El Marginal © Underground Producciones
TV-Festival "Séries Mania" in Paris

Europas Serien-Zukunft: Jetzt wird's hart und politisch

 

Von der Flüchtlingskrise bis zur Umweltbewegung: Neue Serienprojekte suchen die großen gesellschaftlichen Themen – und internationale Koproduzenten, um hohe Budgets zu stemmen. "El Marginal" aus Argentinien gewinnt bei der "Séries Mania".

von Torsten Zarges
26.04.2016 - 08:32 Uhr

Weniger klassischer Krimi, mehr politisch-gesellschaftliche Stoffe, oft mit schonungsloser Härte erzählt. So lässt sich zusammenfassen, was Europas Serienmacher für die kommenden Jahre im Köcher haben und was beim European Co-Production Forum des Pariser TV-Festivals "Séries Mania" gepitcht wurde. Die Projekte, die dort vor rund 400 Produzenten und Sendervertretern auf die Bühne kommen, sind in der Regel schon recht weit entwickelt, brauchen für ihre Finanzierung aber noch weitere internationale Partner.

So etwa "Eden", die sechsteilige Miniserie von "Deutschland 83"-Regisseur Edward Berger, die sich mit den Auswirkungen der Flüchtlingskrise beschäftigen soll. Bislang unter dem Arbeitstitel "The House" geläufig und mit SWR sowie Arte France als Senderpartnern an Bord, fehlt dem ehrgeizigen Projekt noch die Hälfte des angestrebten 8-Millionen-Euro-Budgets, um im Frühjahr 2017 gedreht werden zu können.

 

In einer leer stehenden Ferienwohnung in Griechenland wird ein afrikanischer Junge aus Versehen von einem Wachmann erschossen. Die Situation eskaliert schnell und verändert das Leben einer Reihe von Menschen in Europa: EU-Politikerin Helen macht Karriere bei einer französischen Sicherheitsfirma; die syrische Dissidentin Meryem fremdelt mit ihrer Wahlheimat Österreich; das deutsche Ehepaar Silke und Jochen verstrickt sich in seinen Vorurteilen. Wozu sind wir bereit, wenn wir Angst haben? Das ist die zentrale Frage, um die sich "Eden" drehen soll.

Die deutschen Produktionsfirmen Lupa Film und Port au Prince sowie der französische Koproduzent Atlantique Productions haben für die Serie einen sechsköpfigen Writers' Room aufgebaut, in dem neben Showrunner Berger auch dessen Ehefrau, die Schauspielerin und Autorin Nele Müller-Stöfen, sowie Jano Ben Chabane, Laurent Mercier, Felix Randau und Marianne Wendt sitzen. Das Drehbuch der ersten Folge und Outlines für alle weiteren sind fertig. Dass "Deutschland 83" als internationaler Türöffner funktioniert, ist in Paris deutlich zu spüren. 

Ebenfalls aus Deutschland stammt die Idee zu "Let's Save the World!". Die Constantin-Film-Tochter Moovie und der Programmvertrieb Beta Film haben sich zusammengetan, um das 13-Millionen-Euro-Projekt ins Rollen zu bringen. Erzählt werden soll die Geschichte von Lisa, einer jungen Frau, die sich in den frühen Jahren der Umweltbewegung von der braven Politikertochter zur Öko-Aktivistin entwickelt. Der Achtteiler beginnt in den 80ern und erstreckt sich über zwei Jahrzehnte. "Im September 2013 lud Produzent Oliver Berben mich ein", erzählt Drehbuchautor Thorsten Wettcke. "Seine Idee war es, eine Serie über die globalen ökologischen Auswirkungen der letzten Jahrzehnte zu entwickeln. Was Ende der 70er als relativ kleine Anti-Atomkraft-Bewegung begann, führte zu einem massiven Aufwachen von Millionen Menschen, zu den Aktionen von Greenpeace und zum politischen Aufstieg der Grünen." 

Einen dystopischen Politthriller hat der kanadische Produzent Damon D'Oliveira auf der Suche nach europäischen Partnern mitgebracht. "The Illegal" von Clement Virgo ("The Book of Negroes") basiert auf dem gleichnamigen Roman von Lawrence Hill und erzählt von dem jungen Marathonläufer Keita Ali, der vor dem Unterdrückungsregime des fiktiven Staates Zantoroland fliehen muss. Er findet Zuflucht in einer Untergrundgemeinschaft von Flüchtlingen am Rande des westlichen Freedom State. Um zu überleben und seine Freiheit zurückzugewinnen, muss er an einer Reihe von mörderischen, "Hunger Games"-artigen Marathons teilnehmen. Bei dem Achtteiler, der rund 16 Millionen Euro kosten und 2017 in Kanada, Europa und Südafrika gedreht werden soll, ist als Sender bisher das kanadische Fernsehen CBC an Bord.

