The Morning Show / Little Fires Everywhere © Apple/Hello Sunshine
DWDL.de zu Besuch bei Hello Sunshine

So wächst Reese Witherspoons weibliches Medienimperium

 

Mit Produktionen wie "Big Little Lies" oder "The Morning Show" ist Hello Sunshine zu Hollywoods Top-Serienmachern aufgestiegen. Doch Reese Witherspoon verfolgt mit ihrem Unternehmen noch größere Ambitionen. DWDL.de hat die Firma in Santa Monica besucht.

von Torsten Zarges , Los Angeles
03.12.2019 - 10:21 Uhr

Das in Pastelltönen gehaltene Großraumbüro in einem Hinterhof der Colorado Avenue in Santa Monica könnte glatt als hippe Mischung aus Coworking Space und Café durchgehen. Ein riesiges Bücherregal  und gemütliche Sitzecken mit sorgfältig drapierten Designersesseln fallen sofort ins Auge. In Wahrheit hat Hollywood-Star Reese Witherspoon hier – in Laufweite zu potenziellen und tatsächlichen Kunden wie HBO, Hulu, Lionsgate oder Amazon Studios – ihre Produktionsfirma Hello Sunshine angesiedelt.

Wobei man 'Produktionsfirma' bei Hello Sunshine gar nicht so gern hört. "Wir verstehen uns als umfassende Medienmarke", rückt CEO Sarah Harden gleich zur Begrüßung den Eindruck zurecht. "Diese Marke basiert auf der Mission, Inhalte für die verschiedensten Plattformen zu erschaffen, die die Narrative für und über Frauen verändern." Ihr gesamtes, überwiegend weibliches Team arbeite unter der Grundannahme, dass das Gegenteil von Patriarchat eben nicht Matriarchat, sondern Qualität sei.

Die Mission wird für Besucher an den Bürowänden und in den Konferenzräumen sichtbar durch zahlreiche Buchcover weiblicher Autorinnen und Szenenfotos aus weiblich geprägten Produktionen von Hello Sunshine, etwa Witherspoon mit Jennifer Aniston in "The Morning Show", Witherspoon mit den übrigen Monterey Five in "Big Little Lies" oder Octavia Spencer in dem Crime-Drama "Truth Be Told", das am 6. Dezember bei Apple TV+ startet. Die Gründerin hat ihrer Firma auf die Fahne geschrieben, Stoffe von Autorinnen zu priorisieren und Geschichten mit vielfältigen Frauenfiguren im Vordergrund zu erzählen. Ihre Geschäftsführerin fand sie 2017 beim Mitgesellschafter Otter Media: Die gebürtige Australierin Sarah Harden hatte das Joint Venture von AT&T und The Chernin Group – heute eine Unit von WarnerMedia – zuvor geleitet.

Wie konsequent Witherspoons Truppe vorgeht, lässt sich gut an "Little Fires Everywhere" ablesen. Die achtteilige Serie von Showrunnerin Liz Tigelaar ("Casual") läuft im Frühjahr 2020 beim US-Streaming-Dienst Hulu an. Sie erzählt die Geschichte der scheinbar perfekten Bilderbuchfamilie Richardson in einem Vorort von Cleveland, deren Leben durch ein neu zugezogenes Mutter-Tochter-Gespann auf den Kopf gestellt wird. Die Liste der verdrängten Geheimnisse und plötzlich ausbrechenden Skandale reicht von Brandstiftung bis zu unrechtmäßiger Adoption. "Little Fires Everywhere" basiert auf dem gleichnamigen Bestseller-Roman der chinesisch-amerikanischen Schriftstellerin Celeste Ng.

Es ist im Film- und Fernsehgeschäft an der Tagesordnung, Rechte an Büchern zu erwerben, um diese zu verfilmen. Im konkreten Fall spricht freilich vieles dafür, dass Hello Sunshine und Reese Witherspoon persönlich dafür gesorgt haben, das Buch auf die Bestseller-Listen zu katapultieren. Im Mai 2017, kurz vor Erscheinen, optionierte die Firma bereits die Reche. Im September 2017 machte sie "Little Fires Everywhere" dann zur Empfehlung des Monats in "Reese's Book Club", der zum damaligen Zeitpunkt 50.000 Follower hatte und inzwischen bei 1,5 Millionen angelangt ist. Das Prinzip des "Book Clubs" mit regelmäßigen Literaturtipps von prominenten Autoritäten ist in den USA weit verbreitet und in seiner verkaufsfördernden Wirkung besonders durch Oprah Winfrey geprägt worden.

