Fiction-Krise? Deutschland fehlt der Sex in Serie

Foto: DWDLEinen vielzitierten Anfang hatte die stellvertretende SAT.1-Geschäftführerin und Fiction-Chefin Alicia Remirez Coronas vor einigen Tagen bereits in der "Süddeutschen Zeitung" geliefert. Darauf angesprochen und verknüpft mit der Frage, was falsch gelaufen sei, gibt sie sich selbstkritisch: "Wir waren nicht innovativ und mutig genug". Sie bezieht sich dabei konkret auf SAT.1, wo nach dem Erfolg von "Edel und Starck" erst einmal reihenweise ähnliche Konzepte entwickelt wurden.

Den Vorwurf des fehlenden Mutes teilt Dr. Bernhard Gleim, Redaktionsleiter Serien beim NDR, nicht. Überhaupt: "Man kann nicht sagen, dass den deutschen Serien die Zuschauer davon laufen", so Gleim, der sich dabei aber vorallem auf die bei der Gesamtzuschauerschaft erfolgreichen ARD-Serien bezieht.

Von einer Krise ist bei Grundy UFA nichts zu spüren: Bis auf den "Marienhof" produziert man jede deutsche Dailysoap und Telenovela, so dass man dort zufrieden den Trend pro Telenovela beobachtet. Von denen, so Dr. Jan-Pelgrom de Haas, werden spätestens 2006 auch noch weitere kommen. Die Sender bräuchten abseits der PrimeTime preiswerte Programme, um in der PrimeTime das Geld für HighEnd-Formate zu haben. Keine Zukunft gebe er derzeitiger Mittelmaß-Ware.

Entscheidend für die Qualität der Serie in Deutschland sei, dass die Produzenten der hochwertigen und international anerkannten TV-Movies sich öfter auch auf TV-Serien einlassen. Die strikte Trennung vergangener Jahre wird aufweichen, da ist sich Reinhold Elschot, Geschäftsführer der Network Movie Filmproduktion, sicher. Die Herausforderung sei aber, dass in Deutschland noch immer jede Serie zwingend funktionieren muss, während im amerikanischen Markt von 150 produzierten Piloten, nur wenige weiter produziert werden und der Markt trotzdem überlebt.

Hansjörg Füting, Geschäftsführer der neuen deutschen Filmgesellschaft, mahnt die Sender zu mehr Geduld und Durchhaltevermögen bei neuen Serien, die derzeit nach einem schwachen Start meist keine Gelegenheit bekommen, sich zu entwickeln. Schlecht sei auch, wenn aus purer Angst vor Flops, nur noch Staffeln von vier Episoden oder gleich nur ein Film als Backdoorpilot gedreht wird.

Der oft angeführte Vergleich mit dem US-Markt wird von allen Beteiligten mit Verweis auf ganz andere Produktionsetats und dem höheren Stellenwert der Serie im US-Fernsehen abgetan. Füting beklagt, dass die immer kürzeren Entwicklungszeiten auch verhindern, dass man in Ruhe bessere Stoffe entwickelt.

DWDL-Bildershows
Bilder der "kabel eins"-Kultnacht
Die besten Zitate von Kofler und Co.
Impressionen vom medienforum.nrw
Panel: Deutscher Medienmarkt
Auftakt: "Media meets Mobile"
Was den deutschen Serien fehlt analysierte Dr. Bernhard Gleim (NDR) zur Erheiterung der Zuschauer scharfsinnig. Vor dem Hintergrund von "Desperate Housewives" oder "Sex and the City" fehle der deutschen Serie vorallem eins: Sex. Gleim redet von "geteiltger Kultur", weil für jugendliche Zuschauer deutsche Serien in der Wahrnehmung nicht existieren. Sie weichen auf genannte US-Formate aus. Es geht gehe eben zu brav zu in deutschen Serien, was seiner Ansicht nach an einer anderern Haltung der Mehrheit der Zuschauer liegt. Deutsche Zuschauer suchen in der Serie Geborgenheit, amerikanische Zuschauer die Aufregung.

Kaum verwunderlich, dass Reinhold Elschot von der Network Movie Filmproduktion daraufhin eine neue Familienserie ankündigt, die moderner sei und sich mehr trauen will und damit ganz anders sei als die braven Serien bisher. Auch SAT.1 arbeite an einer achtteiligen Serie, die von deutschen Autoren entwickelt wurde. Damit reagiert Fiction-Chefin Alicia Remirez Coronas auf die wiederholt geäußerte Frage, ob es in Deutschland zu wenig gute Autoren gebe, wenn man auf Adaptionen aus dem Ausland, wie bei der neuen SAT.1-Serie "Bis in die Spitzen", setzen müsse.

Gleim prognostiziert der klassischen deutschen Mittelstandsfamilie das Aus. Als "Six Feet Under" in Amerika gut startete, wurden ihm auch mehrere deutsche Ideen für eine Serie rund um eine Bestatter-Familie angeboten, die allesamt nur einen Unterschied zu all den bereits bekannten Serien boten: Sie spielten eben in einem Bestattungsunternehmen. Das ist aber zu wenig. Die deutsche Serie brauche Charaktere die Ecken und Kanten bieten und die dazu passenden Storys.