Tabula Rasa© Caviar
"Innovative Story und gutes Package": Belgiens Top-Star Veerle Baetens in "Tabula Rasa"
Während sich solche Projektpitches vor versammeltem Fachpublikum andernorts oft ein bisschen wie Fallobst anfühlen, das niemand haben wollte, ist das auf der "Séries Mania"-Bühne anders. Das Pariser Festival in den Kinosälen im dritten Untergeschoss des Shopping-Zentrums "Les Halles" hat sich als führender europäischer Marktplatz für künftige Serien etabliert. Davon zeugt auch die belgische Serie "Tabula Rasa", die dort 2014 gepitcht wurde und gerade ihre Dreharbeiten abgeschlossen hat. Der neunteilige Psychothriller kostet 7 Millionen Euro, wird von Caviar Film ("Clan") produziert und von ZDF Enterprises vertrieben. Laut Produzentin Helen Perquy ist ZDFneo interessiert, möglicherweise als Koproduzent einzusteigen.

In "Tabula Rasa" geht es um Mie, eine junge Frau in psychiatrischer Sicherheitsverwahrung. Sie wurde als letzte Person zusammen mit einem Vermissten gesehen und kann nicht entlassen werden, ehe dieser gefunden ist. Ist Mie nur Zeugin oder Hauptverdächtige? Sie leidet unter akuter Amnesie. Um das Mysterium zu lösen, muss sie ihre verlorenen Erinnerungen rekonstruieren und den Weg zurück aus dem dunklen Labyrinth ihrer jüngsten Vergangenheit finden. Belgiens Top-Star Veerle Baetens ("The Team", "White Queen") spielt nicht nur die Hauptrolle, sondern hat zusammen mit Showrunnerin Malin-Sarah Gozin ("Clan") auch die Bücher geschrieben. "Eine innovative Story und ein gutes Package", so Tasja Abel, Koproduktionsbeauftragte bei ZDF Enterprises.

Bei der Preisverleihung am Sonntagabend wurden die besten neuen Serien unter den Festivalaufführungen ausgezeichnet. Erstmals richtete "Séries Mania" einen internationalen Wettbewerb mit acht Premieren aus, über die eine Fachjury unter Leitung von "Sopranos"-Schöpfer David Chase richtete. Ihren Grand Prix vergab sie an die argentinische Dramaserie "El Marginal" von Sebastian Ortega, in der ein Ex-Cop undercover ins berüchtigte San-Onofre-Gefängnis geht, um dort unter den Häftlingen in einem hochrangigen Entführungsfall zu ermitteln.

Der Spezialpreis der Jury ging an die australische Mysteryserie "The Kettering Incident". Den Publikumspreis gewannen "Beau Séjour" (VRT/Arte) aus Belgien und die schwedisch-französische Koproduktion "Midnight Sun" (SVT/Canal+). Die 2015 gegründete Vereinigung der französischen Serienkritiker kürte "Mr. Robot" zur besten US-Serie. Der Preis der Blogger-Jury in der Festivalsektion "Panorama" ging an den ARD-Dreiteiler "Mitten in Deutschland: NSU", den Beta Film international unter dem Titel "NSU German History X" vertreibt.

Teilen

Kommentarbereich anzeigen

Sie haben einen Text aus dem Archiv des Medienmagazins DWDL.de aufgerufen, das bis ins Jahr 2001 zurückreicht und mehrere Zehntausend Artikel umfasst.



Suchtipps

  • Geben Sie mehrere Suchwörter an, um Ihre Suche einzuschränken. Es werden nur Artikel ausgegeben, in denen alle angegebenen Worte vorkommen.
  • Starten Sie ihre Suche mit einem Anführungszeichen ("), werden nur Artikel ausgegeben, in denen die Worte in genau dieser Reihenfolge vorkommen.
Mit den Newslettern der DWDL.de-Redaktion sind Sie werktäglich bestens informiert. Für die Rundum-Versorgung abonnieren Sie einfach alle Angebote oder wählen den für Sie passenden Newsletter...
Name:
E-Mail:
Frage: 5 + 9 =

Ich möchte die folgenden Newsletter erhalten:
Sie können sich jederzeit wieder abmelden. Beachten Sie unsere Datenschutzerklärung.