Check Check © Joyn/ProSieben/Timo Moritz
Neues "Joyn-Original"

Klaas-Serie "Check Check": Runter kommen sie alle

 

In "Check Check" spielt Klaas Heufer-Umlauf einen scheiternden Provinzheimkehrer, der seinem Vater zuliebe einen Job als Security-Mitarbeiter am örtlichen Kleinflughafen annimmt. Das ist sehr albern - und zugleich erstaunlich warmherzig. Die Serienkritik...

von Peer Schader , Berlin
21.10.2019 - 08:38 Uhr

Fridays for Future und Extinction Rebellion protestieren weltweit für mehr Klimabewusstsein. Erste Airlines empfehlen ihren Passagieren für Kurzstrecken die Reise per Zug. Die Bundesregierung senkt mit fast-sofortiger Wirkung die Mehrwertsteuer auf Bahntickets. Und der Streaming-Neuling Joyn? Startet eine Serie, die mehrheitlich im Sicherheitsbereich eines fiktiven deutschen Kleinflughafens spielt. Das nennt man vermutlich antizyklisches Senden.

Macht aber nix, weil „Check Check“ seine eigene Flugscham-Variante quasi automatisch eingebaut hat: In manchen Folgen ist (abgesehen vom Vorspann) kein einziger Flieger zu sehen, nirgends. Und das kann man dann ja irgendwie auch ökologisch finden: die konsequente Umwidmung ohnehin nicht ausgelastetster Regional-Aiports zum Drehkreuz für die ortsansässige Entertainment-Industrie.

Im neusten „Joyn Original“ – für das Klaas Heufer-Umlauf seine erste Serienhauptrolle spielt, und das irgendwann nächstes Jahr auch bei Pro Sieben landen soll – geht es ohnehin weniger ums Wegfliegen. Sondern eher ums Zurückkommen. Zumindest für Jan Rothe (Heufer-Umlauf), der aus Berlin zurück in die heimische Provinz fährt, um dort dem Vater einen Wochenendbesuch abzustatten, sich über ein paar alte Schulfreunde lustig macht, die es nicht weggeschafft haben – und dann selbst da bleibt. Weil er merkt, dass das alles so nicht weitergeht und der Papa sonst irgendwann das Haus abfackelt, in dem er schon viel zu lange alleine wohnt.

Wer soll das bloß bezahlen?

Zugeben will der Alte das natürlich nicht: „Ich komm nicht mehr so gut klar. Aber das geht auch wieder weg.“ Aber für Jan steht fest: „Udo baut ab.“ Deshalb muss der Mann auch so schnell wie möglich – ins Heim. „Am Ende isses das Beste für alle“ – also: vor allem für Jan, der schnell wieder zurück in die Stadt will. Und sich aller Selbstzentriertheit zum Trotz eingestehen muss, dass das so schnell kaum gehen wird, weil die örtliche Pflegeanstalt kein Ort ist, an den man jemanden schicken möchte, der auch noch ein Viertel bei Sinnen ist. Und weil ohnehin das Kleingeld fehlt, um das alles zu bezahlen.

Also beugt sich Jan dem Schicksal, zieht erstmal wieder zuhause ein und sucht sich einen Job am örtlichen Flughafen, der so aussieht, als hätte man dort schon gewusst, was „Flugscham“ ist, bevor Greta Thunberg überhaupt geboren wurde. „Ey, ich mach hier aber nicht den Abtaster“, wehrt sich der Heimkehrer anfangs noch, als ihn seine alte Flamme Sabine (Doris Golpashin), die inzwischen Flughafenchefin ist, ins Security-Team schickt. Macht er aber natürlich doch. Gibt ja auch sonst keine anderen Jobs an dieser „Bushaltestelle der Lüfte“ mit höchstens zwei Maschinenstarts am Tag. Und: Runter kommen sie alle.

Das Kennenlernen der neuen Kolleginnen und Kollegen führt zwar direkt in den ersten Großalarm, den Regelbefolger Harald (Jan Georg Schütte) auslöst, weil er sich verhört hat: „Der hat ‚Allah‘ gesagt!“ – und Jan, schon niedergestreckt, korrigiert: „Ich hab ‚Alter‘ gesagt!“ Anschließend kommt die Truppe – zu der außerdem Ingrid (Petra Kleinert), Schulkumpel Ertu (Kailas Mahadevan) und dessen Schwester Samira (Sara Fazilat) gehören – mit all ihren Unterschiedlichkeiten aber doch ganz gut miteinander klar. Schließlich muss ja die lange, sehr lange Zeit bis zur nächsten Gepäckkontrolle überbrückt werden. „Wir stehen hier immer mit einem Bein im Burn-Out“, macht sich Jan lustig – merkt dann aber doch, dass es auch außerhalb seines Großstadt-Kosmos Leute gibt, die mehr oder weniger ernstzunehmende Probleme haben. Die plötzlich halt auch seine sind, zum Beispiel die dauernörgelnden Fluggäste, denen es beim Security Check immer zu langsam geht, und die sich in einer Tour beschweren, dass es kein freies WLAN, keine „Fast Lane“ und keine Lounge gibt.

