25 Jahre Vox © Vox
Morgen feiert Vox seinen 25. Geburtstag

Mission Westschienenkanal: Kampf um die Gehirnzellen

 

Als am 25. Januar 1993 der Info-Sender Vox startete, waren mehrere Banken und die Kölner Stadtwerke unter den treibenden Kräften. Erst nach Krise, Liquidation und Neustart kam der Erfolg. DWDL.de-Chefreporter Torsten Zarges gratuliert dem Geburtstagskind.

von Torsten Zarges
24.01.2018 - 16:45 Uhr

Liebes Vox,

Du hast Dich verdammt gut gehalten – und das nach einem Vierteljahrhundert! In einem gesättigt-rückläufigen Markt bist Du noch immer auf Wachstum programmiert. Bis heute sagen etliche Zuschauer in Umfragen, irgendwie seist Du das öffentlich-rechtlichste unter den kommerziellen TV-Programmen. Obwohl Du einst Daniela Katzenberger auf die Menschheit losgelassen hast. Mag sein, dass das auf Deinen Gründungsmythos als Informationssender zurückgeht. Freilich hast Du mit dem Vox von vor 25 Jahren kaum noch etwas gemein.

Wenn ich an Vox denke, kommen mir sofort drei Bilder in den Kopf: Dieter (so hieß er damals noch) Moor, der vor einer Testbild-Kulisse steht und eine Art verfilmtes DWDL moderiert. Senderchefin Anke Schäferkordt, die im roten Kleid auf der Telemesse mit Vermarktungschef Walter Neuhauser „Somethin‘ Stupid“ schmachtet. Und fünf Jugendliche, die am Krankenhausbett den guten Geist Hugo mit „Heroes“ zurück ins Leben singen. Aber alles der Reihe nach.

Gegen das Scheitern und die Krisen Deiner Anfangsjahre wirken selbst die schlimmsten „Goodbye Deutschland“-Auswanderer-Schicksale harmlos. Die Ambitionen waren hoch, die Konstellation der Gründer nicht ganz unkompliziert, als Du unter dem Arbeitstitel „Westschienenkanal“ geplant wurdest. Größter Gesellschafter war eine Beteiligungsfirma von WestLB, Stadt- und Kreissparkasse Köln sowie den Kölner Stadtwerken. Hinzu kamen Bertelsmann, der Süddeutsche Verlag, der Holtzbrinck-Verlag und die dctp. Ausführliche Nachrichten, anspruchsvolle Magazine und Talks bildeten das Ursprungskonzept. Bei den Öffentlich-Rechtlichen wurden Köpfe wie Ruprecht Eser als Programmdirektor oder Wibke Bruhns als Anchorwoman abgeworben.

Wibke Bruhns, Weltvox 1993
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„Täglich sterben tausende Gehirnzellen. Retten Sie den Rest“, töntest Du in einer unbescheidenen Werbekampagne. Auf dem Bildschirm erlebten wir, dass das Format Magazin tatsächlich noch innovativ sein konnte. „Canale Grande“ unterstellte, dass sich das TV-Publikum zur Primetime dafür interessierte, wie die Medien hinter den Kulissen funktionieren. „Liebe Sünde“ widmete sich der menschlichen Sexualität, ohne jemals vulgär oder spekulativ zu sein. Leider waren wir zu wenige Zuschauer, um einen Privatsender am Leben zu halten. Nach nicht mal einem halben Jahr war klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Die Kosten liefen aus dem Ruder, der Marktanteil kam nicht weit über die Nulllinie hinaus.

Rupert Murdoch als Retter in der Not

Also wurden viele Eigenproduktionen durch US-Uraltserien ersetzt. Es nutzte alles nichts. Im Frühjahr 1994 waren nahezu alle Geldgeber mit Ausnahme von Bertelsmann abgesprungen. Du standest zur Liquidation, wir bekamen nur noch ein Notprogramm zu sehen. Um ein Haar wäre aus Dir RTL3 geworden, als die damals noch nicht zu Bertelsmann gehörende RTL-Mutter CLT einsteigen wollte. Doch es kam anders. Rupert Murdoch erschien als Retter in der Not, übernahm die Mehrheit und brachte frische Serienware wie „Ally McBeal“ mit. Auch der französische Pay-TV-Konzern Canal+ hielt fünf Jahre lang ein Viertel Deiner Anteile. Es starteten jede Menge Reise-, Natur- und Tier-Dokus, die Dein Image über lange Zeit prägen sollten.

Anke Schäferkordt 2002
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Um die Jahrtausendwende hatte die heutige RTL Group so viel Gefallen an Dir gefunden, dass sie alle Unternehmensanteile aufkaufte. Die RTL-Tochter IP Deutschland übernahm die Vermarktung, Du wurdest zu einem Darling der Werbewirtschaft. Und neben Dir wurde das auch die Frau, die bereits zu Murdoch-Zeiten in Personalunion Deine kaufmännische Leiterin und Programmchefin war: Anke Schäferkordt. Als Vox-Geschäftsführerin wurde sie zum heimlichen Star der Telemesse, weil sie nicht nur stetig steigende Marktanteile vorzuweisen hatte, sondern auch ihr Outfit stets auf das Rot Deiner berühmten Kugel abstimmte und auf der Bühne vor den versammelten Mediaplanern sympathisch unbeholfene Duette mit dem IP-Boss sang.

Todkranke Jugendliche als Popkultur-Helden

In der Logik des Privatfernsehens gehörst Du zur sogenannten zweiten Sendergeneration, zusammen mit RTL II und kabel eins. Die hast Du nachhaltig abgehängt – qualitativ wie quantitativ. Selbst Sat.1 und ProSieben bist Du tendenziell immer gefährlicher geworden. Unter Frank Hoffmann, inzwischen Chef Deines großen Bruders RTL, wurden Spielfilme und US-Serien ein bisschen unwichtiger, der Siegeszug der Eigenproduktionen begann.

Seit Bernd Reichart vor fünf Jahren das Vox-Zepter übernommen hat, gilt das umso mehr. „Sing meinen Song“ bewies, dass Musik im Fernsehen auch ohne Casting-Dramen klappen kann; „Die Höhle der Löwen“, dass Start-up-Ideen als Entertainment-Inhalt taugen; „Club der roten Bänder“, dass todkranke Jugendliche Popkultur-Helden werden können.

Goodbye Deutschland!
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Daraus folgt dann auch die wohl wichtigste Erkenntnis aus 25 Jahren Vox: Es lohnt sich am Ende immer, neue Wege zu gehen und Dinge auszuprobieren, die nicht jeder wagen würde – selbst wenn dieser Weg zwangsläufig Misserfolge und Niederlagen beinhaltet. Wir sind unter diesen Umständen sogar bereit, dem Geburtstagskind großzügig zu verzeihen, dass „Goodbye Deutschland! Die Auswanderer“ stolze 550 Mal in der Primetime lief und „Law & Order: Special Victims Unit“ sage und schreibe 876 Mal. Ist ja nicht so, als ob sich nicht immer wieder genügend Zuschauer gefunden hätten.

Also: herzliche Glückwünsche und auf die nächsten 25!

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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