Game of Thrones / The Walking Dead © obs/Sky Deutschland/Fox International Channels/Gene Page/AMC/DWDL
Wie werden US-Serien synchronisiert?

Anderthalb Wochen für die nächste Zombie-Apokalypse

 

Weil US-Serien wie "Game of Thrones" und "The Walking Dead" immer schneller ins deutsche Fernsehen kommen, bleibt weniger Zeit für die Synchronisation. Oft wird bis kurz vor der Ausstrahlung aufgenommen. Was passiert, wenn ein Sprecher krank wird?

von Peer Schader
26.05.2015 - 13:30 Uhr

Nur zwei Wochen mussten die deutschen Fans der HBO-Fantasysaga "Game of Thrones" warten, bis im April die neuen Folgen ihrer Lieblingsserie beim deutschen Bezahlsender Sky Atlantic zu sehen waren. Zum Start der fünften Staffel schalteten 200.000 Zuschauer ein und bescherten dem Sender damit einen neuen Quotenrekord. Anders als noch vor einigen Jahren dauert es in vielen Fällen nicht mehr Monate, bis das Publikum Serien zu sehen kriegt, über die in den USA schon alle reden.

Die Sender haben gemerkt, dass es der Aufmerksamkeit hilft, wenn die Ausstrahlung näher an die US-Premiere rückt. Das gilt auch fürs Free TV: RTL brachte die Hitserie "Blacklist" mit James Spader im vergangenen Jahr nur vier Monate nach dem Start bei NBC ins Programm. Und die Lizenzgeber haben eingesehen, dass ihre Rechte sich so besser verwerten lassen. Sonst bedient sich ein Teil des Publikums im Internet halt selbst.

Es gibt nur ein Problem: die Zeit, Serien ins Deutsche zu übersetzen, wird immer knapper. "Der Druck, möglichst schnell zu arbeiten, ist gewaltig", sagt Rainer Ludwig, Geschäftsführer der FFS Film- & Fernseh-Synchron, die Studios in München und Berlin betreibt und dafür sorgt, dass Tyrion Lannister und Daenerys Targaryen bei "Game of Thrones" auch von deutschen Zuschauern verstanden werden, die des Englischen nicht mächtig sind. "Durch den Einstieg von Netflix und Amazon in den Markt ist die Nachfrage nach Synchronisationen meiner Wahrnehmung nach noch einmal gestiegen. Im Moment kann man da durchaus von einem Boom sprechen." Und das "Accelerated Dubbing", also die Schnellbearbeitung, ist quasi zum Standard geworden.

Anatol Holzach, Geschäftsführer des Münchner Synchron-Dienstleisters Scalamedia, sagt: "Die Arbeitsweise hat sich in den vergangenen Jahren deutlich beschleunigt und auch das Produktionsprinzip verändert." Die Herausforderung dabei sei, trotzdem Qualität abzuliefern. Denn: "Je mehr Druck die Autoren haben, desto weniger Zeit bleibt für inhaltliche Kontrolle."

Synchronisationen sind oft deutlich aufwändiger als sich das viele Zuschauer vorstellen: Originaldialoge werden erst übersetzt, dann von einem Autorenteam so bearbeitet, dass sie lippensynchron passen und dramaturgisch stimmig sind; im Studio spielen die Sprecher, die den Charakteren ihre Stimme leihen, das Seriengeschehen quasi noch einmal nach. "Wir arbeiten mit kreativen Menschen, und es geht darum, Emotionen zum Ausdruck zu bringen", sagt Holzach.

Bernd Kupke, Geschäftsführer der Berliner Synchronfirma EuroSync, die für die deutschen Versionen von "The Walking Dead" und "Criminal Minds" verantwortlich ist, meint: "Ich kann ja den Schauspielern im Studio schlecht sagen, dass sie schneller sprechen sollen – das macht sich sofort in die Qualität bemerkbar." Deswegen müssten alle Vor- und Nacharbeiten minutiös geplant sein. "Dann kann nicht mehr morgen geschnitten werden, sondern es muss jetzt sofort passieren."

