SOKO Hamburg / SOKO Potsdam © ZDF/M.Sawhney/G.Muehle
Die Verjüngung der ZDF-"SOKOs"

Zwischen Markenkern und Erneuerung: Wie frisch darf's sein?

 

Die "SOKOs" aus Hamburg und Potsdam kommen deutlich jünger daher als ihre Format-Mutter "SOKO München", die bald zu Ende geht. Dahinter steckt der Wunsch des ZDF nach einer verjüngten Zuschauerstruktur am Vorabend. Was das für die Produzenten bedeutet...

von Torsten Zarges
23.09.2019 - 13:07 Uhr

Wenn die beiden jüngsten "SOKO"-Ableger am Montag und Dienstag in ihre jeweils zweite Staffel starten, dann sind sie auch ganz offiziell mehr als nur ein neuer Farbtupfer innerhalb der vier Jahrzehnte alten Krimi-Traditionsmarke. Ende August hatte das ZDF überraschend entschieden, die Mutter aller "SOKOs", die 1978 angelaufene "SOKO München", einzustellen (DWDL.de berichtete). Von 2021 an sollen sich "SOKO Hamburg" und "SOKO Potsdam" den Sendeplatz am Montag um 18 Uhr dauerhaft teilen.

Die jüngeren Vorabend-Ermittler von Elbe und Havel bringen einen spürbar frischeren Ton in die gesetzte Welt der TV-Sonderkommissionen, auch wenn die Innovation nicht so weit geht, dass das ZDF-Stammpublikum verschreckt sein müsste. Ansonsten hätten wohl die Quoten der ersten Staffeln nicht auf Anhieb gestimmt. "Neben einer spannenden Krimihandlung tauchen die Formate mehr in das Privatleben der Ermittler ein, ohne dabei den Markenkern der 'SOKO' zu verwässern", sagt Frank Zervos, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie I, im Gespräch mit dem Medienmagazin DWDL.de.

Aus Sicht des Programmverantwortlichen gibt es klare Profile, bei der "SOKO Potsdam" etwa die beiden jungen Kommissarinnen, die seit ihrer Jugend beste Freundinnen sind. "Hieraus lassen sich viele private Verwicklungen erzählen und auf zwei Protagonistinnen verdichten", so Zervos. Das Team der "SOKO Hamburg" wiederum reflektiere die "Unterschiedlichkeit und die Vielseitigkeit der Weltstadt Hamburg", gepaart mit einem "hohen Production-Value entlang der Drehorte an der Elbe in Hamburg, in Schleswig-Holstein und in Niedersachsen". Während in Potsdam personelle Kontinuität zur ersten Staffel herrscht, sind in Hamburg mit Pegah Ferydoni, Paula Schramm und Garry Fischmann drei von fünf Ermittlern neu dabei. "Mirko Lang wollte sich wieder verstärkt auf Einzelprojekte konzentrieren und stand deshalb für die zweite Staffel nicht mehr zur Verfügung", erklärt Produzentin Jutta Lieck-Klenke gegenüber DWDL.de. "Der weitere Cast wurde an die veränderte Konstellation mit einer neu besetzten Chefin an der Spitze dann ebenfalls angepasst und verjüngt."

Die Frage, wie beherzt die Macher einen Klassiker der Marke "SOKO" erneuern dürfen und wo die Grenzen der Verjüngung liegen, ist durchaus von strategischer Bedeutung. Immerhin dienen die 18-Uhr-Krimis dem ZDF höchst erfolgreich als Anker für die Werbevermarktung im Vorabendprogramm. Da ist es kein ganz kleiner Schritt, wenn die neueren "SOKOs" mitdenkende Zuschauer als Zielgruppe unterstellen, denen nicht mehr jeder Handlungssprung vorgekaut werden muss und die mitunter auch schnellere Schnitte vertragen.

Gerda Müller, Lasse Scharpen© Bantry Bay
Die zuständigen Produzenten – für Hamburg die ZDF-Enterprises-Tochter Network Movie, für Potsdam die Beta-Film-Beteiligung Bantry Bay – bescheinigen dem Sender auf Nachfrage jedenfalls entsprechenden Rückenwind. "Das ZDF hat uns von Anfang an ermutigt und unterstützt, inhaltlich wie ästhetisch für diesen Sendeplatz neue Wege zu gehen", so Bantry-Bay-Geschäftsführerin Gerda Müller und Produzent Lasse Scharpen (Foto). "Wir fühlen uns von der Redaktion nicht nur ermuntert, innovativ zu sein – wir spüren einen positiven Druck, immer wieder neu zu denken." Auch Network-Movie-Geschäftsführerin Lieck-Klenke gibt zu Protokoll, ihre Firma habe große Unterstützung erfahren, als es darum ging, mit jungen Regisseuren, Kameraleuten und Autoren zusammenzuarbeiten.

Jutta Lieck-Klenke© Network Movie
"Der Wunsch der Redaktion war explizit, die Ermittler mehr in den Vordergrund zu rücken, sie näher kennenzulernen und eine dynamische Erzählweise umzusetzen", so Lieck-Klenke (Foto). "Dadurch entsteht eine jüngere Sicht auf Ermittler und ihre Arbeit. Das entsprach auch unserer Vorstellung von einer innovativen 'SOKO', die eine lange Zukunft haben wird." Auffällig ist ebenfalls, dass beide Formate ihre regionale Verortung ernst nehmen und dabei spezifischer vorgehen als manch älterer Schwesterkrimi. In Hamburg drehen sich die Fälle der Woche um Elbfischer, Pferdehändler, Hausbesetzer oder Mai-Demos, in Potsdam kommt der starke Widerspruch zwischen der Vorzeigestadt mit Schlössern, Seen und Wäldern sowie strukturschwachen Gegenden und Narben der Geschichte zum Ausdruck.

"Die Verjüngung der Zuschauerstruktur am Vorabend spielt natürlich eine große Rolle"

Frank Zervos, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Fernsehfilm/Serie I

 

Dass hinter all diesen Bemühungen die Verjüngung der Zuschauerstruktur am Vorabend "natürlich eine große Rolle" spiele, räumt ZDF-Fiction-Chef Zervos ein. "Das gilt aber nicht nur für die beiden neuen 'SOKOs', sondern auch für Köln, Wismar, Stuttgart, Wien und Kitzbühel, bei denen permanent am Format gearbeitet wird, um es auf Höhe der Zeit zu halten und dabei auch zu verjüngen. Dies kann und wird allerdings nicht von heute auf morgen geschehen. Hier wird die ZDF-Mediathek eine wichtige Rolle übernehmen, um dem Sehverhalten der jüngeren Zuschauer entgegenzukommen." Und Zervos fügt hinzu, es sei nicht geplant, weitere "SOKOs" außer München einzustellen.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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