Hello Sunshine© Crate and Barrel
Bücherregal und Sitzecken: Hello Sunshine sitzt im sorgfältig designten Großraumbüro

Mit der Option in der Tasche und dem erfolgreichen Buch in der Hand war Hello Sunshine bestens gerüstet. "Wir haben zuerst Kerry Washington gefragt, ob sie neben Reese als Hauptdarstellerin und Koproduzentin dabei sein möchte", berichtet Sarah Harden. "Sie hat sofort zugesagt. Weil Kerry einen Rahmenvertrag mit ABC Studios hat, war klar, dass wir das zusammen machen, dass Hello Sunshine und ABC Studios 50:50 als Co-Studio-Partner agieren." Unmittelbar vor der Weihnachtspause 2017/18 verschickte Hello Sunshine den Roman, verbunden mit dem Hinweis aufs attraktive Package, an ausgewählte Sender und Plattformen. Die Botschaft war ebenso klar wie selbstbewusst: Bitte erst lesen – nur wenn ihr das Buch wirklich mögt, seid ihr zum Pitch willkommen! Mit dem Namen eines gefragten Top-Stars im Rücken, kombiniert mit einem inhaltlich überzeugenden Konzept, lässt sich die übliche Hackordnung umkehren.

Den Zuschlag unter mehreren Interessenten erhielt schließlich Hulu. Während der Dreharbeiten im Sommer dieses Jahres wurden die Follower von "Reese's Book Club" auf Instagram mit ständigen Updates versorgt und bekamen so etwa zu sehen, wie Tonnen von Kunstschnee nötig waren, um in der Hitze von Los Angeles den Winter von Ohio zu drehen. Die Social-Media- und Audio-Teams von Hello Sunshine produzierten parallel dazu jede Menge begleitenden Content, der nächstes Jahr zur Start-Promotion eingesetzt werden soll.

Sarah Harden© Hello Sunshine
"Bei uns marschiert ein integriertes Projektteam – bestehend aus Produktion, Brand Partnerships, Social Media und Reese persönlich – im Gleichschritt miteinander und mit den jeweiligen Verantwortlichen von Hulu", so Sarah Harden (Foto). "Das ist in vielen anderen Studios noch nicht unbedingt selbstverständlich." Längst nicht jeder Produzent sei bereit, sich im laufenden Dreh mit den Bedürfnissen von Markenpartnern oder Social-Media-Teams auseinanderzusetzen. Für Lauren Neustadter, Head of Film and Television bei Hello Sunshine, jedoch gelebter Alltag: "Ich weiß, dass wir so das bessere Gesamtpaket hinkriegen und von vornherein eine engere Bindung unserer Community ans Produkt erzielen. Und dank der vertrauensvollen Markenintegrationen bekomme ich auch noch den besseren Kunstschnee."

Angesichts des geschilderten Vorgehens scheint es kaum übertrieben, wenn die einzelnen Projekte bei Hello Sunshine 'Franchise Priorities' genannt werden. "LFE", kurz für "Little Fires Everywhere", steht aktuell auf der Prioritätenliste ganz oben, dicht gefolgt von "DJ6". Auf den Strategiepapieren und Whiteboards von Hello Sunshine steht diese Abkürzung für "Daisy Jones & The Six", eine neue zwölfteilige Serie für Amazon Studios, deren Besetzung am Tag vor dem DWDL.de-Besuch offiziell verkündet wurde. Sie spielt in der Musikszene der 1970er Jahre in L.A. und erzählt vom Aufstieg und Niedergang einer fiktiven Rockband. Riley Keough, bekannt aus "The Girlfriend Experience", übernimmt die Titelrolle der jungen Musikerin und Leadsängerin Daisy Jones.

