re:publica 2014 © republica/Gregor Fischer
Mehr Mobilität für die "trianguläre Koexistenz"

Was TV von der Digital-Avantgarde lernen kann

 

Wie die Mediennutzung der Zukunft aussieht und was die Macher jetzt tun sollten, wurde auf der Media Convention Berlin und der re:publica diskutiert. DWDL.de nennt vier Thesen für die TV-Branche, die früher oder später überlebenswichtig werden.

von Torsten Zarges
09.05.2014 - 16:00 Uhr

TV und Webvideo sind keine Gegner!

Bloß weil YouTube-Channels und klassische Fernsehkanäle auf den ersten Blick wie zwei völlig verschiedene Welten wirken, lassen sich die Macher noch lange nicht zu Rivalen stilisieren. "Ich muss mich jetzt mal outen als jemand, der TV nicht verteufelt", bekannte YouTube-Star Florian Mundt alias LeFloid auf der Media Convention. Stattdessen zeichnete der Mann, dem knapp 1,8 Millionen Abonnenten folgen, das Bild einer "triangulären Koexistenz". Damit meinte er ein friedliches Nebeneinander von Video on Demand, Live-TV und Webvideo, das immer stärker dadurch begünstigt werde, dass alle drei Quellen auf dem Smart-TV-Gerät nur einen Knopfdruck voneinander entfernt lägen.

Und auch mit der Mär einer wilden, spontanen, anarchischen YouTuber-Szene räumte LeFloid bei der Gelegenheit auf: "Wir sind ziemlich linear und haben klare Programmierungen. Ich weiß, dass heute um 21 Uhr das neue Video von meinem Lieblingschannel kommt - da bin ich dabei." Gegenseitiges Ergänzen statt Aussterben des TV prophezeite auch Digital-Stratege und -Investor Richard Kastelein. Zwar gelte auf der einen Seite: "Niche is the new norm", jeder könne in der Cloud immer und überall Inhalte für seine Interessen finden. Beide Formen würden sich in Zukunft jedoch noch mehr ergänzen, wobei das "alte" Fernsehen stärker durch die "Crowd" öffentlich kuratiert werde und vor allem auf Live-Inhalte setze.



Das öffentlich-rechtliche System braucht Erneuerung durch mehr Partizipation!

Von EinsPlus-Koordinatorin Yvonne Olberding wollte sich LeFloid dann aber doch nicht anwerben lassen - auch nicht mit dem selbstironischen Argument der SWR-Frau, dass er dadurch seine Reichweite bei den über 60-Jährigen enorm steigern könne. Ob sie junge Sender wie EinsPlus oder ZDFneo anschaue, wurde auf demselben Panel eine 16-jährige Schülerin gefragt, die die Zielgruppe repräsentieren sollte. "Nur wenn ich bei meiner Oma bin", kam prompt die Antwort.

"Es geht nicht weiter wie bisher. Das System muss erneuert, die Transparenz gesteigert werden", forderte in Berlin kein externer Kritiker - sondern Patricia Schlesinger, Kultur- und Doku-Chefin beim NDR. "Was wir brauchen, sind schmalere Strukturen, ein schmalerer, flexiblerer Apparat!" Mehr Partizipation ist dabei aus Sicht verschiedener Experten Teil der Lösung. "Die Beitragszahler müssen stärker eingebunden, der öffentlich-rechtliche Rundfunk in die Mitte der Gesellschaft geholt werden", sagte etwa der AG-DOK-Vorsitzende Thomas Frickel. Beim Stichwort ARD/ZDF-Jugendkanal gibt es für Hermann Rotermund, Leiter des Projekts Grundversorgung 2.0 an der Uni Lüneburg, nur eine Chance: Dieser müsse öffentlich und nicht hinter verschlossenen Türen entwickelt werden.

Die deutsche Branche ist bei weitem nicht mobil genug!

"Wir glauben, dass wir - als Branche - zu langsam sind. Wir werden in die Tasche gesteckt", diagnostizierten die Journalisten Jessica Binsch (dpa), Ole Reißmann (Spiegel Online) und Hakan Tanriverdi (Süddeutsche.de) in ihren Thesen zur Zukunft der Medien. "Wir sehen das an uns selbst. Gleich morgens nach dem Aufstehen krallen wir uns das Smartphone und checken die Nachrichten. Unsere Konkurrenz sind nicht andere Nachrichtenseiten, sondern Apps. Wer gerade Flappy Bird spielt, liest nicht gleichzeitig Nachrichten."

Dabei biete das Smartphone die größte Chance überhaupt, nämlich die Möglichkeit, immer bei den Menschen zu sein. Keine der großen App-Innovationen der vergangenen Jahre komme jedoch aus Deutschland - und schon gar nicht von Medienunternehmen. Als Positivbeispiel für mobilen TV-Konsum wurde auf mehreren Panels Magine genannt, der cloudbasierte TV-Service aus Schweden, der unlängst auch in Deutschland gestartet ist und das gute, alte lineare TV wieder näher an die moderne Nutzungsrealität heranführt.

Es gibt ein Leben nach dem Fernsehen!

Zu den eindrucksvollsten re:publica-Speakern zählte zweiffellos TV-Aussteigerin und "News Deeply"-Gründerin Lara Setrakian. Die armenisch-amerikanische Journalistin war eine erfolgreiche Reporterin und Moderatorin bei ABC News und Bloomberg TV, als sie 2012 den Bürgerkrieg in Syrien zum Anlass nahm, ihre US-TV-Karriere an den Nagel zu hängen und das monothematische Online-Portal "Syria Deeply" zu gründen.

Inzwischen ist daraus das in New York ansässige Unternehmen News Deeply geworden, das mit Journalisten und Technikern neuartige Themenplattformen zu komplexen globalen Herausforderungen entwickelt. "Du verlässt das Fernsehen, um eine Website zu starten?", hätten sie vor zwei Jahren ihre TV-Kollegen und ihre Mutter gleichermaßen verständnislos gefragt, so Setrakian in Berlin. Heute sitzt sie mit ihrer Fachkompetenz wieder häufiger vor der TV-Kamera - als geschätzte Expertin und Erklärerin. Ihre Botschaft: "Wenn du für ein bestimmtes Thema brennst, dann solltest du diesem Weg folgen. Notfalls kriegst du es auch ohne das Fernsehen hin."

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Sie haben einen Text aus dem Archiv des Medienmagazins DWDL.de aufgerufen, das bis ins Jahr 2001 zurückreicht und mehrere Zehntausend Artikel umfasst.



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