probono Magazin © probono
Magazin-Experiment bei YouTube

Die Küppersbusch-Therapie zur Online-Weltrettung

 

Kein Medienmagazin und kein Showcase: Mit dem "probono Magazin" auf YouTube will TV-Produzent Friedrich Küppersbusch nicht weniger, als eine neue Form von anspruchsvollem Online-Journalismus zu erproben. Multi-Channel-Networks bleiben draußen.

von Torsten Zarges
17.11.2014 - 16:30 Uhr

Dass es das "probono Magazin" gibt, ist in der Branche spätestens Ende Oktober auffällig geworden. Ein kurzer Bericht über einen Lufthansa-Schleichwerbeverdacht beim Hessischen Rundfunk wurde von mehreren Medien aufgegriffen, so auch von DWDL.de. Seither haben sich probono-Boss Friedrich Küppersbusch und seine überwiegend jungen Mitarbeiter u.a. am Frauenbild in Videogames, der Angst vor Salafisten oder dem Lokführer-Streik abgearbeitet. Jeden Donnerstag lädt die Kölner Produktionsfirma eine neue Folge des knapp zehnminütigen Magazins in ihren YouTube-Kanal hoch.

"News, die anders aussehen und glücklich machen", lautet das selbst gewählte Bekenntnis. "Team K. will nicht weniger als die Welt retten – und das möglichst unterhaltsam." Während das mit dem Mund voll nehmen also schon gut klappt, ist die Aufmerksamkeit für die meist ebenso subjektiven wie intelligenten Betrachtungen noch überschaubar. Knapp 900 Abonnenten und rund 45.000 Videoabrufe hat probono nach vier Monaten und 19 Folgen eingesammelt. Bei ihren klassischen TV-Produktionen wie "Könnes kämpft" im WDR Fernsehen oder "Das Duell" bei n-tv ist die Mannschaft mehr Publikum gewohnt.



Doch das kratzt den Chef kein bisschen. Im Gegenteil: "Ich habe den Kollegen gesagt: Guckt die ersten neun Monate nicht auf die Klickzahlen!", so Küppersbusch im Gespräch mit DWDL.de. Und Jürgen Ohls, seit Juli Redaktionsleiter bei probono, ergänzt: "Wir wollen uns nicht gleich wieder durch zu viele Zahlen und YouTube Analytics einengen lassen. Sonst kann nichts Neues entstehen." Die beiden denken eher langfristig, lassen Spielraum für Experimente. Wenn's gut läuft, könnte am Ende eine neue Plattform für anspruchsvollen Online-Journalismus stehen. Könnte aber auch schief gehen, so recht lässt sich das noch nicht abschätzen.

Küppersbuschs Motivation für die Online-Offensive ist jedenfalls klar: "Wir erleben nahezu täglich, dass journalistische Qualitätsangebote in den alten Medien wirtschaftlich bedroht sind oder verschwinden. Im Netz ist leider noch nicht im gleichen Maß Qualität nachgekommen, die diese Verluste ausgleichen könnte. Da herrschen eher Schminktipps und Verschwörungsirre aller Art vor." Gestemmt wird das "probono Magazin" mit Bordmitteln. Alle festen und freien Mitarbeiter der Produktionsfirma, die hauptsächlich an Reportagen und Magazinen fürs TV werkeln, sind aufgerufen, ihre persönlichen Aufreger und Anliegen aus Politik und Gesellschaft mehr oder weniger originell vorzubringen.

Jeden Dienstagvormittag ist Online-Konferenz, dann werden die Themen festgelegt. Bis zum finalen Zusammenschnitt der Sendung am Donnerstag hat jeder Zeit, die richtigen Bilder für seinen Beitrag aufzutreiben oder mit der Handykamera selbst zu drehen und seine Moderation aufzuzeichnen. Pro Sendung tauchen vier bis fünf verschiedene Köpfe auf, gelegentlich auch Küppersbusch und Ohls – einen Host gibt es nicht, das wäre den Machern zu nah an den TV-Konventionen. Das Ministudio mit Greenscreen und TriCaster kann jeder der Redakteure bedienen. Es ist eine Art Überbleibsel vom crossmedialen "Tagesschaum", den probono voriges Jahr für den WDR produziert hatte. "18 Jahre lang haben wir gut damit gelebt, niemals in eigene Technik zu investieren", sagt Küppersbusch. "Heute stellt sendefähige Technik kein unternehmerisches Risiko mehr da."

Das Risiko liegt bei erfahrenen Fernsehmachern eher darin, nicht doch früher oder später wieder in jene Konventionen zu verfallen, die man eigentlich abschütteln wollte. Der Einsatz des Teleprompters ist so eine Sache. Ohls, langjähriger RTL II-Chefredakteur und bei probono Spiritus rector der Netz-Bewegung, hat damit kürzlich experimentiert. Schließlich haben die meisten Mitarbeiter noch nie vor, sondern nur hinter der Kamera gestanden und sind entsprechend unsicher. Küppersbusch hat den Prompter sofort wieder verboten. In der Tat passt die Künstlichkeit des vorgelesenen Worts nicht zum bewusst ungeschliffenen Charakter des Magazins.

"Fernsehen ist heute stark davon geprägt, Kosten, Erlöse und Abläufe zu optimieren", so Ohls. "Die eigentliche Idee tritt dabei viel zu oft in den Hintergrund. Wir versuchen, neue Freiräume zu schaffen, um diese Prioritäten wieder umzudrehen." Zusätzlich zur eigenen Truppe will er künftig auch Gäste ausprobieren, die etwas zu sagen haben. Der Kölner Pfarrer Hans Mörtter hat bereits seine monatliche Videokolumne im probono-Channel, in der er über Flüchtlingspolitik oder Waffenlieferungen räsoniert. Auch wenn Medienkritik wie im Fall hr/Lufthansa oder einer Verulkung des "Spiegel"-Titels "Generation Merkel" überdurchschnittliche Aufmerksamkeit innerhalb der eigenen Branche bringt, legt Küppersbusch Wert darauf, dass aus dem "probono Magazin" kein Medienmagazin wird.

Ebenso wenig soll es als Werbemaßnahme in eigener Sache missverstanden werden. "Das 'probono Magazin' ist für uns ein strategisches Zukunftsprojekt – kein Showcase, um Sendern zu zeigen, wie toll wir sind", betont Redaktionsleiter Ohls. "Wenn jemand deswegen anruft, heben wir natürlich ab, aber das ist nicht der Hauptgrund." Immerhin laufen seit kurzem Gespräche mit einem Sender, der möglicherweise Interesse an einer wöchentlichen Videokolumne von probono hat. Da könnte es Synergien mit dem YouTube-Produkt geben.

Da die Investitionen in den Channel vorerst auf kleiner Flamme bleiben, ist Küppersbusch nicht gleich auf sprudelnde Werbeerlöse angewiesen. Dennoch hatte er ernsthaft überlegt, mit einem Multi-Channel-Network zu kooperieren – allein schon, weil sich Reichweite und Aufmerksamkeit dadurch zügiger aufbauen ließen. Der gestandene Produzent war schnell kuriert und schließt die Option nun kategorisch aus: "Wir haben mit mehreren dieser MCNs gesprochen und verhandelt. Aus Sicht eines Produzentenverbands läge die Überlegung nahe, ob deren Konditionen nicht als sittenwidrig einzustufen sind. Ich hätte nicht gedacht, dass es ein noch totaleres Buy-out geben könnte als bei den TV-Sendern." So wird "Team K." in den nächsten Monaten wohl seinen eigenen Weg zur Weltrettung finden müssen.

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