ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber © NDR/Marcus Krüger
Wen schickt Deutschland zum ESC?

Schreiber: "Sind noch nie so analytisch rangegangen"

 

In wenigen Tagen entscheidet sich beim ESC-Vorentscheid, wer Deutschland in Lissabon vertritt. Im Gespräch mit DWDL.de sagt ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber, wieso man keinen Song fürs Radio gesucht hat und weshalb der Vorentscheid optisch kleiner ausfällt als zuletzt.

von Timo Niemeier
20.02.2018 - 11:30 Uhr

Einen "radikalen Neuanfang" - nicht weniger hatte ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber nach dem mal wieder verkorksten Eurovision Song Contest (ESC) im vergangenen Jahr ausgerufen. Dieser Neuanfang wurde schon deutlich, als der für den ESC zuständige NDR das Konzept für den diesjährigen Vorentscheid vorstellte. Dieses Mal entscheidet nämlich nicht mehr alleine das TV-Publikum, sondern zu jeweils einem Drittel auch eine internationale Profi-Jury sowie ein 100-köpfiges ESC-Panel, bestückt vornehmlich mit waschechten ESC-Fans.

Schon die Auswahl dieser zwei neuen Jurys war aufwendig. Der 20-köpfigen Profi-Jury gehören Musiker und Künstler aus allen Teilen Europas an. Kriterium: Sie müssen für ihr jeweiliges Heimatland schon einmal in der ESC-Jury gesessen und Punkte vergeben haben. Seit 2009 setzt sich das ESC-Ergebnis bekanntlich jeweils zu 50 Prozent aus dem Zuschauer-Voting und zu 50 Prozent aus dem Urteil der Experten in den jeweiligen Ländern zusammen. Die Juroren waren bereits bei der Auswahl der sechs Künstler beteiligt, die nun beim Vorentscheid antreten werden. Außerdem haben sie diese bei der Songauswahl beraten. Das Auswahlverfahren für das 100-köpfige ESC-Panel war ebenfalls anspruchsvoll. Man habe online 100.000 Menschen angesprochen, sagt ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber im Gespräch mit DWDL.de. Davon seien dann 15.000 in den ersten Fragebogen eingestiegen.

Abgefragt wurde vor allem der Musikgeschmack der Menschen, der möglichst perfekt abbilden soll, was diejenigen, die beim ESC für ihre Lieblinge anrufen, gerne hören. Dieses Jahr will man bei der ARD nichts unversucht lassen, um bei Europas größtem Musikwettbewerb endlich wieder was zu reißen. "Das Hauptkriterium war, dass die Mitglieder dieser Gruppe Musik möglichst ähnlich wahrnehmen und beurteilen wie die Fernsehzuschauer aus mehr als 40 Ländern beim ESC", sagt Thomas Schreiber. Man wolle die erreichen, die am 12. Mai in Lissabon zusehen und anrufen. "Wir haben bei jedem Song nicht zuerst die deutschen Radiosender im Blick gehabt - sorry liebe Kollegen, ist nicht unfreundlich gemeint - sondern die Bühne in Lissabon", sagt Schreiber.

"Nicht zu analysieren und zu verlieren ist auch nicht sonderlich sympathisch."

Thomas Schreiber, ARD-Unterhaltungskoordinator

Die Unternehmensberater von Simon-Kucher & Partners haben für den Vorentscheid die zahlreichen Fragebögen und mathematische Analysen entworfen, mit deren Hilfe Jury, Kandidaten und Songs ausgewählt wurden. "Wenn Sie so wollen, sind wir noch nie so analytisch an unseren Vorentscheid rangegangen", sagt Schreiber. Dass das einige Beobachter oder ESC-Fans als etwas zu gewollt betrachten und als zu verbissen und wenig sympathisch kritisieren, weil das auf den größtmöglichen Erfolg ausgelegt ist, kann er nicht verstehen. "Mich hat eine solche Kritik noch nicht erreicht. Aber nicht zu analysieren und zu verlieren ist auch nicht sonderlich sympathisch." Die am Donnerstag beim Vorentscheid auftretenden Künstler hätten mit ihren Songs aber sowohl bei den Jurys als auch beim Publikum gepunktet, so Schreiber.

Auch die Kritik, dass die ARD den deutschen Zuschauern nicht mehr traue und deshalb zwei Jurys maßgeblich über das Ergebnis beim Vorentscheid urteilen, kann Schreiber nicht nachvollziehen. DWDL.de titelte bei der Vorstellung des neuen Konzepts: "Die ARD traut den Deutschen nicht mehr". Schreiber sagt nun: "Ihre Überschrift war aus meiner Sicht Quatsch, weil sie verkannte, dass unsere 100-köpfige Eurovisions-Jury aus Deutschland kommt. Im Prinzip ist es genau andersherum: Die meisten Mitglieder unseres Panels sind waschechte, mit dem besonderen ESC-Gen ausgestattete Fans. Wir geben diesen Fans, die den ESC seit vielen Jahren feiern und bei ihm mitfiebern, in diesem Jahr eine Premium-Stimme, damit es auch der Beitrag aller Fans ist." Bei einem Gleichstand entscheidet die Wahl der TV-Zuschauer, verspricht Schreiber, der gleichzeitig betont, dass es auch in Schweden oder der Schweiz nationale Jurys beim Vorentscheid gebe.

Weil der diesjährige ESC-Vorentscheid also deutlich aufwändiger ist als in den vergangenen Jahren, mussten Budgets umgeschichtet werden, sagt Schreiber. "Wir senden beispielsweise aus einem kleineren Studio. Das im vergangenen Jahr fasste 1.200 Zuschauer, in diesem Jahr finden knapp 700 Platz. Auch die Auftragssumme für unsere Produktionspartner ist kleiner als im Vorjahr." Insgesamt sei der Vorentscheid aber immer eine aufwendige Show gewesen. "Unser Engagement dort ist aber nur die eine Seite der Medaille, die andere ist der internationale ESC, für den wir eine sehr überschaubare Teilnehmergebühr zahlen."

Bleibt wohl aus ARD-Sicht nur zu hoffen, dass man sich beim zuständigen NDR in Sachen Analyse und Organisation von Jurys, Panels und Abstimmungen nicht total verrennt. Das Gute an der derzeitigen Situation: Schlechter als in den vergangenen Jahren kann Deutschland ohnehin nicht mehr Abschneiden. Aber was ist nun das Ziel für den 12. Mai in Lissabon? "Wir streben eine Top-Ten-Platzierung an", sagt Thomas Schreiber.

Der ESC-Vorentscheid ist am kommenden Donnerstag (22. Februar) um 20:15 Uhr im Ersten zu sehen.

Über den Autor

Timo Niemeier schreibt mit kleiner Unterbrechung seit 2014 für DWDL.de, er lebt in Wien und ist damit der Alpen-Beauftragte. Mag seichte Unterhaltung ebenso wie anspruchsvolle High-End-Serien, kann sich aber auch in Geschäftsberichten verlieren.

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