Marcus Meyer / Snackable Books © Snackable Books
E-Book statt Fernsehen

Zweite Chance für Serien: Kommt jetzt das Binge-Reading?

 

Zwei Männer möchten abgelehnten Serien-Drehbüchern eine Bühne zu bereiten. Dafür wandeln sie die Geschichten in ihrem Verlag in Prosa um und bringen sie schließlich als E-Book auf den Markt. Den Autoren soll dadurch zu mehr Sichtbarkeit verholfen werden.

von Alexander Krei
27.09.2018 - 10:24 Uhr

Wer Fernsehsendern eine Serien-Ideen präsentiert, weiß nur allzu gut, wie gemächlich die Mühlen des TV-Betriebs mahlen – und selbst manch vermeintlich starker Stoff schafft es nach Pitch, Redaktionskonferenzen und ausgiebiger Marktforschung letztlich doch nicht auf den Schirm. Marcus Meyer bedauert das. Zusammen mit seinem Kollegen Marco Klingspohn hat er sich daher vorgenommen, etwas zu verändern. Wenn die Bücher schon abgelehnt werden, sollen sie wenigstens an anderer Stelle präsent sein. Aus diesem Grund setzen die beiden in diesen Tagen einen eigenen Verlag auf, der Drehbuchautoren die Möglichkeit geben soll, die von ihnen entwickelten Stoffe doch noch verbreitet zu bekommen – nicht im Fernsehen, aber zumindest als E-Book. 

"Dutzende Konzepte bleiben auf der Strecke, weil sie dem Senderedakteur nicht gefallen. Ungeachtet dessen sind Drehbuchautoren wahre Könner, wenn es darum geht, Geschichten zu erzählen – und genau diesen Geschichten möchten wir eine Heimat geben", erzählt Meyer im Gespräch mit dem Medienmagazin DWDL.de. Snackable Books haben er und Klingspohn ihr Unternehmen mit Sitz in Berlin genannt. Snackable deshalb, weil die Geschichten auf 80 bis 120 Seiten erzählt werden sollen. "Das ist eine Länge, bei der wir den Lesern das Versprechen mitgeben, die Geschichten an einem Abend lesen zu können."

Marco Klingspohn© Snackable Books
Dabei geht es den beiden nicht um Einzelgeschichten. "Wir möchten ganz bewusst Serien und Reihen anbieten, in denen wir die Protagonisten in verschiedenen Plots erleben können", erklärt Marcus Meyer und träumt analog zum in Mode gekommenen Binge Watching von einer Art "Binge Reading". Kennengelernt haben sich die Gründer bereits vor mehr als 15 Jahren in der Redaktion von ProSieben, später trennten sich die beruflichen Wege. Bis ihnen die Idee zu Snackable Books kam. Während Meyer in der Vermarktung von Sport1 tätig war und nun an der Digital- und Marketingstrategie des neuen Verlags arbeitet, will Klingspohn (Foto) seine Erfahrungen als Drehbuchautor, Headwriter und Serienentwickler einbringen. 

"Wir wollen den Autoren neben dem Haupterwerbsgeschäft für TV-Serien und Reihen eine zusätzliche Möglichkeit der Verbreitung geben", erklärt Marcus Meyer den Beweggrund. "Und wir wollen den Autoren damit auch eine Sichtbarkeit geben, die oft zu kurz kommt." Auch die jüngste Debatte um den in der Branche viel diskutierten "Kontrakt 18" wertet Meyer als Beleg. "Wir sehen doch in den momentanen Diskussionen, dass Drehbuchautoren in der Industrie häufig nicht die Aufmerksamkeit und Beachtung finden, die sie verdienen. Da muss ein Umdenken stattfinden und wir wollen einen Beitrag dazu leisten."

Funktionieren soll das wie folgt: Die Drehbuchautoren reichen zunächst einen One-Pager ein. Ist das Thema für eine mehrteilige Reihe geeignet, wird das Drehbuch in Prosa umgeschrieben. "Wir wollen Drehbuchautoren in einem Pool vereinen, in dem sie die Möglichkeit haben, sich bei der Produktion von Snackables gegenseitig zu unterstützen", erklärt Marcus Meyer gegenüber DWDL.de. Vertrieben wird das Werk schließlich auf der eigenen Website und zusätzlich in mehr als 100 E-Book-Stores. Das Marketing möchte Snackable Books ebenfalls übernehmen.

Locken wollen Marcus Meyer und Marco Klingspohn die Drehbuchautoren aber auch, indem sie ihnen die Hälfte am Nettoerlös versprechen – weit mehr als die "alte Verlagswelt" bietet, wie Meyer sagt. "Weil wir in der digitalen Verwertung viele Kostenpunkte nicht mehr benötigen, können wir den Urhebern ein sehr gutes Angebot machen." Bereits Anfang November soll Snackable Books an den Start gehen und dann zunächst sechs Serien umfassen. Noch ist das Angebot also überschaubar und ob es tragfähig ist, steht noch in den Sternen. Erfahrungswerte gibt es jedenfalls nicht, weil weltweit kein vergleichbares Projekt existiert. Es wird sich also erst noch zeigen müssen, ob die Buch-Snacks den Serien-Fans munden. Und wer weiß – vielleicht schafft es mancher Serien-Stoff über diesen Umweg am Ende doch noch ins Fernsehen.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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