gewöhnlich ein Spitzenspiel nennt. Für Christina Graf ist die Begegnung dennoch so etwas wie das Spiel ihres Lebens. Es ist zumindest das erste, das sie live im Fernsehen kommentieren wird - und zugleich eine echte Seltenheit in dieser von Männern dominierten Branche. Im Radio hört man Sabine Töpperwien fast wöchentlich, aber im Fernsehen waren Frauen am Mikrofon bei der Live-Übertragung von Fußballspielen bislang nur ganz selten im Einsatz. Graf will das nun ändern, wohl wissend, dass sie wohl noch so manche Hürde überwinden muss.
Die erste hat sie jedoch bereits mit Bravour gemeistert. Vor wenigen Monaten rief Sky zum Casting auf. Gesucht wurde die erste weibliche Kommentatorin des Senders - eine reizvolle Aufgabe für die 27-Jährige. Dennoch meldete sie sich nicht sofort. "Ich habe lange überlegt und mich erst zwei Tage vor Schluss beworben. Alle, die mich kannten, haben mich darin bestärkt", sagt Graf im Gespräch mit dem Medienmagazin DWDL.de. Auch ihre Eltern, die solchen Dingen früher durchaus kritisich gegenüberstanden. "Meine Eltern haben immer gesagt, ich soll mein Studium zu Ende machen. In dieser Situation standen sie aber von Anfang an hinter mir", erinnert sie sich. "Das war dann auch der ausschlaggebende Punkt für meine Bewerbung."
Was folgte, waren anstrengende Wochen mit einigen Profi-Coachings, ehe Graf am Ende als Siegerin aus dem Wettbewerb hervorging. "Nachdem das Casting zu Ende war, musste ich erst mal etwas runterkommen", gibt Graf rückblickend zu. "Es gab auch eine Phase, in der ich Panik bekommen habe, ob ich das alles hinbekomme. Schlafen konnte ich aber immer relativ gut." Wieso auch nicht? Völliges Neuland sieht nämlich anders aus. Seit einigen Jahren ist sie bereits für Radio Siegen als Reporterin im Einsatz, zuvor sammelte sie unter anderem beim SWR Erfahrungen - und aktuell arbeitet sie für den Nachrichtensender n-tv in Köln. Die Liebe zum Sport ließ sie jedoch seit den frühen Kindertagen nicht mehr los. Bereits mit vier Jahren hat sie zum ersten Mal gekickt.
Graf schaffte es sogar in die Frauen-Bundesliga, musste später jedoch verletzungsbedingt damit aufhören. "Mir war klar, dass ich dem Sport treu bleiben möchte. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits fürs Radio gearbeitet – da ließ sich das dann miteinander verbinden." Von diesem Moment an entwickelte sich alles Schritt für Schritt. "Mir ist es nicht wichtig, nah an einem Spieler oder Trainer dran zu sein, sondern nah an einem Spiel. Und das kann man nirgends besser als bei diesem Job", erzählt Graf und gibt zu, dass sie sich trotz der Erfahrung fürs Fernsehen umstellen muss. "Ich muss den Zuschauern nicht ständig das erzählen, was sie ohnehin schon sehen. Das hatte ich anfangs in meinem Sprachgebrauch drin und musste ich mir erst abgewähnen."
Für 90 Minuten brauche man eine extreme Bandbreite bei der Wortwahl, weiß die gebürtige Sauerländerin. Ab Sonntag wird sie ihr Können nun also auch im Fernsehen unter Beweis stellen können - wenn auch "nur" in der zweiten Liga. Doch das, weiß sie, sei der normale Weg. "Ich hoffe, dass ich ihn weitergehen kann." Zwangsläufig einfacher sei die 2. Liga aber nicht. "Die Aufmerksamkeit mag nicht so extrem sein, andererseits bekommt man es mit Mannschaften zu tun, mit denen man sich sonst weniger beschäftigt. Zu Huntelaar kann einem jeder etwas sagen, aber bei den Spielern von Regensburg sieht das schon anders aus." Knapp eine Woche nach ihrem ersten Einsatz folgt mit der Partie zwischen Duisburg und 1860 München dann allerdings bereits ihr zweiter Einsatz. Und dann? "Bundesliga ist das Höchste", sagt Christina Graf und gibt damit schon mal das Ziel vor.
Dass ihr Stil womöglich nicht jedem gefallen wird, weiß sie selbst nur zu gut. "Allen wird man es nie recht machen können, erst recht nicht als Kommentator. Aber wenn das Fachliche stimmt, dann ist der Rest Geschmackssache." Nur vor einer Sache hat sie wirklich Respekt: "Dass man mir fachlich einen Vorwurf machen könnte", sagt Graf etwas nachdenklich. "Das sehe ich nämlich als eine meine größten Stärken – wenn daran gekratzt würde, wäre das für mich eine Enttäuschung. Aber natürlich kann einem immer ein Fehler passieren." Und so hofft sie, dass ihr die Zuschauer im Falle eines Falles gerade in der Anfangszeit auch mal einen Fehler verzeihen. Doch wer Christina Graf erlebt hat, kann sich einen Totalausfall kaum vorstellen. Nur die Nervosität sollte sie in den Griff bekommen, auch wenn sie diese generell wichtig findet. "Wenn ich die nicht hätte", sagt sie, "würde ich irgendetwas falsch machen." Bis jetzt hat sie jedoch alles richtig gemacht.
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