Lauren Neustadter kommt gerade aus dem "DJ6"-Writers' Room und wirkt euphorisch: "In den nächsten Tagen bringen wir alle Heads of Department von Amazon Studios und Hello Sunshine zur weiteren Strategieplanung zusammen." Wenig überraschend ging auch dieser Serie ein Buch voraus: Der gleichnamige Roman der US-Schriftstellerin Taylor Jenkins Reid erschien im März, wurde in "Reese's Book Club" als Empfehlung des Monats angepriesen ("Ich habe es an einem Tag verschlungen") und schaffte es neun Wochen lang auf die "New York Times"-Bestseller-Liste. 

Reese's Book Club© Hello Sunshine
"Unser Ziel ist es, den bedeutsamsten Buchclub für Frauen aufzubauen", sagt Sarah Harden. "Von den 30 Titeln, die wir bisher ausgewählt haben, konnten sich 23 auf der Bestseller-Liste platzieren. Reese liest und empfiehlt alles persönlich." Die Schauspielerin hatte schon zuvor Buchtipps via Social Media geteilt und ihren Club im Juni 2017 offiziell ins Leben gerufen, mit Instagram und einem E-Mail-Newsletter als Hauptplattformen. Laut US-Marktforscher NPD BookScan hat ein "Pick of the Month" von "Reese's Book Club" zur Folge, dass die Verkäufe des jeweiligen Titels rund 700 Prozent über dem Marktdurchschnitt liegen. So wurde im Februar etwa "The Proposal" von Jasmine Guillory durch Witherspoons Club zum Bestseller. Die romantische Komödie beginnt mit einem Heiratsantrag vor 45.000 Zuschauern im Baseballstadion, den die weibliche Hauptfigur ablehnt und daraufhin vor enttäuschten Fans und Fernsehkameras flüchten muss. Aus dem Roman soll nächstes Jahr einer der Filme werden, die Hello Sunshine zu HBO Max, der neuen Streaming-Plattform von WarnerMedia, beisteuert. Der Deal beinhaltet RomComs für eine weibliche Zielgruppe in der Budgetklasse zwischen 20 und 40 Millionen Dollar – ein Segment, das laut Harden "im Kino komplett weggebrochen ist und daher eine große Chance für Streamer darstellt".

Neben der Film- und Serienproduktion und dem Buchclub betreibt Hello Sunshine einen gemeinsamen Video-on-Demand-Kanal mit der zu AT&T gehörenden Pay-TV-Plattform DirecTV, zwei Podcasts sowie Original-Audio-Formate mit Audible. Über die verschiedenen Projekte hinweg macht die Firma gemeinsame Sache mit Markenpartnern, die mehrere Millionen Dollar jährlich dafür zahlen, umfassend eingebunden zu werden. "Wir haben uns mit etlichen CMOs großer Brands getroffen, um herauszufinden, wer unsere Philosophie des 'female empowerment' teilt", so Harden. "Aus Storyteller-Sicht ermöglichen uns solche Partnerschaften, neue Inhalte zu entwickeln, ohne selbst ins Risikoinvestment gehen zu müssen." Anfang November wurde bekannt, dass Procter & Gamble einer dieser Partner ist.

Fair Play© Hello Sunshine
Mit P&G kooperiert Hello Sunshine rund um das Ratgeberbuch "Fair Play", das Strategien für die Aufteilung der Arbeit im Haushalt zwischen Lebenspartnern vorstellt. Witherspoons Firma hat das Buch gemeinsam mit Autorin Eve Rodsky entwickelt, ist damit erstmals schon auf der Buchebene IP-Inhaberin und sorgte im Oktober für die entsprechende Buchclub-Empfehlung. Mit Haushaltsmarken wie Bounty, Charmin, Downy oder Tide entstehen dazu eine YouTube-Videoserie, ein Podcast sowie eine Influencer-Kampagne zur gerechteren Aufteilung der 'unsichtbaren' Hausarbeit. Harden lobt das "intensive Engagement für Gender Equality", das P&G und seine Marken zu perfekten Partnern mache.

Zwar ist die Firmengründerin am Tag des DWDL.de-Besuchs nicht im Haus. Doch weil alle Innenwände aus Glas sind, sieht man im Vorbeigehen in Witherspoons persönlichem Büro ein Schild mit einem weiteren Credo hängen: "What would Oprah do?" Mit Hello Sunshine befindet sich die prominente Unternehmerin längst auf dem besten Weg zu einem ähnlichen Mogulstatus.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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