Parkplatz statt Rollfeld

Das ganz große Storytelling gehört – vorsichtig formuliert – eher nicht zu den Stärken von „Check Check“. Aber das geht in Ordnung, weil man die Truppe schnell ins Herz schließt und es dann ein bisschen egal ist, ob sie gerade für mehr Gehalt streikt oder die Personalkontrolle vom Amt sprengt. Das liegt auch daran, dass Headwriter Ralf Husmann mit seinem Autorenteam nicht bloß auf Klamauk setzten mag, sondern dazwischen immer wieder Platz lässt, um die fortschreitende Demenz von Jans Vater Udo (gespielt von Uwe Preuss) zu erzählen. Und dafür auch zwischen zwei Gags komplett die Tonalität wechselt. „Ich will doch nicht mit meinem Leben deins kaputt machen“, merkt Udo den eigenen Verfall und will den Sohn wieder wegschicken – setzt sich aber zum nächsten Morgengrauen ohne Bedenken ins Auto, um im Bademantel mit Topfpflanze auf der Bundesstraße spazieren zu gehen. Auch Jan gerät bald an seine Grenzen und muss feststellen, dass zwischen seiner Selbst- und Fremdwahrnehmnung eine riesige Lücke klafft – ähnlich wie bei seinem neuen Arbeitsort, der sich als „Drehkreuz zur Welt“ mit der dreisten Lüge schmückt: „Hier beginnt der Urlaub schon am Schalter.“

Trotzdem ist nicht so recht absehbar, wo das alles überhaupt hin will, ob es ein Art Ziel gibt, oder ob sich die Zuschauerinnen und Zuschauer bloß ein bisschen die Zeit vertreiben sollen, bis Jan ausreichend provinzvorurteilsgeläutert wieder die Biege macht. So gerne man Heufer-Umlauf in seiner Rolle auch beim Frotzeln mit dem Kollegen Harald und dem Flirten mit der Ex zusieht: den arroganten Großstadtschnösel nimmt man ihm nur bedingt ab. Dafür überwiegt nach jedem fiesen Spruch ja doch die Einsicht, dass es gerade gar nicht nur um ihn geht.

Bei anderen Charakteren haben sich dafür rätselhafte Sekundenstimmungswechsel in die Bücher geschlichen. Und auch wenn es nicht weiter schlimm ist, dass man „Check Check“ das Mini-Budget ansieht, mit dem gedreht wurde – die Variation schränkt das am Ende natürlich doch ein. Viel mehr als den Security-Bereich und den leeren Parkplatz vorm Terminal kriegt man trotz der echten Kulisse manchmal kaum vom Flughafen zu sehen.

Eine „fast familienartige Aufstellung“

Für den Dreh Anfang des Jahres mussten trotzdem jeden Tag 45 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Produktionsteam durch den realen Security-Check am Flughafen Kassel-Calden geschleust werden. Arbeitszeittechnisch geht das aber im Zweifel auch schon als Probe durch. „Ich bin inzwischen sehr emphatisch mit Flughafenmitarbeitern“, sagte Heufer-Umlauf in der vergangenen Woche bei der Premiere von „Check Check“ in der Berliner Astor Filmlounge über den Einfluss seiner Rolle auf die eigenen Reisegewohnheiten. Und erklärte auch kurz, was ihn an dem Stoff gereizt hat, um sich dafür auch noch als Produzent zu engagieren: die „fast familienartige Aufstellung“ der Leute, die an Flughäfen jeden Tag auf engstem Raum zusammenarbeiten. „Man kriegt da ja fetzenartig die intimsten Gespräche zwischen den Mitarbeitern mit, immer nur für den Bruchteil einer Sekunde.“

Check Check Premiere in Berlin© DWDL


Und die Stimmungsvariationen in der Serie? „Mir macht es Spaß, Charaktere anzusehen, die sich verhalten wie echte Menschen. Die kann ich begreifen. Wer immer nur gute Laune hat, vor dem hab ich nackte Angst.“ Regisseur Lars Jessen fügte in Berlin hinzu, das Komische sei immer dem Tragischen geschuldet: „Wir wollten uns nicht über Udos Demenz lustig machen.“ Aber man habe auch nicht die komischen Momente verschweigen wollen, die sich durch im Verlaufe der Krankheit auch ergeben können. Über Heufer-Umlaufs Schauspieleignung  sagte Jessen: „Er guckt den Text an und kann den. Das ist eine Frechheit.“ Und Heufer-Umlauf relativierte: „Dafür mussten wir viele Szenen neu drehen, weil ich ständig in die Kamera geguckt habe.“

Hat sich gelohnt, die Arbeit: Vor allem dank seiner liebenswerten Charaktere gelingt „Check Check“ die ungewöhnliche Balance, gleichzeitig albern und melancholisch, oberflächlich und nachdenklich zu sein. Dafür kann man auch mal ein Auge zudrücken und die Schwächen ignorieren, die sich in die Erzählung eingeschlichen haben.

Joyn zeigt 10 Folgen von „Check Check“ ab diesem Montag; die Ausstrahlung auf ProSieben ist für 2020 vorgesehen.

Über den Autor

Peer Schader arbeitet als freier Journalist in Berlin. Schrieb seine erste TV-Kritik 2000 über eine RTL-II-Fahrschuldokusoap (und danach noch ein paar mehr). Mag Fernsehen vor allem dann, wenn es sich richtig viel Mühe gibt, sein Publikum zu fesseln.

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