"Im allerschlimmsten Falle wird eine kleine Rolle noch einmal komplett neu besetzt"

Die Eile hat einen kuriosen Grund: Obwohl die Staffeln längst abgedreht sind und den amerikanischen Sendern vorliegen, kommt das Material häufig erst nach der US-Ausstrahlung bei den deutschen Synchronstudios als Datenpaket an. Die Produzenten wollen vermeiden, dass vorab Bilder im Netz auftauchen. (Was sich oft trotzdem nicht verhindern lässt, wie der "Game of Thrones"-Leak in den USA kürzlich gezeigt hat.) Bei den Synchronstudios stellt das den ganzen Ablauf auf den Kopf. Früher konnten komplette Staffeln am Stück synchronisiert werden. "Heute nehmen wir oft folgenweise auf", erklärt Holzach von Scalamedia. Das ist teurer, weil Übersetzer, Autoren und Sprecher wöchentlich zur Verfügung stehen müssen. "Und es erhöht das Risiko, dass etwas schief geht."

"Bei 'The Walking Dead" haben wir zum Teil anderthalb Wochen Zeit bevor die Ausstrahlung im deutschen Fernsehen angesetzt ist", erklärt Bernd Kupke von EuroSync. Und was passiert, wenn dann ein Stammsprecher krank ist? "Im allerschlimmsten Falle wird eine kleine Rolle noch einmal komplett neu besetzt – oder wir müssen uns darum bemühen, einen Ersatz zu finden, der möglichst haargenau so klingt. Das passiert glücklicherweise fast nie."

Denn die richtige Besetzung ist ein zentraler Punkt der Arbeit. Bei großen Projekten gibt es Castings, um den Sprecher zu finden, der für eine Rolle am besten geeignet ist – je nach Auftraggeber wollen auch die Sender oder die amerikanischen Studios ein Wörtchen mitreden. Neue Erzählgewohnheiten sorgen für zusätzliche Herausforderungen: Viele horizontal erzählte Serien scheuen sich nicht, regelmäßig Hauptprotagonisten ums Leben kommen zu lassen – dann rücken andere Charaktere in den Vordergrund, die genauso gut stimmenbesetzt sein müssen.

"Die Auswahl an sehr guten Sprechern ist gar nicht so groß, wie man glauben möchte"

Doppelungen sind tabu, sagt Rainer Ludwig von der FFS, die für "Game of Thrones" bislang weit mehr als 100 Rollen zu besetzen hatte. "Das macht es schwer, denn die Auswahl an sehr guten Sprechern ist gar nicht so groß, wie man glauben möchte." Für Episodenrollen könne es vorkommen, dass ein Sprecher genommen werde, der in derselben Serie schon einmal einen anderen Charakter gesprochen habe, erklärt EuroSync-Chef Kupke. Bei Hauptcharakteren sei das ausgeschlossen.

Doch nicht nur die Zeit ist knapper. Weil viele Serien an Tempo zugelegt haben und deutlich mehr Szenen enthalten, wächst auch der Aufwand. Holzach von Scalamedia, das zum Beispiel "The Blacklist" und "Scandal" eingedeutscht hat, sagt: "Bei Stundenprogrammen wurde früher durchschnittlich mit 400 bis 500 Takes gerechnet, da sind wir heute mit 700 bis 800 Takes auf Spielfilmlänge." Damit das überhaupt zu schaffen ist, arbeiten an manchen Büchern inzwischen Teams von bis zu fünf Autoren, die perfekt aufeinander eingespielt sein müssen.

"Das wird sich nicht mehr zurückdrehen lassen, wir müssen uns auf diese neuen Gegebenheiten einstellen", meint Kupke. Denn die Zuschauer wollen ja nicht mehr Monate warten, um zu erfahren, welches Schicksal die Verstoßenen aus Königsmund ereilt und wo die Überlebenden der Zombie-Apokalypse als nächstes Zuflucht finden.

Welche Maßnahmen die Studios einfordern, um wichtige Serienereignisse geheim zu halten, und wie schwierig es ist, Anspielungen und Witze ins Deutsche zu übertragen, steht nächste Woche im zweiten Teil unseres Synchron-Schwerpunkts.

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