Stefan Raab live © DWDL.de
"Ich muss immer Quatsch machen"

Raabs musikalische Retro-Revue: Kleinkunst ganz groß

 

Am Donnerstagabend feierte Stefan Raab in der Kölner Lanxess-Arena sein Bühnen-Comeback. Niemand wusste vorher, was man von "Stefan Raab live" erwarten sollte. Dieses Rätsel ist jetzt gelüftet - und die Sehnsucht nach Raab wieder gewachsen.

von Thomas Lückerath , Köln
19.10.2018 - 01:07 Uhr

Mit Zuschauerzahlen auf „X Factor”-Niveau ist Stefan Raab am Donnerstagabend im Bezahlnahsehen angekommen - und das zu einem Umsatz pro Kunde, von dem man bei Sky Deutschland nur träumen kann: Die Lanxess-Arena in Köln war voll mit Fans, die bis zu 91 Euro für die Karte zahlten, um „Stefan Raab live” zu sehen. Seine Live-Show war vor einem Jahr binnen kürzester Zeit ausverkauft, weitere Termine wurden angesetzt. Um was es bei seinem Bühnen-Comeback - wenn man von einem Auftritt bei der Münchener Gründer-Konferenz Bits&Pretzels vor einem Jahr absieht - gehen würde?

Nun, es begann mit der bekannten „TV Total”-Stimme aus dem Off, einer Anmoderation von Elton und „Wadde Hadde Dudde Da” - gesungen von Stefan Raab, begleitet von seinen Heavytones. Da war er wieder, die Lanxess Arena tobte unmittelbar. Von jetzt auf gleich wirkte es, als habe er nie pausiert. Wer jemals in einer von Raabs Shows war, kannte die folgenden Running Gags zur Begrüßung („Sie sind nicht nur das beste, sondern auch das schönste Publikum, das wir je hatten.“). Er ist gekommen um zu plaudern. „Wir haben ja Zeit”, sagte er noch mehrfach.

So viel Zeit sogar, dass er nach einer halben Stunde noch einmal von vorne begann - diesmal aber in „TV Total”-Manier inklusive Theme-Song und einer Ansagerin aus dem Publikum, die zusammen mit Raab zunächst einmal die Stimme lockern sollte. „Banane, Banane, Banane”. Das würden die Profis alle machen, versicherte der Gastgeber. Nach diesem zweiten Opening wurde „Stefan Raab live” zu einer Revue von Musik, Albernheiten, Erinnerungen und Neuinterpretationen. Eins vorweg: Dieser Abend war keine Fernsehshow auf der Bühne mit neuen Impulsen, viel eher ein Konzert unter Freunden für langjährige Fans. Die "Peter Alexander Show" für Millennials.

Musik stand im Mittelpunkt mit viel Handwerk und wenigen, aber knallenden Effekten. Seine Freunde und Kollegen, sie kamen zahlreich. Caroline Kebekus, Stefanie Heinzmann, Sido (der im Publikum saß, weil morgen „X Factor”-Finale in Köln ist), Max Mutzke, Luke Mockridge („Das ist besser als ProSieben in den letzten drei Jahren”), Teddy Teclebrhan und kurz vor Ende noch die Toten Hosen. Beim Musizieren mit ihnen blühte Raab am Donnerstagabend auf wie eh und je. Dazwischen war der Gastgeber immer wieder in Plauderlaune, setzte zu kurzen musikalischen Gags mit den Heavytones an - oder interagierte mit dem Publikum in der Lanxess-Arena. Nichts, was am Donnerstagabend auf der Bühne passierte, war dabei ein Superlativ.

„Stefan Raab live” - das war eigentlich Kleinkunst, nur eben ganz groß und mit einem der wenigen Entertainer unserer Zeit, die Comedy und Musik im Blut haben. Wenn dieser Abend eine Lehre fürs Fernsehen sein kann, dann die: Live ist live - und immer besser. Im durchformatierten, sicherheitshalber voraufgezeichneten Unterhaltungsfernsehen von heute, sind wir längst an eine so derart unnatürlich hohe Taktung von Reizen gewöhnt, die uns nur darüber hinwegtäuschen soll, dass dabei nichts mehr dem Zufall überlassen wird. Auf der Bühne der Lanxess-Arena war alles etwas gemütlicher, dafür aber überraschender.

Eine Pause gab es nicht, auch wenn Raab zweimal danach fragte. Dafür immer wieder pure Spielfreude, in einem intimen Rahmen - so verrückt es sich bei der großen Arena anhört. Mal an (permanent wechselnden) Instrumenten, dann eine „Wir kiffen“-Neuauflage über die Nationalmannschaft oder in „Stefan Raab - das Musical” am Mikrofon mit Luke Mockridge, Teddy Teclebrhan und dem legendären „TV Total”-Einspieler „Alle drei zusammen” aus 9Live-Zeiten. Raab jagte drei Stunden durch Reverenzen an vergangene Zeiten und gute Erinnerungen („Maschendrahtzaun”-Song). An Nostalgie mangelte es nicht, am Merchandising schon. Er hätte aber schon eine Idee, so Raab. "Wurst mit meinem Gesicht drauf."

Dominierte auch seine Liebe zur Musik, gab es trotzdem genug Unsinn. Vorab verteilte Taschentücher sollte das Publikum sich in die Ohren stecken - nur für ein Foto der Lanxess-Arena. „Ich stelle das dann auf meinen Instagram-Account”, so Raab. „Moment, ich höre gerade, ich habe gar keinen Instagram-Account.” Das sollte sich am Ende der Show ändern. Kurz vor dem Finale saß Raab dann am Klavier. Ihn habe schon immer geärgert, dass er nur Quatsch-Songs gemacht habe, aber nie etwas romantisches. Bei gemächlicher Klaviermusik ging völlig unerwartet einmal mehr ohne Vorwarnung die Pyrotechnik los. Raab beömmelte sich. „Einmal erschrecken kostet 72 Euro”, war schon den ganzen Abend zuvor ein Running Gag.

So wie er zuvor schon viele andere Songs anfasste, stimmte er dann - wieder ganz ernst am Klavier - Udo Jürgens „Aber bitte mit Sahne” an. Es sollte gediegener werden. „Und blasen zum Sturm auf das Kuchenbuffet… Auf Schwarzwälder Kirsch und auf Sahne-Baiser…Auf Früchteeis, Ananas, Kirsch und…“, sang Raab, haute plötzlich auf ein XXL-Nippelboard und man sieht die Zuschauerin vom Anfang des Abend brüllen: „Banane!” Über den überraschenden Gag muss Raab selbst lachen. So sehr, dass er sich dafür entschuldigt: „Ich muss immer Quatsch machen”. Dieser Satz ist sinnbildlich für sein Bühnen-Comeback. Er ist Motivation und Beschreibung zu gleich.

Wenig später, bei der großen Verabschiedung - mit „Ich liebe deutsche Land“ und noch einmal allen Teilnehmern des Abends auf der Bühne - hatte Stefan Raab bei minutenlangen Standing Ovations der ausverkauften Lanxess Arena feuchte Augen. Sie waren in Großaufnahme zu sehen.

Das war’s noch nicht für ihn.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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